Die Zahl klingt klein, aber am Ende des 18. Jahrhunderts waren 25 Millionen Dollar eine Menge Geld. So hohe Schulden hatten die dreizehn Kolonien an der Ostküste Nordamerikas während der Zeit aufgehäuft, in der sie ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erkämpften. So groß war das Problem, dem sich Alexander Hamilton gegenübersah, als er am 11. September 1789 unter dem ersten Präsidenten George Washington das Amt des Finanzministers antrat - er, der schon in der Verfassunggebenden Versammlung von 1787/88 einer der Wortführer gewesen war und als Autor der „Federalist Papers“ für einen starken Bundesstaat anstelle eines lockeren Staatenbunds plädiert hatte.
Hamilton wollte das Problem lösen, indem der Bund die Schulden der Einzelstaaten einfach übernahm und sich im Gegenzug mit der alleinigen Verfügungsgewalt über die Zölle eine entsprechende Einnahmequelle verschaffte. Damit stieß er zunächst auf den vehementen Widerstand jener Staaten, die einen beträchtlichen Teil ihrer Schulden bereits aus eigener Kraft getilgt hatten - und jener Idealisten unter den amerikanischen Gründervätern, die eine Rückzahlung überhaupt nicht für nötig hielten.
Besonders hartnäckig war der Widerstand in Virginia, der Heimat von Hamiltons langjährigem Gesinnungsgenossen James Madison, der ihm wegen der Schuldenfrage die Freundschaft aufkündigte. Der Südstaat hatte seine Verbindlichkeiten bereits halbiert und mochte nicht einsehen, etwa für das nördliche Massachusetts mit seinem hohen Defizit einzustehen.
Gemeinsam für die Verbindlichkeiten einstehen
Zunächst schien die Lage für den neuen Finanzminister, der heute auf dem 10-Dollar-Schein abgebildet ist, aussichtslos zu sein. Gegen den fast geschlossenen Widerstand des Südens konnte er sich kaum durchsetzen, eine erste Abstimmung im Repräsentantenhaus ging knapp verloren. Aber Hamilton kämpfte. Anders als der zaudernde Madison sprach er „nicht in dürren, technischen Worten“, wie sein Biograph Ron Chernow rühmt. Er redete von Gerechtigkeit, Patriotismus und nationaler Ehre. Die Schulden seien durch die Revolution verursacht worden, argumentierte er. Von ihr hätten alle Amerikaner gleichermaßen profitiert, also müssten sie jetzt auch gemeinsam für die Verbindlichkeiten einstehen.
Am Ende waren es nicht seine großen Worte, die Hamilton zum Sieg verhalfen, sondern seine überragenden taktischen Fähigkeiten. Geschickt verstand es der Politiker aus New York, die Schuldenfrage mit der Hauptstadtfrage zu verbinden. Bei einem Abendessen in Madisons Privathaus verhandelte er den Kompromiss. Er opferte alle Ambitionen, die Regierung der Vereinigten Staaten in seiner Heimatstadt anzusiedeln - eine Kehrtwende, die man ihm dort noch lange übelnehmen sollte.
Den Opponenten aus Virginia kam er im Wortsinn entgegen: Direkt an ihrer Grenze, am beschaulichen Ufer des Potomac, sollte sich die neue Zentralgewalt nun ansiedeln. Außerdem gestand er Virginia eine Obergrenze zu, an der die Haftung für andere Staaten enden sollte. Im Gegenzug gab Madison seinen Widerstand auf. Am 26. Juli 1790 billigte das Repräsentantenhaus die „Assumption Bill“, das Gesetz zur Schuldenübernahme.
Der Hamilton der Eurokrise
An Madisons Esstisch löste Hamilton nicht nur ein ökonomisches Problem, er schlug auch politisch ein neues Kapitel der Geschichte auf. Vom „berühmtesten Abendessen der amerikanischen Geschichte“ spricht Biograph Chernow. Ohne die Kehrtwende jenes Abends hätte es die spätere Weltmacht Amerika nicht gegeben. Erst die Zentralisierung der Haushaltspolitik, die Erschließung eigener Einnahmequellen für den Gesamtstaat schubste den Staatenbund der Kolonien in Richtung jenes Bundesstaats, wie wir ihn kennen.
Hierzulande ist die Episode kaum bekannt. In den Vereinigten Staaten wird Hamiltons Coup den Europäern hingegen als Vorbild empfohlen, seit die Schuldenkrise im vorigen Jahr eskalierte. „Damals die Vereinigten Staaten, heute Europa“, überschrieb der Wirtschafts-Nobelpreisträger Thomas J. Sargent seine Stockholmer Dankesrede. „Wer ist der Alexander Hamilton der Eurozone?“, fragte im „Wall Street Journal“ der Ökonom Irwin Stelzer. „Vielleicht sollte sein Gesicht eines Tages auch den 10-Euro-Schein zieren“, empfahl schließlich der in Princeton lehrende Wirtschaftshistoriker und Deutschlandkenner Harold James das Verfahren. Und in Deutschland berief sich der Sachverständigenrat der Bundesregierung auf das historische Beispiel, als er einen Tilgungsfonds für Europa empfahl.
Hamilton gelang es, eine scheinbar aussichtslose Finanzkrise am Ende in einen politischen Erfolg zu verwandeln. Schon als Autor der „Federalist Papers“ hatte der liberalkonservative Politiker die partikularistischen Tendenzen der linken Demokraten bekämpft. „Föderalisten“, das waren damals anders als im heutigen deutschen Sprachgebrauch die Verfechter einer starken Zentralgewalt - und zugleich die Vorläufer der heutigen Republikanischen Partei. Die politischen Gegner, die für das Kleine und Überschaubare ebenso eintraten wie für ein Höchstmaß an direkter Demokratie, nannten sich damals „Republikaner“ - und waren doch die Vorläufer der Demokraten Barack Obamas.
Die Frage nach der politischen Organisation des nordamerikanischen Kontinents wurde damals mit einer Leidenschaft und mit einem Ausmaß an historischen Kenntnissen geführt wie kaum eine andere Verfassungsdebatte in der Geschichte der westlichen Demokratien. Immer tiefer versenkten sich Hamiltons Föderalisten in das Studium des antiken Griechenland und der italienischen Renaissance, deren Stadtstaaten so lange als Idealbild demokratischer Gemeinwesen gegolten hatten.
Doch je gründlicher sie die Quellen studierten, desto abstoßender erschien ihnen der Geist der Kleinstaaterei. „Wenn sich das Volk versammelte“, schrieb etwa Hamiltons Freund John Adams über das alte Athen, „befand sich am Ort der Debatte ein zügelloser Mob, der zur Beratung nicht fähig und zu jeder Ungeheuerlichkeit bereit war.“ Das antike Griechenland mit seinen Zwergstaaten, die sich eifersüchtig beäugten und nicht zu gemeinsamem Handeln durchringen konnten, galt Hamilton und seinen Gesinnungsgenossen nicht als Vorbild. Im Zweifel orientierten sie sich lieber am liberalen römischen Imperium, das schließlich die Zwistigkeiten Griechenlands befriedete - ganz so, wie Amerika später wider Willen in zwei Weltkriege zog, um die Bruderkriege des alten Europa zu schlichten.
Eine neue Verschuldung wurde nicht verhindert
Hamiltons Abneigung gegen Kirchturmdenken und Basisdemokratie verschaffte ihm in einer eher links geprägten Historiographie, die im Kleinen stets das Sympathische sah, lange Zeit eine schlechte Resonanz. Inzwischen hat sich das Bild aufgehellt, wie der Princeton-Historiker Sean Wilentz feststellt. Heute gelte Hamilton, schreibt Wilentz, „als der visionäre Architekt der modernen, liberal-kapitalistischen Wirtschaft und einer dynamischen Zentralregierung mit einer energischen Exekutive an der Spitze“. Die Befürworter von Kleinstaaterei und direkter Demokratie im Geiste des Franzosen Jean-Jacques Rousseau erschienen hingegen als „reaktionäre Utopisten, die sich dem Ansturm der kapitalistischen Moderne widersetzten“. Ihre Glaubwürdigkeit wird rückblickend auch dadurch unterminiert, dass sie auf ihren Plantagen die Sklaverei praktizierten, die Hamilton als Freund moderner Lohnarbeit und Kreditwirtschaft entschieden bekämpfte - ein Konflikt, an dem sich 1861 der Bürgerkrieg entzündete. Erst danach fand Amerika zu gemeinsamen ökonomischen und politischen Werten.
So steht Hamilton in der Reihe kühler Realpolitiker, die lange als Zyniker galten und doch die westliche Welt im Ganzen erfolgreich durch die turbulente Zeit der beginnenden Moderne steuerten - der langjährige Minister Charles-Maurice de Talleyrand in Frankreich etwa, der den amerikanischen Kollegen zu „den größten Männern unserer Zeit“ rechnete.
Hamiltons Meisterstück verhinderte allerdings nicht, dass sich die Bundesstaaten im frühen 19. Jahrhundert abermals verschuldeten - auch weil der Bund zu den neuen Infrastrukturen der beginnenden Industrialisierung nichts beitrug und weil sie die Steuereinnahmen nicht an diese neue Aufgaben anpassten. 1841/42 konnten neun von mittlerweile 26 Bundesstaaten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Diesmal sprang der Bund nicht ein. Es gab dafür keinen politischen Grund mehr: Die Vereinigung zum Bundesstaat hatte Hamilton ja schon durchgesetzt.