Die vergangene Woche begann mit einem Erdbeben, ausgelöst von Moody’s, der amerikanischen Ratingagentur. Am Montag stellten die Analysten in Frage, ob der Schuldner Deutschland - bislang über jeden Zweifel erhaben - noch länger das Spitzenrating „AAA“ verdient. Am Mittwoch die nächste Erschütterung: Der wichtigste Frühindikator für die Konjunktur, der Ifo-Geschäftsklimaindex, fiel deutlich und zum dritten Mal in Folge. Und die bislang vor Kraft strotzenden Dax-Konzerne? Ende vergangener Woche präsentierten Unternehmen wie Siemens und MAN kleinlaut ihre Zahlen. Die Bilanzen zeigen, dass die Euro-Eruptionen auch an ihnen nicht länger spurlos vorbeigehen.
Absurd hohe Haftungsrisiken
Das alles zusammen ergibt ein klares Bild: Selbst der belastbarste Pfeiler in der Euro-Konstruktion bekommt erste Risse. Das bisherige Krisenmotto, Deutschland werde es am Ende schon richten, hat nicht länger Bestand - denn die hypothetischen Haftungszusagen für die Euro-Rettung entpuppen sich mehr und mehr als reale Bedrohung. Und im gleichen Atemzug drängen sich die Fragen auf: Wie lange kann Deutschland die Euro-Last noch stemmen? Und wann stürzt alles ein?
Bei allen Unwägbarkeiten, die Krisen-Szenarien mitbringen, ist eines sicher: Deutschland haftet im Extremfall mit einer Summe, die den Bundeshaushalt mickrig aussehen lässt. 771 Milliarden Euro zahlt Deutschland bei einem Euro-Kollaps maximal, hat das Münchener ifo-Institut ausgerechnet. Zum Vergleich: Der Finanzminister hat gerade mal 306 Milliarden Euro zu verteilen.
Griechenland wird Nebenschauplatz
Es ist ein Betrag, der zusammenzucken lässt - und es ist ein Betrag, der zunehmend auf dem Spiel steht. Zum Beispiel in Griechenland. Kann Athen seine Schulden nicht mehr begleichen, koste das jeden Deutschen mindestens 1000 Euro, hat Ifo-Forscher Kai Carstensen ausgerechnet. „Fast 89 Milliarden Euro werden fällig, angenommen die Griechen sind zahlungsunfähig, verbleiben aber in der Eurozone“, sagt Carstensen. Tritt Griechenland bei einer Pleite aus, sei das für Deutschland um sieben Milliarden Euro günstiger. Die größten Posten in seiner Rechnung sind die Milliarden, mit denen Deutschland für den Rettungsfonds EFSF haftet, und die Verbindlichkeiten der Hellenen bei der EZB, für die auch die Deutschen geradestünden.
Einen Irrtum begeht, wer diese Summe isoliert betrachtet - und sie deshalb für beherrschbar hält. Denn die einfache Rechnung, dass die deutsche Schuldenlast, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, durch einen Griechenland-Bankrott lediglich um etwa 3,5 Prozent steigt, geht nicht auf. Dabei wäre diese Lösung, jetzt da sich der Staat Geld quasi umsonst Geld leihen kann, auf den ersten Blick so verlockend: Die Pleite würde den Bund lediglich eine Milliarde Euro im Jahr kosten, streicht man das umstrittene Betreuungsgeld, hätte man die Summe locker wieder drin.
Doch Griechenland ist längst zu einem Nebenschauplatz der Krise geworden. Die größte Gefahr für den Euro und die immensen Summen, die Deutschland zugesagt hat, lauert in Spanien. Die schlechten Nachrichten aus den klammen Provinzen treiben die Befürchtung, dass bald das ganze Land unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Und es könnte sogar noch schlimmer kommen: Mitte vergangener Woche sorgte ein Gutachten für Wirbel, das 17 international anerkannte Ökonomen vorlegten. Sie warnen eindringlich vor einem Zusammenbruch der Eurozone, auf den Europa und damit auch Deutschland „schlafwandelnd“ zu manövriere. Die Kosten? „Unkalkulierbar.“
Forderungen über 2,8 Billionen Euro
“Wichtige Staatsfonds ziehen sich bereits aus der Eurozone zurück, das Vertrauen unter den Banken sinkt“, sagt Lars Feld, Mitverfasser und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Steuert die Politik nicht massiv gegen, dann müsse demnächst Spanien und später auch Italien gerettet werden. „Und das ist nicht mehr zu stemmen“, sagt Feld. Als Beleg liefert er Zahlen. Allein die beiden größten Südländer müssen sich bis Ende 2013 etwa 750 Milliarden Euro frisches Geld beschaffen. „Das ist zu viel für EFSF und ESM“, rechnet Feld vor. Das Kreditlimit der beiden Fonds liege in einer geplanten Übergangsphase bei etwa 640 Milliarden Euro.
Kommt es so, wie es der Freiburger Forscher fürchtet, wird die Euro-Zeche für Deutschland richtig teuer. Deutsche Unternehmen, Banken, Privatleute und der Staat tragen Forderungen von 2,8 Billionen Euro gegen Schuldner aus dem Euro-Ausland mit sich rum, hat der Sachverständigenrat kürzlich ausgerechnet. Eine Summe, die größer ist als das, was alle Deutschen innerhalb eines Jahres von früh bis spät erwirtschaften. Feld: „Bricht der Euro zusammen, ist ein nicht unwesentlicher Teil dieser Summe abzuschreiben.“
„Die EZB kann immer nur den Dachstuhl löschen“
Wie hoch dieser Verlust genau wäre, wagt momentan keiner der Forscher zu schätzen. Nach einem Euro-Crash müssten die Wechselkurse neu bestimmt werden, für viele Schuldner aus dem Süden würde das die Rückzahlung quasi unmöglich machen. Auf welche Zahlungen man sich mit dem Ausland genau einigt, hängt dann auch vom Verhandlungsgeschick der Politik ab. Die Folgen wären drastisch, da ist sich Forscher Feld sicher: „Es käme schlimmer als in der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite.“ 2009 war das BIP um 5,1 Prozent eingebrochen. Kommt der Crash, bleiben mittelständische Betriebe auf ihren Rechnungen sitzen und müssten wohl Insolvenz anmelden. Banken, die sich noch nicht von der vergangenen Krise erholt haben, gerieten in Schieflage. Und mit den traumhaft niedrigen Zinsen wäre es genauso schnell vorbei wie mit satten Wachstumsraten.
Wie lange Deutschland noch bleibt, um diesen Crash abzuwenden? „Es kann sein, dass wir noch ganz normal durch den Sommer kommen und uns auch durch den Crashmonat September lavieren“, sagt Feld. Eskalieren könne die Lage aber auch viel schneller. „Bis zur Bundestagswahl im kommenden Herbst reicht es aber nicht“, fürchtet Feld. Dass die Europäische Zentralbank gegen ihr eigentliches Mandat zum dauerhaften Staatsfinanzierer mutieren könnte, hält Feld für keine gute Idee: „Die EZB kann immer nur den Dachstuhl löschen, sie hat keine Möglichkeiten, Bedingungen für ihre Hilfe zu stellen.“
Reine Panikmache?
Die Bundesregierung flüchtet sich in Beschwichtigungpolitik. Sie will von dem Weckruf der Forscher nichts wissen, es handle sich um „eine von vielen Expertenmeinungen“. Die nackten Zahlen am Markt scheinen die Einschätzung bislang zu stützen. Die Zinsen deutscher Staatsanleihen reagierten kaum auf die Moody’s-Warnung, an der Wachstumsprognose von 0,7 Prozent für das laufende Jahr hält die Regierung trotz des trüben Geschäftsklimas fest.
Ob die Strategie, Warnungen mit dem Label Panikmache abzutun, noch lange durchzuhalten ist, ist fraglich. Denn: „Die Krise trifft jetzt auch die heimische Realwirtschaft“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die zuversichtlichen Wachstumsaussichten für das kommende Jahr von 1,3 Prozent sieht er gefährdet. Ein Grund: Die Auftragsbücher deutscher Unternehmen sind längst nicht so üppig gefüllt wie erhofft. Siemens etwa musste auch wegen der Euro-Krise für das zweite Quartal einen Auftragsrückgang von 23 Prozent hinnehmen.
Christian Dreger, Makroökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht in den Exportindustrien die Gefahr wachsender Arbeitslosigkeit auf Deutschland zukommen. Anders als in der vergleichsweise kurzen Finanzkrise seien die Unternehmen künftig nicht in der Lage, eine Schwächephase zum Beispiel durch Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten abzufedern. „Der Erholungsprozess wird dieses Mal länger dauern“, warnt er, „vielleicht 10 Jahre.“
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