08.05.2010 · Der größte Wert an der Athener Börse ist ein Getränkeabfüller. Nennenswerte Industriewerte gibt es kaum. Das erschwert es Griechenland, die Wirtschaft durch Exporte zu stärken.
Von Alexander Armbruster und Rainer Hermann, Frankfurt und AthenZum Beispiel General Electric. Das amerikanische Technologieunternehmen hat momentan über dreihunderttausend Mitarbeiter und vertreibt von Kraftwerkstechnik bis zu Glühlampen eine breite Produktpalette überall auf der Welt. Vorstandschef Jeffrey Immelt ist weltbekannt, sein Vorgänger Jack Welch legendär. Die Anteilsscheine des Unternehmens sind zu aktuellen Börsenpreisen und Wechselkursen ungefähr 158 Milliarden Euro wert.
Zum Beispiel Siemens. Der in München ansässige Konzern beschäftigt etwa vierhunderttausend Mitarbeiter auf der ganzen Welt und verdient Geld, indem er im Auftrag von Regierungen Infrastrukturprojekte in die Tat umsetzt. Siemens-Chef Peter Löscher vertrat die deutsche Wirtschaft beispielsweise auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen. Wer momentan Siemens kaufen will, müsste dafür mehr als 66 Milliarden Euro bieten.
Zum Beispiel Coca Cola Hellenic Bottling. Das griechische Unternehmen ist der weltweit zweitgrößte Abfüller und Vertreiber des in seinem Namen steckenden Limonadengetränks. Sein aktueller Marktwert beträgt allerdings nur rund 7 Milliarden Euro, die Mitarbeiterzahl liegt bei 42.000. In einer Beziehung aber gehört das Unternehmen doch in eine Reihe mit den beiden vorherigen Namen: Coca Cola Hellenic Bottling ist der wichtigste börsengehandelte Industriewert seines Landes.
Niemand, der exportgetriebenes Geld ins Land fließen lassen könnte
Tatsächlich ist an der Börse in Athen momentan sogar kein einziges Unternehmen mehr wert als Coca Cola Hellenic Bottling. Das verdeutlicht sehr plakativ das Ausmaß der Misere, in die sich das südeuropäische Land gebracht hat. Und auch, welche Auswege ihm faktisch nicht zur Verfügung stehen. „Griechenland hat schlicht und einfach keine bedeutende Industrie“, sagt Martin Knapp, der Geschäftsführer der deutsch-griechischen Handelskammer in Athen.
In Griechenland gibt es keine großen Maschinenbauer. Keine großen Autohersteller wie Daimler, BMW oder Volkswagen. Also niemanden, der selbst durch sinkende Produktionskosten auf die Schnelle substantiell mehr exportgetriebenes Geld in das Land fließen lassen könnte. Niemanden also, auf den Griechenland bauen kann, wenn seine Banken bankrott gingen. Das ist die Gefahr.
Im Extremfall von einem auf den anderen Tag insolvent
Die vier größten griechischen Geschäftsbanken haben Schuldtitel ihres Heimatlandes in ihren Bilanzen in Höhe von 40 Milliarden Euro, weisen demgegenüber aber nur ein Eigenkapital von 25 Milliarden Euro aus. Wenn die Regierung verkündete, die ausstehenden Staatsschulden nicht oder nur teilweise zu tilgen, wären sie im Extremfall vom einen auf den anderen Tag insolvent.
An der Börse machte sich diese Furcht bereits deutlich bemerkbar. Die National Bank of Greece etwa war lange Zeit der mit einigem Abstand größte Börsenwert des Landes; ihr Aktienkurs ermäßigte jedoch jüngst so stark, dass der neue Spitzenreiter Coca Cola Hellenic Bottling heißt. Dieses Unternehmen ist übrigens bisher von der Finanz- und Wirtschaftskrise vergleichsweise verschont geblieben. Unternehmenschef Doros Constantinou gab unlängst bekannt, dass sein Unternehmen im ersten Quartal des laufenden Jahres 25,4 Millionen Euro verdiente, verglichen mit 7,7 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Den zweitgrößten Börsenwert hat ein Sportwettenanbieter
Die Anleger honorierten das: Der Aktienkurs legte seit Jahresbeginn um 21 Prozent zu, während der Leitindex in Athen 21 Prozent einbüßte. Coca Cola Hellenic Bottling, an dem der amerikanische Getränkehersteller Coca Cola ungefähr zu einem Viertel beteiligt ist, kommt dabei zugute, dass es kaum vom heimischen Markt abhängt. Eigenen Angaben zufolge vertreibt es die Limonade in 28 Ländern. Die meisten liegen in Osteuropa, dazu gehören aber auch Österreich, Italien, Russland und Nigeria - insgesamt sollen rund 560 Millionen potentielle Kunden bedient werden.
Der zweitgrößte griechische Börsenwert, der nicht dem Finanzsektor zugerechnet werden kann, ist momentan der Sportwettenanbieter Opap, gefolgt von der Telefongesellschaft Hellenic Telecommunication, an der die Deutsche Telekom mit 30 Prozent beteiligt ist. Mehr als 22.000 Angestellte hat der mehrheitlich dem griechischen Staat gehörende Energieversorger Public Power. Und auf Platz elf der Liste der börsenwertvollsten griechischen Firmen rangiert der Zementhersteller Titan Cement, der den gleichnamigen Baustoff außer auf dem griechischen Festland und den Inseln auch in Amerika und Afrika vertreibt.
Erfolgreiche Privat-Exporteure
Viele griechische Unternehmen befinden sich indes in Familienhand, sind also gar nicht an der Börse notiert. Selbst große Unternehmen fielen mit ihrem Umsatz in Deutschland unter die Rubrik „mittelständische Betriebe“. Zudem habe der griechische Kapitalmarkt eine nur geringe Tiefe, sagt der deutsche Geschäftsmann Götz Funck, der seit Jahrzehnten in Griechenland arbeitet. Nur wenige Unternehmen sind international ausgerichtet. Nahrungsmittel sind mit einem Anteil von 16 Prozent an der griechischen Ausfuhr die größte Exportbranche.
Zu den erfolgreichen privaten Exporteuren zählt das in zwei Generationen aufgebaute Familienunternehmen Fage, das vor allem Joghurt und andere Molkereiprodukte ausführt. Erfolgreiche private Familienunternehmen gibt es auch in der Pharmazie, die überwiegend Nachahmermedikamente (Generika) exportiert. Auf sie entfallen 12 Prozent des deutschen Imports aus Griechenland. Das größte Unternehmen dieser Branche heißt Alapis, das rasch expandiert und auch außerhalb Griechenlands Unternehmen aufkauft.
Verschwiegene Reederfamilien
Der Tourismus und die Schifffahrt steuern jeweils 20 Prozent zum griechischen Bruttoinlandsprodukt bei. Der Tourismus ist überwiegend in privater griechischer Hand, was auch für die großen Hotels gilt, für die Restaurants ohnehin. Die großen Reiseveranstalter, an der Spitze TUI, kommen aus dem Ausland. Große Namen in der Schifffahrt sind Yannis Pistiolis, der von New York aus eine der modernsten Flotten von Öltankern führt, außerdem der in Genf residierende Spiros Latsis und die Familie Vardinogiannis, die auch nahe Korinth die größte Raffinerie Griechenlands namens Motoroil Hellas betreibt. Die Reederfamilien sind extrem verschwiegen und öffentlichkeitsscheu. Sie sitzen entweder in Piraeus oder aber in London.
Neben den großen Öltankern sind die Binnenschifffahrt und innereuropäische Passagierlinien wichtig. Aufgrund der vielen Inseln übernehmen Schiffe die Aufgabe, die andernorts von Überlandbussen erfüllt wird. Die Textilindustrie spielt indessen kaum mehr eine Rolle für die Volkswirtschaft, da sie überwiegend nach Bulgarien und in asiatische Billiglohnländer abgewandert ist und damit zu einem sichtbaren Beispiel für die Deindustrialisierung Griechenlands wurde, die nach dem Eintritt Griechenlands 1981 in die EU eingesetzt hat.
Ein interessanter Bericht!
Frederieke Verwaayen (Verwaayen)
- 08.05.2010, 12:32 Uhr
"ein Getränkeabfüller" ist nur vermutlich der größte Getränkekonzern Europas...
Andreas Breuer (IUSTINUS)
- 08.05.2010, 13:05 Uhr
Und diese Eckdaten
Maik Bode (MaikBode)
- 08.05.2010, 13:23 Uhr
Wie kam ein Agrarland in die EU?
Andreas Müller (abumachuf)
- 08.05.2010, 13:41 Uhr
Guter Artikel - aber irrelevant für Krise
Alex Merck (AlexM3)
- 08.05.2010, 14:04 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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