Home
http://www.faz.net/-gqu-9cj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schuldenkrise Die Macht der großen Ratingagenturen

 ·  Ratingagenturen sind wie Kunstkenner oder Weingurus. Anmaßend, umstritten und unersetzlich. Sie schaffen Werte und Märkte. Jetzt soll ihre Marktmacht fallen. Das wäre ein Fehler!

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (36)

Ratingagenturen sind die Bewerter im Markt für Anleihen. Sie urteilen darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass Firmen oder ganze Länder ihre Kredite tatsächlich zurückzahlen. Ihr Urteil bestimmt, ob Wertpapiere gekauft werden oder nicht. Und ihr Urteil entscheidet darüber, wie teuer diese Bonds sind.

Darin ähneln sie den Weingurus und den Meinungsmachern der Kunstszene. Sie sind umstritten, anmaßend und unersetzlich. Gemeinsam haben sie vor allem, dass sie richten. Sie geben Urteile ab, denen Käufer folgen. Sie haben Macht.

Umstritten sind die Bewerter zwangsläufig, weil ihre Urteile den wichtigen Akteuren oft nicht passen. Wer liebt den Lehrer, der null Punkte gibt? Die Politik hasst es, wenn ihre Staatsanleihen abgewertet werden - wie derzeit im Fall Griechenland oder Portugal. Der Winzer sieht sich mit 60 von 100 Punkten für seinen Wein abgestraft. Der Galerist verkümmert zusammen mit seinem Künstler, wenn die Ausstellung verrissen wird. In Misskredit kommen die Bewerter allerdings auch, wenn Leute, die auf ihr Urteil hin investieren, Geld verlieren wie in der Subprimekrise. Oder wenn sie sich auf das Urteil des sachverständigen Kunstkenners verlassen, aber ihr teures Kunstwerk eine Fälschung ist.

Beispiel Kunstmarkt

Die Anmaßung der Bewerter liegt darin, dass sie Urteile über Produkte wagen, die schwierig bis gar nicht objektiv zu bewerten sind. Am Kunstmarkt lässt sich das illustrieren. Der Holländer Piet Mondrian malte Rechtecke, rote, gelbe und blaue. Schön. Aber woher soll der gewöhnliche Kunde wissen, dass das große Kunst ist? Er weiß es nicht, solange Kuratoren, Kunstkritiker, Sammler und Händler schweigen.

Denn Kunstwerke sprechen anders als ein Holzkohlengrill oder ein Körbchen Erdbeeren nicht aus sich selbst heraus - zumindest nicht für jedermann. Die Stabilität des Grills kann man erruckeln, die Güte der Erdbeeren erschnuppern. „Was ein gutes Bild ist, ergibt sich nicht aus dem Bild“, sagt Jens Beckert, Soziologe aus Köln. Der Wert entsteht aus der stillen Übereinkunft der als wichtig anerkannten Kunstexperten.

Noten sorgen fürs Geschäft

In der Welt des Weines ist es nicht anders. Im Weinladen mit hundert verkorkten Flaschen, die weder Preisschilder oder Etiketten tragen noch irgendwelche Güte-Kennzeichen, wäre der gewöhnliche Kunde überfordert damit, den Wert des Weins zu beurteilen. Er wäre es selbst nach einer Weinprobe. Denn das Geschmackssensorium der meisten Menschen ist so grob, dass sie bei einer Blindverkostung nicht einmal Weißwein von Rotwein unterscheiden können. Die Kundschaft hat ohne die Expertenmeinung kein sicheres Gefühl beim Kauf teurer Weine. Für die Emittenten von Anleihen gilt das Gleiche: Ohne Note finden sich kaum Käufer.

Deshalb sind Bewerter unersetzlich. Sie erst sorgen fürs Geschäft. Sie schaffen damit de facto selbst Märkte und bestimmen über Preise. Wenn es Moody's, Weinguru Robert Parker oder den Kunstexperten Werner Spies nicht gäbe, müsste an ihre Stelle dringend jemand treten, der die gleiche Aufgabe erfüllt. Dazu gehört neben der Leitfunktion auch seelische Entlastung, wie Beckert ausführt. Der Käufer eines durch Moody's mit AAA geadelten Wertpapiers, das sich als Luftnummer erweist, kann die Schuld immer noch der Ratingagentur geben.

Bestnoten für Ramsch

Der Kunde hat einen schlichten Geschmack, was seine Anforderungen an den Bewerter angeht. Er möchte richtige Urteile. Das ist schwierig genug. Die Ratingagenturen haben in der Finanzkrise falsch gelegen, als sie die Risiken der Subprime-Wertpapiere nicht erkannten. Sie gaben ihnen Bestnoten, obwohl sie sich als Ramsch erwiesen. Standard & Poor's, Moody's und Fitch haben die Finanzkrise von 2007 erst möglich gemacht, analysierte die Finanzkrisen-Kommission des amerikanischen Senats kühl: „Die Subprime-Wertpapiere, die im Zentrum der Krise standen, hätten ohne das Gütesiegel der Ratingagenturen nicht verkauft werden können. Die Investoren verließen sich auf sie, oft blind.“

Ein solches amtlich attestiertes Versagen hätte dazu führen können, dass die Auftraggeber und Adressaten von Ratings sich mit Schrecken abwenden. Das ist nicht geschehen. Der Marktanteil der drei großen Agenturen liegt weiterhin bei mehr als 90 Prozent. Die Kundschaft verlässt sich weiter auf sie, weil sie offenbar eine andere Funktion wichtiger nimmt: ihre Leitwolf-Funktion.

Die Logik lautet: Solange die Herde noch folgt, ist es für das einzelne Tier besser mitzulaufen. Offenbar herrscht an komplizierten Märkten die stille Übereinkunft, dass ihre Funktionsfähigkeit nicht allein von der Richtigkeit von Urteilen abhängt, sondern auch von der Loyalität zu den wenigen Bewertern.

Notwendige Oligopole

Damit ist die intuitiv plausible Forderung von Finanzminister Schäuble entzaubert: „Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen.“ Denn das Oligopol der wenigen Stimmen entsteht in diesem Fall von ganz allein, da es ein Bedürfnis gibt, wenigen Urteilen gemeinsam zu folgen, nicht von einem vielstimmigen Chor verwirrt zu werden, wo keine Meinung maßgeblich ist.

Der Frankfurter Ökonom Jan Pieter Krahnen steuert noch ein weiteres Argument pro Marktmacht bei: Oligopolisten sind nicht so sehr dem Wettbewerb ausgesetzt und deshalb in ihrer Urteilsfindung weniger abhängig von einzelnen Kunden. Erst wenn Ratingagenturen groß und mächtig sind und hohe Gewinne machen, kann man ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass sie sich nicht so leicht korrumpieren lassen. Dass sie sich in ihren Urteilen unabhängig von denen machen können, die sie bezahlen: von den Staaten und Firmen, die sie bewerten.

Deshalb ist der Ökonom Krahnen überzeugt, dass die Ratingagenturen auf einem der wenigen Märkte agieren, denen eine Monopol- oder Oligopolstruktur guttut. Gewinnmargen von rund 50 Prozent sind dort die Regel. Die dadurch entstehenden hohen Gewinne aus dem Bewertungsgeschäft stellen sicher, dass die Firmen der Versuchung widerstehen, gute Urteile kaufen zu lassen. Und ihre Macht sorgt dafür, dass sie einem hohen Druck von Seiten des Kunden widerstehen können. Dass dieser Druck enorm werden kann, sieht man im Fall Griechenland, wo Politiker und Notenbanker zahlreicher Länder die Agenturen dazu bewegen wollen, bloß kein schlechtes Urteil („Default“) abzugeben.

Der lange Weg zur Reputation

Die Macht der Bewerter sorgt für Bewunderung, aber auch für stete Skepsis - und für Empörung, wenn sie falsch liegen. Das erklärt die Anerkennung, die der amerikanische Weinkritiker Robert Parker erfährt. Das macht die Entrüstung verständlich, die dem Kunstexperten Werner Spies aus den Feuilletons entgegenschallt, nachdem er Werke für echt erklärt hat, die gefälscht waren. Und schließlich bekommt man eine Ahnung, warum die Ratingagenturen mit Skepsis leben müssen.

Die Macht erlangt haben alle Bewerter auf dem gleichen Weg: jahrzehntelange Arbeit an der Reputation. Um einen guten Ruf aufzubauen, braucht es zunächst einmal Zeit. Die Leitwölfe, die man kennt, haben graue Haare. Moody's entstand 1909, Standard & Poor's 1906, Fitch 1913. Der Kunstkritiker Werner Spies, von dem es heißt, er habe die klassische Moderne in Deutschland populär gemacht, ist seit Jahrzehnten unterwegs. Der mächtigste Weinkritiker der Welt, der Amerikaner Robert Parker, widmet sich seit rund 40 Jahren dem Weintesten. Die Zeit ist notwendig, um Vertrauen zu schaffen. Erst eine lange Vergangenheit treffender Urteile macht einen Bewerter glaubwürdig. Kein Wunder, dass die Ratingagenturen lange Listen über ihre Bewertungsqualität vorlegen können, die vor allem eins demonstrieren: Sie haben in der Tendenz meist ziemlich richtig gelegen.

Zusätzlich ist zweierlei wichtig, um sich zum Notengeber aufschwingen zu können: Beweise der Unkorrumpierbarkeit und ein Geheimnis.

Die Gefahr der Korrumpierbarkeit ist immer da. Wer einmal die Reputation erworben hat, treffende Urteile abzugeben, wem der Markt einmal folgt, der schafft mit jedem Urteil Werte - Werte, an denen der Bewerter selbst nicht teilhaben kann. Da ist die Versuchung groß, irgendwann zu sagen: Ich bewerte dich gut, dafür möchte ich aber an den Gewinnen teilhaben, die du damit erzielst. Von dort ist der Schritt nicht mehr weit, regelmäßig zu gut zu bewerten, um mehr Geld zu verdienen. Das ist den Menschen bewusst, die auf Weinexperten, Kunstkritiker oder Ratingagenturen vertrauen. Deshalb verlangen sie von Anfang an Beweise, dass die Bewerter sich dieser Versuchung widersetzen.

Das Geheimnis der Bewertung

Nehmen wir Robert Parker. Er positionierte sich von Mitte der siebziger Jahre an als Anwalt der normalen amerikanischen Weinkunden. Er akzeptierte für seinen Newsletter „Wine Advocate“ keine Werbung. Die Weine, die er testete, kaufte er zum größten Teil selbst. Er unterschied sich damit damals von vielen anderen Kritikern, die in irgendeiner Weise geschäftliche Interessen in der Weinwelt verfolgten. Damit zeigte er nach außen: Ich bin unbestechlich.

Werner Spies hingegen zeigt, was geschieht, wenn Zweifel aufkommen. Sein Sündenfall war nicht, dass es einer Bande gelang, dem größten Max-Ernst-Kenner der Welt Fälschungen als echte Werke unterzujubeln. Das kann jedem Bewerter einmal passieren, ohne dass er gleich seine Position räumen muss. Nein, der Kunstmarkt hat ein Problem damit, dass Spies mit der Vermittlung der Fälschungen Geld verdiente - und zwar in Form einer Provision pro verkauftem Bild, die er von den Fälschern bekam. Das wäre so, als würde Moody's am Verkauf eines Wertpapiers mitverdienen. Hätte Spies die Werke nicht für echt erklärt, hätte er nichts verdient. Hier steht er sofort im Raum, der Verdacht der Korrumpierbarkeit. Nichts schadet einem Bewerter mehr als auch nur die leiseste Vermutung, dass sein Urteil von eigenen geschäftlichen Interessen beeinflusst oder gar gekauft sein könnte.

Dass an dieser Vermutung etwas dran ist, bestreitet Spies. Auch die Staatsanwaltschaft sieht keine Anhaltspunkte dafür und ermittelt nur gegen die Fälscherbande, nicht gegen Spies. Und doch schadet allein der Verdacht. Das Gleiche gilt für die falschen Urteile der Rating-Agenturen über die Subprime-Papiere. Die beiden Fälle zeigen auch, wie wichtig es ist, wer die Notengeber wie bezahlt. Damit sie gar nicht erst in Versuchung geraten, mit falschen Urteilen finanziell zu profitieren.

Genauso essentiell wie die Unkorrumpierbarkeit ist für die Bewerter, dass es ein Geheimnis ist, wie sie zu ihren Urteilen kommen. Niemand weiß, wie gut Weintester Parkers Geschmacksnerven fähig sind, die Weinqualitäten differenziert wahrzunehmen. Wissenschaftlich begleiteten Blindtests hat er sich bisher verweigert. Auffällig ist aber die Konsistenz seiner Urteile, sagt der britische Politologe Colin Hay, der ihn aufmerksam begleitet. Es sind vergleichbare Weine, die Bestnoten bekommen, also mehr als 95 von 100 Punkten.

Ausgetrickst

Dass Bewerter ein Geheimnis daraus machen, wie genau sie zu ihren Urteilen kommen, hält Ökonom Krahnen für zentral. Denn wer zu detailliert offenlegt, nach welchen Kriterien er sein Urteil fällt, der beeinflusst damit den Markt. Weinbauern versuchen auf einmal alles, um genau den Kriterien des Kenners zu entsprechen, Kunstfälscher erhalten eine Anleitung zum sicheren Fälschen, und Firmen und Staaten können überlegen, wie sie die Rating-Agenturen austricksen können.

Krahnen vermutet, dass genau darin das Problem der Ratingagenturen auf dem Markt für Subprime-Wertpapiere lag. „Das war ein völlig neues Geschäftsfeld für die Rating-Agenturen“, sagt er. „Wahrscheinlich haben sie ihre Kriterien für die Bewertung der Papiere den Firmen zu detailliert offengelegt.“ So konnten die Kunden Papiere so konstruieren, dass sie die Bewerter austricksten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge