Home
http://www.faz.net/-gqu-70o36
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schuldenkrise „Der Euro ist noch längst nicht am Ende“

 ·  „Die Schuldenkrise hat die Wahrnehmung der Marktteilnehmer stark verzerrt“: David Bloom, Devisen-Chef der Großbank HSBC, glaubt an Europas Währung. Den Dollar sieht er in Gefahr.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (8)
© AFP Dollar und Euro: Wer ist in diesem Spiel auf längere Sicht der Schwächere?

Herr Bloom, an diesem Sonntag wählen die Griechen ein neues Parlament - ein Schicksalstag für Europas Währungsunion. Gibt es ab Montag noch den Euro?

Hören Sie doch mit diesen Schauergeschichten auf. Auch wenn die Finanzmärkte zurzeit große Lust an Untergangsszenarien haben: Der Euro ist noch längst nicht am Ende. Im Gegenteil: Er ist stark.

Von Stärke kann ja wohl keine Rede sein. Gegenüber dem Dollar hat der Euro zuletzt klar an Wert verloren.

Sicher, er hat im Vergleich zu früheren Höchstständen nachgegeben. Aber das ist doch keine Euro-Schwäche. Die hatten wir höchstens zu Anfang der Währungsunion, als ein Euro nicht mal dem Wert eines Dollar entsprach. Davon sind wir bei einem Wert von 1,26 Dollar weit entfernt. Ich empfehle Europa mehr Gelassenheit.

Gelassenheit? Wenn die Griechen austreten, würde das den Euroraum doch zerreißen, oder nicht?

Ich sehe nur eine einzige wirkliche Gefahr für die Währungsunion. Nehmen wir einmal an, Griechenland tritt aus - und nach einigen Turbulenzen zu Anfang zeigt sich: Das völlige Chaos im Lande bleibt aus, die Inflationsrate steigt kaum, das Wachstum kehrt zurück. Sogleich würden sich die Regierungen anderer angeschlagener Eurostaaten sagen: Das wollen wir auch. Dann, und nur dann, würde der Euroraum in sich zusammenfallen. Würde Griechenlands Austritt dagegen zum Desaster, wäre das für alle anderen Länder ein abschreckendes Beispiel.

 Was ist wahrscheinlicher?

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Griechen einen Austritt erfolgreich bewältigen. Sie wären mit der Organisation der Währungsumstellung überfordert. Und es gäbe zu viele Unsicherheiten: Wer würde noch Güter an die Griechen verkaufen, wenn er dafür nur schwache Drachmen erhält? Andere Eurostaaten würden einem solchen Schreckensszenario nicht folgen.

Selbst wenn der Euro hält, heißt dies doch nicht, dass er in Zukunft eine starke Währung sein wird.

Zugegeben: Es ist nicht so, dass der Euro derzeit vor Kraft nur so strotzen würde. Aber Währungsanalysten müssen sich doch fragen: Wer ist in diesem Spiel auf längere Sicht der Schwächere? Und glauben Sie mir: Es ist der Dollar.

Viele Börsianer sehen das völlig anders. Sie legen ihr Geld bewusst in Dollar an, um es zu schützen.

Die Schuldenkrise in Europa hat die Wahrnehmung der Marktteilnehmer stark verzerrt. Sie konzentrieren sich wegen der aktuellen Nachrichten derzeit nur auf ein einziges Problem - und das heißt Griechenland. Dies ist wie in einem Krankenhaus, in dem es nicht genügend Ärzte gibt. Die Mediziner können sich dann immer nur um den Patienten kümmern, der gerade am lautesten schreit. Noch ist es der Euro, spätestens im Herbst dieses Jahres wird es aber der Dollar sein.

Warum das?

Weil Amerika dann einen neuen Präsidenten wählt. Das Land wird also viel stärker im Fokus stehen als derzeit. Spätestens dann werden die Finanzmärkte die Wirtschaftsdaten des Landes wieder in den Blick nehmen. Sie werden feststellen: Die Lage ist schlimmer als in Europa. Die Verschuldung ist enorm, sie liegt bei mehr als 15 Billionen Dollar. Und Amerika macht keinerlei Anstalten, diese gewaltige Schuldenlast zu reduzieren. Dies wird den Dollar nachhaltig schwächen.

Dennoch hat der Dollar einen großen Vorteil: Er ist besser handelbar als alle anderen Währungen.

Hohe Handelbarkeit ist wichtig, keine Frage. Ein Großteil der weltweiten Devisentransaktionen findet in Dollar statt. Aber das darf man nicht mit Stärke gleichsetzen. Denn der Dollar ist ja vor allem so liquide, weil die Vereinigten Staaten einen der größten Anleihemärkte der Welt haben. Und das wiederum bedeutet, dass sie enorm verschuldet sind. Einen besonderen Wert kann ich darin wirklich nicht erkennen.

Lassen sich in so turbulenten Zeiten überhaupt noch verlässliche Währungsprognosen abgeben?

Viele unserer Analysewerkzeuge funktionieren nicht mehr so gut: Die Leitzinsen in Amerika und Europa sind niedrig wie nie, auch von Konjunkturdaten gehen weniger Impulse aus. Stattdessen spielt die Politik eine entscheidende Rolle. Es ist wie in einem Flugzeug, in dem einzelne Messgeräte auf Dauer ausfallen. Das macht das Fliegen riskanter. Trotzdem traue ich mich jetzt mal: Wir erwarten, dass der Euro bis zum Jahresende auf 1,35 Dollar ansteigen wird.

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen