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Schulden-Kommentar Gute Wirtschaftspolitik

18.02.2012 ·  Der Vorwurf: Deutschland lebt mit seinem parasitären Wirtschaftsmodell auf Kosten anderer Länder. Doch die Taktik der Bundesregierung stiftet Vertrauen für die nächsten Jahre.

Von Winand von Petersdorff
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© REUTERS Für andere Länder die Buhfrau: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die Griechen sind wütend und verzweifelt. Viele fühlen sich schuldlos an der Misere, sie richten ihren Hass zunehmend auf Deutschland. Frau Merkel bekommt den Hitlerbart und die Schlagzeile, sie trage die Schuld, wenn griechische Rentner nicht mehr ein noch aus wüssten. Das ist alles irgendwie verständlich, wenn man auch erwarten darf, dass die politische Klasse des Landes ihre Helfer aus den AAA-Ländern in Schutz nimmt. Premierminister Lucas Papademos könnte zum Beispiel daran erinnern, dass es nicht zwangsläufig die Schuld der Gläubiger ist, wenn ein Schuldner nicht mehr zahlen kann oder will.

Die schimpfenden Griechen dürften sich zudem bestärkt fühlen durch fortschrittliche Ökonomen, die den Deutschen ein unsolidarisches, irgendwie parasitäres Wirtschaftsmodell vorwerfen, das nicht zuletzt zu Lasten der Griechen gehe. Im Einzelnen kursieren folgende Vorwürfe: Wir Deutsche verkaufen mehr ins Ausland, als wir dort einkaufen. So produzieren wir Jahr für Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss, lassen uns als Exportweltmeister oder Vizemeister feiern ohne Rücksicht auf die Handelsbilanzen der anderen Länder.

Deutsche Produkte sind derzeit im Ausland beliebt

Wir haben in der vergangenen Dekade die Löhne de facto nicht steigen lassen und uns so zu wenig Kaufkraft geschaffen, die anderen Ländern zugute gekommen wäre. Ferner legen wir aktuell ein Sparprogramm auf, während das schwächelnde Europa nach einem staatlichen Konjunkturstimulus giert. Schließlich wehren wir uns mit Händen und Füßen in neurotischer Weise gegen eine Umwidmung der Europäischen Zentralbank zum Staatsfinanzier. Um das Maß voll zu machen, zwingen wir den anderen Ländern unseren Willen auf.

Jede dieser Vorhaltungen hat einen diskussionswürdigen Kern. In der volkswirtschaftlichen Betrachtung kann zum Beispiel der Handelsbilanzüberschuss kein Modell für alle Länder sein. Denn den Überschüssen stehen zwangsläufig Defizite in der gleichen Höhe gegenüber. Wenn Deutschland nun klamme Länder zum Sparen und Schuldensenken auffordert, dann werden diese zwangsläufig ihre Handelsbilanzdefizite zu senken trachten und damit auch den (deutschen) Überschuss schrumpfen lassen. Das ist die eine Betrachtung eines Handelsbilanzüberschusses.

Die andere lautet: Überschüsse entstehen nicht, weil die Deutschen bösartig ihrer Kundschaft einschließlich der Griechen Produkte aufdrängen, die diese gar nicht haben wollen. Sie entstehen, weil deutsche Produkte im Ausland zurzeit beliebt sind. Deswegen kann die wirtschaftspolitische Folgerung nicht lauten, die Deutschen sollen weniger beliebte Güter produzieren. Sie muss lauten, dass andere Länder bessere Anbieter werden.

Der nächste Vorwurf gilt der deutschen Lohnzurückhaltung in den letzten Jahren. Die darf man beklagen, doch Deutschlands Comeback dürfte zum Teil auch etwas mit den sinkenen Lohnstückkosten in diesem Land zu tun gehabt haben. Vor zehn Jahren noch war Deutschland der kranke Mann Europas und musste mit dem Vorwurf leben, täglich an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Außerdem regierte die Angst, die Industrie könnte ihre Fabriken in Schwellenländer verlegen, also kämpften die Gewerkschaften nicht nur um Lohn, sondern auch um Beschäftigungssicherung.

Dass die Deutschen nun auch noch zu sparen anfangen, dürfte Kritik provozieren, die abermals ins Leere läuft. Kaum ein Land muss in den nächsten Jahrzehnten so hohe Folgekosten des demographischen Wandels schultern wie Deutschland. Dass die Regierung jetzt schon Vorsorge trifft, ist sinnvoll und stiftet Vertrauen. Vertrauen, das die Eurozone gerade bitter nötig hat.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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