18.06.2011 · Nach der Finanzkrise wollten viele die Ratingagenturen schon abschaffen. Doch bislang blieben sie ungeschoren. Mehr noch: Die Ratingagenturen haben so viel Macht wie nie. Halb Europa zittert vor ihren Urteilen. Dabei hat die Politik sie erst stark gemacht.
Von Winand von Petersdorff und Christian SiedenbiedelEs ist erstaunlich, was in der Griechenland-Rettung möglich wird. Als Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am Freitag die Bedingungen für das neue Rettungspaket für Griechenland und die freiwillige Beteiligung der Gläubiger verkündeten, da hatte einer mit verhandelt, der da nicht rein passte: die Ratingagentur Fitch. Die Agentur dealte mit den Politikern aus, unter welchen Bedingungen sie auf ein Negativ-Rating für Griechenland verzichten würde. Damit hat Fitch die Rolle des Schiedsrichters verlassen und gleichzeitig Einfluss demonstriert.
Es ist ein Phänomen: Die Ratingagenturen sind mächtig wie nie. Nach der Finanzkrise wollten viele sie schon abschaffen. Wochenlang beschäftigten sich sogar europäische Gipfel damit, wie man den Einfluss der Agenturen begrenzen könnte. Schließlich hatten sie nicht nur die Sprengkraft der heiklen Wertpapiere von ABS bis CDO nicht erkannt. Sie hatten an der Entstehung der Finanzkrise sogar maßgeblich Anteil, weil sie dieselben Wertpapiere konstruieren halfen, die sie dann später positiv bewerteten. Der Verdacht lautet: Die Schiedsrichter haben mit den Spielern unter einer Decke gesteckt. Jetzt prüft die amerikanische Börsenaufsicht SEC Klagen wegen offensichtlich fehlerhafter Einstufungen von Wertpapieren vor dem Platzen der Immobilienblase 2007.
Doch noch sind die Ratingagenturen ungeschoren geblieben. Sie stehen sogar im Zentrum der Weltpolitik. Das neue Risiko, um das sich alles dreht, ist das Risiko von Staatsanleihen. Wie groß ist die Gefahr, dass Länder ihre Schulden nicht mehr bedienen können, fragt sich alle Welt. Die Antworten, die Ratingagenturen darauf geben, sind einfach. „AAA“ wie für Deutschland ist gut. „CCC“ wie für Griechenland ist äußerst schlecht – vergleichbar nur noch mit Pakistan oder Jamaika.
Ist die Qualität der Ratings diesmal besser? „Wohl kaum“, sagt Peter Bofinger, Wirtschaftsprofessor in Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat. „Noch 2006 haben die Agenturen Griechenland extrem gut geratet.“ Die Probleme seien wieder die gleichen wie in der Finanzkrise: Es gebe nur drei relevante Ratingagenturen. Wettbewerb gebe es kaum. Sie reagierten fast immer zu spät. Und wenn sie reagierten, setze ein Teufelskreis ein: Der Schuldner werde von den Agenturen herabgestuft. Das mache es teurer, an Kredite zu kommen. Die Lage verschlechtere sich. Die Herabstufung gehe weiter.
An Politikern, die das schelten, fehlt es nicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel plädierte am Samstag für eine europäische Alternative zu den dominierenden angelsächsischen Bonitätsprüfern. Von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle über den grünen Wirtschaftsexperten Sven Giegold bis hin zum SPD-Finanzexperten Carsten Schneider wettern derzeit alle gegen die Anmaßung der Ratingagenturen. Die Agenturen seien schließlich nicht vom Volk gewählt. Sie seien ein Oligopol aus nur drei Unternehmen. Und seien zudem angelsächsisch dominiert. Dürfe man denen etwa das Schicksal Europas überlassen?
Dabei schielen die Politiker selbst bei jedem Schritt der Griechen-Rettung darauf, wie die Ratingagenturen reagieren werden. Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker spekulierte erst am Freitag, wie eine Beteiligung privater Gläubiger an der Griechen-Rettung dazu führen könnte, dass die Ratingagenturen auch Italien und Belgien herabstufen. Und die Krise sich so immer weiter ausbreitet.
Schwerer wiegt noch etwas anderes: Die Politiker selbst haben die Ratingagenturen mächtig gemacht, indem sie ihren Urteilen eine stärkere Bedeutung für Versicherungen und Pensionsfonds gegeben haben. Und zwar so verbindlich, dass eine Änderung des Ratings von Staatsanleihen jetzt dazu führen kann, dass Versicherungen und Pensionsfonds sie verkaufen müssen. Oder schweren Ärger mit der Aufsicht bekommen.
„Ratings sollten nicht die Grundlage von hoheitlichem Handeln sein“
Der Gesetzgeber und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) haben strikte Regeln entwickelt, die Versicherungen und Pensionsfonds beachten müssen, wenn sie das Geld ihrer Kunden anlegen. Wertpapiere, in die dieses sogenannte „gebundene Vermögen“, früher „Deckungsstock“ genannt, investiert wird, müssen jetzt ein Mindestrating haben. „Investment Grade“ nennen die Aufseher diese Mindestanforderung. Sie müssen mindestens ein Rating „BBB“ von der Agentur Standard & Poor’s oder Fitch haben – oder ein vergleichbares „Baa3“ von der Agentur Moody’s. Höchstens fünf Prozent des Geldes dürfen die Versicherungen und Fonds in riskantere Staatsanleihen, sogenannte „High Yield Bonds“ stecken. Nicht viel anders, sondern sogar noch strenger ist es bei den Sozialversicherungen.
Politiker und Aufseher wollten damit Verbraucherschutz betreiben. Das Geld der Versicherten sollte sicherer sein. Die Wirkung aber ist eine andere: Die Macht der Ratingagenturen ist dadurch größer statt kleiner geworden. Ihre Urteile vermitteln eine Objektivität, die mit der Wirklichkeit nicht mithält, und sind trotzdem folgenreich: Wenn die Agenturen eine Staatsanleihe herabstufen, löst das Verkäufe aus. Das schürt die Hysterie. Der Herdentrieb auf den internationalen Finanzmärkten wird so mit staatlicher Hilfe verstärkt.
Das finden sogar die Ratingagenturen selbst unangemessen. „Ratings sollten nicht die Grundlage von hoheitlichem Handeln sein“, sagt Torsten Hinrichs, der Deutschland-Chef von „Standard & Poor’s. „Ein Rating ist eine Einschätzung zur Zahlungsfähigkeit.“ Es ersetze nicht die eigene Analyse des Investors. „Bei der Kritik an den Ratingagenturen wird regelmäßig Ursache und Wirkung verwechselt“, meint Hinrichs. „Ein Rating ist unsere Meinung über die zukünftige Fähigkeit und den Willen eines Schuldners, die Forderungen gegen ihn vollständig und pünktlich zu bedienen.“
„Entmachtet die Ratingagenturen!“, fordert der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar. Und die Alternative? Eine staatliche Ratingagentur, möglichst auf europäischer Ebene, wie sie viele Politiker fordern? Wäre die jetzt objektiv in der Bewertung Griechenlands? Sie wäre ein Spielball der Politik.
Straubhaars Lösung heißt: Alles nicht so ernst nehmen. „Das beste wäre, die Ratings als das zu nehmen, was sie sind: eine Einschätzung unter vielen.“
Wenn sich Staaten und Märkte weniger auf die Ratings verlassen würden, würde die Macht der Agenturen gebrochen. Ihre Urteile hätten das Gewicht von Biosiegeln für Lebensmittel. Kann man beachten, muss man aber nicht.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
Jüngste Beiträge
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge