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Rating-Agenturen S&P wehrt sich gegen politischen Beschuss

06.07.2011 ·  Die Rating-Agenturen stehen wegen ihres Verhaltens in der europäischen Schuldenkrise unter Druck. Unangemessen oder voreilig wird ihr Handeln genannt. Standard & Poor's beruft sich dagegen auf seine Unabhängigkeit.

Von Martin Hock
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Mit harscher Kritik müssen sich im Zuge der südeuropäischen Schuldenkrise die internationalen Rating-Agenturen auseinandersetzen. Die EU-Kommission kritisierte am Mittwoch ungewöhnlich scharf die Senkung der Bonitätsnote Portugals durch die Moody's. „Das ist eine unglückselige Episode und wirft Fragen über das Verhalten der Ratingagenturen und deren Weitblick auf“, sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn.

Zu Wochenbeginn hatte schon die Stellungnahme der Agentur Standard & Poor's (S&P) für Verstimmung gesorgt, dass die Durchführung des französischen Vorschlags, zur Beteiligung privater Gläubiger an der Rettungsaktion für Griechenland als teilweiser Zahlungsausfall (Selective Default) zu betrachten sei.

„Bewusste Provokation gegenüber den europäischen Steuerzahlern“

Während die in Griechenland investierten Banken das Land stabilisieren wollten, stellten die Rating-Agenturen ihnen Hindernisse in den Weg, sagte etwa das österreichische Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank, Ewald Nowotny, dem ORF. Die Verhandlungen mit den Agenturen gestalteten sich schwierig. Diese seien mit Blick auf Griechenland strenger und aggressiver als etwa in ähnlichen Fällen in Südamerika.

„Unangemessen und wenig hilfreich“, nannte der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon laut Medienberichten die Stellungnahme von S&P. Die Ratingagenturen hätten vor der Finanzkrise als Frühwarnsystem und bei der Einschätzung von Risiken eklatant versagt. Wenn diese nun notwendige Rettungsmaßnahmen der Euroländer und des Internationalen Währungsfonds erschwerten, könne das nur als bewusste Provokation gegenüber den europäischen Steuerzahlern gewertet werden.

Italienische Börsenaufsicht ermittelt

In Italien befragte die Börsenaufsicht Consob am Montag S&P-Mitarbeiter zu ihrer kritischen Bewertung des Sparpakets der Regierung. S&P hatte diese am Freitagmittag nach Verabschiedung des Vorhabens veröffentlicht. Die Börsenaufsicht kritisierte, Einzelheiten des Sparpakets seien gar nicht offiziell bekannt gewesen, die Bewertung der Ratingagentur fuße also auf Indiskretionen der Presse. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung sei fraglich, da die Bewertung die Börsenkurse hätte beeinflussen können.

Ähnlichen Vorwürfen sieht sich Moody's wegen seiner Einschätzung zu italienischen Bank-Aktien ausgesetzt. Auch die Aufsichtsbehörde für die Ratingagenturen, die ESMA (European Securities and Markets Authority), soll sich in der kommenden Woche mit den Vorgängen befassen, wie der Sprecher der Consob sagte.

S&P weist Vorwürfe zurück

Torsten Hinrichs, Geschäftsführer von S&P in Deutschland, kann die Heftigkeit der Vorwürfe nur schwer nachvollziehen. Den Agenturen Mutwillen oder einen verborgenen Plan zu unterstellen, sei sehr weit her geholt und entbehre jeder faktischen Grundlage. „Wir arbeiten seit Jahren nach veröffentlichten und transparenten Kriterien. Auf unseren Internet-Seiten kann jeder, der will, mit wenigen Klicks nachlesen, nach welchen Kriterien unsere Bewertungen zustande kommen“. Man arbeite nicht anders wie in allen früheren Fällen, etwa seinerzeit während der Russlandkrise.

Den Vorwurf, ein schwieriger Diskussionspartner zu sein, kann Hinrichs gar nicht verstehen. „Das würde ja voraussetzen, dass es Diskussionen gibt. Aber damit würden wir ja als Berater tätig, was uns die europäische Regulierung explizit verbietet. Die Politik hat sich Regeln gegeben, die ihr Handeln an unseren Ratings ausrichtet. Jetzt fällt es ihr schwer, zu akzeptieren, dass wir unsere Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollen.“

Französische Umschuldungsvorschläge bieten keine adäquaten Gegenwert

S&P nehme seine Bewertungen nach bestem Wissen und Gewissen vor. Das habe man auch seinerzeit bei den umstrittenen Hypothekenpapieren getan, wenngleich die Vorgehensweise hier unterschiedlich gewesen sei. Diese Ratings seien auf Basis quantitativer Verfahren erstellt worden, die auf Annahmen beruhten, die sich als nicht zutreffend erwiesen, aber seinerzeit allgemein anerkannt gewesen seien.

In die derzeit in der Kritik stehenden Ratings flössen dagegen qualitative Kriterien, subjektive wenn man denn so wolle. Es handelt sich damit um Standpunkte, die man auch nicht teilen muss. Hinrichs pocht auf die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen: Sie seien dazu da, Dinge beim Namen zu nennen und Sachverhalte so zu beschreiben, wie sie sind und nicht, wie die Beteiligten sie gern hätten.

Im Grunde sei die Beurteilung der französischen Umschuldungspläne einfach zu erklären. „Wenn ein Investor, der vor einigen Jahren griechische Staatsanleihen in der Erwartung gekauft hat, sein Geld fristgerecht zurück zu erhalten, nunmehr darauf 30 Jahre warten muss und seine Ansprüche zehn Jahre lang nicht verkaufen darf, erhält er dadurch wohl kaum einen adäquaten Gegenwert.“

Keine Vorzugsbehandlung für Amerika

Auch hinsichtlich der Vereinigten Staaten habe man sehr deutlich gemacht, dass man ein Adressieren der Schuldenprobleme und eine Einigung über die Schuldengrenze erwarte. Andernfalls werde man auch das Rating der Vereinigten Staaten deutlich herabstufen. Derzeit erwartet S&P allerdings, dass Amerika seine Schuldenprobleme in den Griff bekommt. Und zwar eher als Griechenland.

Deswegen ist auch das Rating als aktuelle Beurteilung der relativen zukünftigen Zahlungsfähigkeit besser. Amerika wird seine Schulden mit erheblich größerer Wahrscheinlichkeit tilgen könne als Griechenland, lautet letztlich die Aussage. Dabei heißt selbst das „AAA“-Rating für die Vereinigten Staaten nicht, dass es keinesfalls zu einem Zahlungsausfall kommen kann. Ebenso wenig bedeutet das „CCC“-Rating für Griechenland, dass es zwangsläufig zu einem Zahlungsausfall kommen muss.

Denn würden Ratings eine absolute Gewissheit vermitteln, so könnten sie nur auf „AAA“ oder „D“ lauten. Wenn nicht ein gewisser, wenngleich geringer Prozentsatz auch an Schuldnern mit einem guten Rating von beispielsweise „A“ auch ausfällt, so wäre die Bewertung der Agenturen sogar unzutreffend.

Eigene Urteilsfähigkeit nicht abgeben

Die Problematik zu leugnen, wäre indes ebenso falsch. Die Ratings der großen internationalen Agenturen dienen Investoren als Orientierungshilfe. Werden Bonitätsnote gesenkt, können zahlreiche Fonds nicht mehr in diese Anleihen investieren und womöglich auch die EZB diese von Banken nicht mehr als Sicherheiten für Refinanzierungskredite akzeptieren.

Wer sich indes sklavisch nach den Einschätzungen einer Agentur richtet, gibt die eigene Urteilsfähigkeit auf. Insofern ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zuzustimmen, wenn sie sagt, dass es wichtig sei, dass sich EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationaler Währungsfonds (IWF) die eigene Urteilsfähigkeit nicht wegnehmen lassen sollten. Das gilt letztlich auch für Investmentfonds.

Doch just das ist geschehen: Mit selbst gegeben Regularien haben Entscheidungsträger in der Politik und in Investmenthäusern ihre Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Übrigens auch, um willkürliche und an den Gegebenheiten der Tagespolitik ausgerichtete Entscheidungen zu vermeiden. Nun wird beklagt, dass man just dies nicht mehr kann. Dabei mag man letztlich zu den Einschätzungen der Rating-Agenturen stehen wie man will.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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