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Otmar Issing „Der Euro wird mich lange überleben“

11.07.2011 ·  Als Chefökonom der Europäischen Zentralbank hat Otmar Issing den Euro groß gemacht und für Stabilität gesorgt. Dass der Euro in eine Krise geraten würde, hat er kommen sehen. Doch die Politiker hätten die Warnungen ignoriert.

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Herr Issing, Sie sind einer der Väter des Euro. Jetzt steckt Ihr Kind in einer Existenzkrise. Mal ehrlich, stünden wir ohne den Euro nicht besser da?

Nein, mit Sicherheit nicht. Es genügt, daran zu denken, was passiert wäre, wenn wir beim Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren noch all die nationalen Währungen gehabt hätten.

Was denn?

Für die D-Mark wäre das eine Katastrophe gewesen. Es hätte eine Flucht in die deutsche Währung stattgefunden, die Bundesbank hätte mit riesigen Beträgen intervenieren müssen, ohne eine starke Aufwertung verhindern zu können. Das hätte fatale Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft gehabt.

Die D-Mark wäre jetzt so stark, dass wir kaum mehr etwas exportieren würden?

Der Einbruch wäre massiv gewesen. Man muss nur daran denken, was 1992/93 geschah. Die Krise damals hat dazu geführt, dass in kürzester Zeit die italienische Lira um mehr als 30 Prozent gegenüber der D-Mark abgewertet hat. Reihenweise sind damals die mittelständischen Unternehmen gerade in Süddeutschland pleitegegangen. Sie konnten eine solche abrupte Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit nicht meistern. In der letzten Krise wäre das noch heftiger ausgegangen.

Wieso ist das mit dem Euro anders? Wertet der nicht auch auf, wenn es eine Krise in Amerika gibt?

Die D-Mark war die Währung eines vergleichbar kleinen Landes. Der Euro repräsentiert eine Gemeinschaft von 17 Mitgliedsländern und über 300 Millionen Menschen. Die Währung des zweitwichtigsten Wirtschaftsraums ist wesentlich robuster.

Liegt der relativ stabile Kurs des Euro gegenüber dem Dollar nicht eher daran, dass wir auch reichlich Probleme haben? Dass wir mitten in der Eurokrise stecken?

Das ist ein Faktor, den man nicht vernachlässigen darf. Eurokrise würde ich das aber nicht nennen.

Wieso nicht? Wenn wir den Euro nicht hätten, müssten wir Griechenland nicht retten.

Das ist richtig, aber das macht den Euro nicht zu einer Krisenwährung. Was wir sehen, sind die Folgen eines Währungsraumes, in dem eine wichtige Regel verletzt wird: Kein Land steht für die Schulden eines anderen ein.

Mehr als die Hälfte der Deutschen denkt: Wir wären besser bei der D-Mark geblieben. Können so viele Menschen irren?

Ja, natürlich. Es ist ihnen aber nicht zu verübeln. Die Deutschen haben sehr an der D-Mark gehangen, und es ist wie mit vielen Dingen: Die Vergangenheit verklärt sich. In Frankreich haben die Menschen 30 Jahre lang dem alten Franc hinterhergetrauert, nachdem der neue eingeführt war.

Sie haben hier und jetzt die Gelegenheit, die skeptische Hälfte der Deutschen zu überzeugen: Wozu ist der Euro gut?

Es fängt damit an, dass der Euro bisher für weniger Inflation gesorgt hat als die D-Mark. Dessen sind sich die meisten überhaupt nicht bewusst. Außerdem steht der Euro auf stabileren Beinen als eine Währung wie die D-Mark, die leicht zum Spielball der Spekulation wird. Dafür ist der Euroraum, wie gesagt, zu groß.

Ist es wirklich so schlimm, wenn eine Währung aufwertet? Schauen wir uns den Schweizer Franken an. Der ist enorm teuer geworden. Trotzdem leben die Schweizer gut damit.

Die Schweizer überleben, aber mehr auch nicht. Die starke Aufwertung ist für die Schweizer Wirtschaft und für die Notenbank ein Riesenproblem. Die Notenbank hat stark interveniert, um die Aufwertung zu stoppen. Das ist aber nicht wirklich gelungen. Die Alleinstellung wirft also große Probleme auf.

Ich habe keine Sorge, dass die Schweiz bald untergeht.

Für die Exportwirtschaft ist das eine kritische Situation. Wenn das so weiterginge, wäre sie bald am Ende. Gehen Sie mal in die Schweiz und fragen die Exportunternehmen. Es gibt kein Land der Welt, das so sehr an einem stabilen Wechselkurs zum Euro interessiert ist wie die Schweiz.

Den stabilsten Wechselkurs hätte sie, wenn sie der EU beitreten und den Euro einführen würde. Bisher hat man aber nicht gehört, dass die Schweizer das wollen.

Nein, für die Finanzwirtschaft hat das ja auch Vorteile. Fluchtgelder gehen in die Schweiz, weil man erwartet, dass dort das Vermögen stabil bleibt. Aber die ganze Schweiz kann nicht davon leben, dass sie ausländisches Vermögen verwaltet.

Lassen Sie uns einmal auf das Jahr 1999 zurückblicken, als der Euro eingeführt wurde. Sie waren damals Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. War der Euro für Sie ein Herzenswunsch oder eine Vernunftentscheidung?

Der Euro war sicher nicht mein Herzenswunsch. Ich war lange nicht gerade ein glühender Anhänger der Idee, so bald mit einer Währungsunion zu beginnen, schon gar nicht mit so vielen Ländern. Ich habe damals darauf verwiesen, dass der Euro ein Experiment ist, ein mutiges Experiment. Mein Credo war: Ich werde alles daransetzen, daran mitzuwirken, dass der Euro ein Erfolg wird.

Wieso? Niemand setzt sich für etwas ein, wenn er vermutet, dass es schiefgeht?

Das war nicht meine Vermutung. Ich war davon überzeugt, dass es sehr schwierig wird, aber dass es gelingen kann. Voraussetzung war vor allem, dass der Stabilitäts- und Wachstumspakt finanzpolitisches Fehlverhalten verhindert.

Das hat nicht geklappt, wie Griechenlands Überschuldung zeigt.

Ja, aber man sollte nicht vergessen, dass es Deutschland und Frankreich waren, die dem Pakt den Todesstoß versetzt haben, als sie 2003 die Regeln grob verletzt haben. Ein weiteres wichtiges Element für das Funktionieren des Euro war im Übrigen, dass die Kostenentwicklung der Länder nicht zu weit auseinanderdriften sollte.

Hat das funktioniert?

Nein. Von Anfang an sind Preise und Löhne in Ländern wie Portugal und Irland im Vergleich zu Deutschland viel schneller gestiegen.

Wieso ist das schlimm?

Die Länder haben ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die Leistungsbilanz wurde defizitär, die Auslandsschulden haben in der Folge zugenommen. Der Immobiliensektor geriet vor allem in Spanien und Irland außer Rand und Band.

Die Zinsen sind für diese Länder enorm gesunken durch den Euro. Kann man es ihnen verübeln, dass sie sich verschulden, wenn Kredite billig sind, und mit dem geliehenen Geld Häuser bauen?

Natürlich ist das eine Marktreaktion. Aber sie geschieht in einem Rahmen, den der Staat bestimmt. Hier hat die nationale Politik versagt. In Spanien hat man zum Beispiel sogar weiter Immobilienkäufe subventioniert, obwohl der Markt brummte. Geradezu absurd. Die Regierung hätte das Gegenteil tun müssen. Das wäre natürlich nicht populär gewesen, deshalb hat sie es nicht gemacht.

Die Spanier, Iren und Griechen sind also schuld an der Krise!

Die Krise in diesen Ländern ist selbstverschuldet. Aber auch die Gemeinschaft hat versagt. Man hätte den Ländern sehr viel früher den Spiegel vorhalten und sehr viel eindringlicher sagen müssen: Wenn ihr so weitermacht, dann endet ihr in der Krise.

Die EU hätte sagen sollen: Senkt eure Löhne, bitte?

Natürlich kann die EU nicht in die Lohnpolitik einzelner Länder eingreifen. Aber sie hätte den Ländern klarmachen müssen, dass sie der Entwicklung Einhalt gebieten müssen. Wo waren die Politiker, die ihren Gewerkschaften und Unternehmen gesagt haben: So geht es nicht weiter, sonst landen wir in einer Existenzkrise?

Sie waren bis Mai 2006 Chefvolkswirt der EZB. Wieso haben Sie nicht darauf gedrängt?

Ich habe nach wenigen Jahren erkannt, dass der Euro in eine Krise führen wird. Wir haben als EZB immer wieder darauf hingewiesen, dass die Wirtschaften der Länder sich auseinanderentwickeln. Für eine Notenbank gibt es aber Grenzen der Einmischung in der Öffentlichkeit. Und die Politiker haben unsere Warnungen ignoriert. Insofern ist das eine Krise mit Ansage. Dass sie diese Dimension annehmen würde und dass Griechenland eine derartige Misswirtschaft betreibt, das habe ich allerdings unterschätzt.

War es nicht von Anfang an Irrsinn, eine gemeinsame Währung für so unterschiedliche Länder einzuführen ohne politische Union?

Ich habe Anfang der 90er Jahre genau diese Ansicht vertreten. Heute stellt sich die Frage anders: Kann die Währung überleben ohne politische Union? Ich sage ja. Aber es muss klare Regeln geben und harte Sanktionen für Fehlverhalten. Ich wage die Prognose: Der Euro wird mich lange überleben.

Nähern wir uns nicht sowieso der politischen Union? Wir schicken Milliarden nach Griechenland und bestimmen dafür über deren Sparprogramm.

Vor der Idee, die politische Union über Transfers herbeiführen zu wollen, kann ich nur warnen. Dafür gibt es keinerlei Bereitschaft in der Bevölkerung.

Das Gespräch führte Lisa Nienhaus.

Quelle: F.A.S.
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