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Ólafur Hauksson Der Schurkenjäger von Island

 ·  Sonderstaatsanwalt Ólafur Hauksson ist den Verantwortlichen für die Finanzkrise auf der Spur. Bei Amtsantritt hatte er wenig Ahnung von Bilanzfälschung und Schneeballsystemen. Inzwischen scheint er seiner Aufgabe gewachsen.

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Auf seinen ersten Sieg hat Ólafur Thor Hauksson lange gewartet: Schon im Sommer 2009 fing die Ermittlung gegen einen der ranghöchsten früheren Mitarbeiter des isländischen Wirtschaftsministeriums an, in der vergangenen Woche schließlich hat das Amtsgericht in Reykjavík den Angeklagten wegen Insiderhandels zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung und einer Geldstrafe von umgerechnet 1,3 Millionen Euro verurteilt – es war exakt das Strafmaß, das Hauksson gefordert hatte.

Doch zum Feiern hat der Sonderstaatsanwalt, der den Zusammenbruch der Finanzbranche auf der Vulkaninsel juristisch aufarbeiten soll, keine Zeit. In mehr als hundert Einzelfällen sollen die Verantwortlichen für das Desaster zur Rechenschaft gezogen werden, das Island im Herbst 2008 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht hat. Dafür muss Hauksson nicht nur das Dickicht der internationalen Finanzströme durchdringen, in dem sich die einstigen isländischen Großbanken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir mit ihren riskanten Geschäften tummelten, sondern auch das enge Geflecht aus Wirtschaft und Politik entwirren, in dem persönliche Vorteile und Rücksichtnahmen oft schwerer wogen als Vernunft und Gesetz.

Mit selbstbewusster Bescheidenheit

Auf die Stellenanzeige, veröffentlicht im Winter nach der Verstaatlichung der drei Banken samt ihrer Verbindlichkeiten, deren Wert auf rund das Zwölffache der isländischen Wirtschaftsleistung beziffert wird, hätte folglich gut eine Mischung aus Sisyphos und Herkules gepasst. Hauksson hat zwar das Gardemaß von zwei Metern, sonst aber weder zu Tragödie noch Legende eine Veranlagung. Vielmehr geht der 53 Jahre alte Jurist und fünffache Vater seine Aufgabe bislang mit selbstbewusster Bescheidenheit, unerschrockener Hartnäckigkeit und penibler Sorgfalt an. Das sind offenbar genau die Eigenschaften, die für die Schurkenjagd auf der Vulkaninsel nötig sind. Im Wochentakt mehren sich die Anzeichen dafür, dass Ólafur Hauksson seinem Amt – entgegen allen Erwartungen – gewachsen sein könnte.

Von Bilanzfälschung, Kursmanipulation und Schneeballsystemen nämlich hatte der Beamte, wie er heute einräumt, wenig Ahnung, als er seine Bewerbungsunterlagen für das Amt des Sonderstaatsanwalts abschickte. Im Lebenslauf standen Stationen als Verwaltungsangestellter sowie als Bezirksstaatsanwalt in den Ortschaften Seltjarnarnes, Hólmavík und Akranes. Trotzdem fiel die Wahl auf ihn. „Ich war vermutlich der einzige Bewerber“, spielt er die überraschende Entscheidung herunter; eine Bestätigung für diese Erklärung gibt es allerdings nicht.

Zweifel längst zerstreut

Inzwischen haben sich die Zweifel an seiner Kompetenz längst zerstreut. Hatte er an seinem ersten Arbeitstag in der neugeschaffenen Behörde im Februar 2009 nur zwei Mitarbeiter, so sind es heute 72. Im Einsatz sind sie nicht nur in Reykjavík, sondern auch in London und Luxemburg, wo die isländischen Banken ihre wichtigsten Auslandsniederlassungen hatten. Bald wird Hauksson zusätzlich auch die gesamte Wirtschaftsabteilung der isländischen Kriminalpolizei führen, die der Sonderstaatsanwaltschaft angegliedert werden soll. Haukssons Vertrag, ursprünglich auf zwei Jahre befristet, wurde bis 2013 verlängert. „Ich werde nicht bis zur Rente an dieser Stelle kleben“, sagt er, „aber ich werde vermutlich bis ans Ende meines Lebens von den Erfahrungen zehren, die ich zurzeit mache.“

Rund 600 Verhöre haben Hauksson und sein Team bisher absolviert. Für den Untersuchungshaftbefehl gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden von Kaupthing hat der Chef persönlich vor Gericht gekämpft. Im Ausland hat zwar die jeweilige einheimische Ermittlungsbehörde das Heft in der Hand. Doch sowohl an der Festnahme der im Immobiliengeschäft reich gewordenen Tchenguiz-Brüder in London, denen Kaupthing in den Wochen vor dem Zusammenbruch reichlich Kredit gegeben hatte, als auch an der Razzia in der Privatbank Havilland, die in die Luxemburger Räume von Kaupthing gezogen ist, war Hauksson mit seinen Leuten in den vergangenen Wochen beteiligt.

Zeit für die großen Fische

Inzwischen, berichtet der Staatsanwalt, erkundigten sich Behörden aus Ländern, deren Finanzbranche sich als ähnlich kriminell wie die isländische erwiesen haben, nach seinen Methoden. Es gebe auch Jahre nach dem Kollaps der Banken noch viel belastendes Material, versichert er dann, man müsse nur lange genug suchen. „Es ist unsere Pflicht, diese Arbeit zu erledigen“, sagt Hauksson. „Alles andere hieße, „die kleinen Diebe zu hängen und die großen laufen zu lassen.“ Im Sommer, so hofft er, wird die Hauptverhandlung gegen die frühere Doppelspitze einer Bank beginnen, die das Institut zu ihren eigenen Gunsten geplündert haben soll.

Und danach könnte die Zeit reif sein für die großen Fische, für Kaupthing, Glitnir und Landsbanki. Ganz unterdrücken kann Hauksson nämlich doch nicht, dass der erste Sieg den Appetit auf mehr geweckt hat. „Das ist ein wichtiger Hinweis darauf“, kommentiert er das Urteil des Amtsgerichts, „wie die Gerichte künftig unsere Beweise und Argumente bewerten werden.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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