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Ökonom Masciandaro „Bankenaufseher fliehen aus der Verantwortung“

15.07.2011 ·  Italiens wichtigster Fachmann für die Regulierung von Finanzmärkten will die Ratingagenturen aus allen Reglements streichen. Der 49 Jahre alte Donato Masciandaro lehrt an der Mailänder Eliteuniversität Bocconi.

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Professor Masciandaro, warum haben Ratingagenturen so viel Macht?

Die Ratingagenturen wirken in der Wirtschaft prozyklisch. Das ist die Schuld vieler Aufsichtsbehörden. Die haben ihre eigene Verantwortung an private Institutionen abgewälzt, die, gemessen an ihrer ökonomischen Aufgabe, unverhältnismäßige Bedeutung bekommen. Die Ratingagenturen werden damit zu halböffentlichen Institutionen, dabei bilden sie auch noch ein Oligopol.

Welche Verantwortung? Welche Institutionen?

Etwa die Europäische Zentralbank, eine öffentliche Institution mit vielen exzellenten Fachleuten in der volkswirtschaftlichen Abteilung. Warum lässt sie private Agenturen entscheiden, welche Staatstitel von Banken beliehen werden können? Warum müssen die Bankenaufseher das Urteil über die Solidität der Aktiva von Banken anderen überlassen? Das ist eine Flucht aus der Verantwortung. Die führt schließlich dazu, dass auch die Regeln der Investmentfonds vollgepackt sind mit Verweisen auf die Urteile der Ratingagenturen.

Was hat das für Folgen?

Das Urteil einer Ratingagentur löst viele Reaktionen aus, wie eine Lawine, die aus einem Schneeball entsteht. Aufsichtsbehörden reagieren ebenso wie Investmentfonds. Die Lawine entsteht auf jeden Fall, ob das Urteil der Ratingagentur gerechtfertigt ist oder nicht.

Was schlagen Sie als Lösung vor?

Das Urteil der Ratingagenturen muss aus allen Reglements verschwinden. Die Institutionen, die Bewertungen vornehmen, können die Meinungen der Ratingagenturen immer noch zu ihrer Meinungsbildung heranziehen.

Welche Lösung wird von den europäischen Politikern angestrebt, und wird die dann funktionieren?

Die Politiker wollen nun die Ratingagenturen mit einer Art „Führerschein“, einer Konzession, ausstatten. Doch das ist ein Schritt in die falsche Richtung, das verschlimmert das Problem. In den Vereinigten Staaten hat dies im Übrigen auch nichts gebracht.

Was ist denn eigentlich die Funktion von Ratingagenturen?

Ratingagenturen liefern zwei Arten von Informationen an den Markt: Die Investoren werden informiert über die Solidität eines Unternehmens, das Obligationen ausgegeben hat. Dem Emittenten wiederum wird mitgeteilt, wie man seine Perspektiven einschätzt, damit er für die Zukunft den richtigen Weg einschlägt.

Werden die Ratingagenturen dieser Grundaufgabe gerecht?

Es gibt keinen Grund, die Zukunftsperspektiven zu veröffentlichen. Damit läuft man Gefahr, die Situation eines Emittenten zu verschlechtern. Es genügt, die betreffende Institution vertraulich über die Einschätzungen ihrer Zukunftsperspektiven zu informieren. Doch bisher machen die Ratingagenturen Werbung für sich mit der Publikation ihrer Bewertungen für die Zukunft, und die werden auch wegen des Medienechos während des Börsenhandels veröffentlicht. Das Gleiche gilt für den Umstand, dass die Agenturen auch Ratings für Institutionen, etwa Länder, abgeben, für die sie gar nicht bezahlt werden. Buchprüfungsgesellschaften oder Zertifizierungsunternehmen veröffentlichen schließlich auch keine Berichte über Institutionen, die gar nicht um ein Urteil gebeten haben.

Gibt es denn Interessenkonflikte für die Ratingagenturen?

Wir sind sicher, dass sie keinerlei Insiderhandel machen. Aber es wäre gut, komplette Transparenz darüber zu haben, wer die Aktionäre der Ratingagenturen sind und in welche Aktivitäten sie investiert haben.

Muss man Ratingagenturen bei Fehlentscheidungen zur Verantwortung ziehen?

Bisher werden Ratingagenturen so behandelt wie Journalisten. Sie genießen eine Art Meinungsfreiheit und sind nur begrenzt für ihre Urteile verantwortlich. Stärker wird ein Buchprüfer für ein Fehlurteil zur Rechenschaft gezogen. Wenn die Ratingagenturen zum Motor von Instabilität auf den Märkten werden, könnten sich zumindest in Italien die Staatsanwälte einschalten.

Ist eine europäische Ratingagentur die Lösung?

Wenn auf künstliche Weise eine öffentliche Ratingagentur gegründet wird, verzerrt das den Markt. Ich bin skeptisch, wenn öffentliche Unternehmen private ersetzen sollen.

Die Fragen stellte Tobias Piller.

Quelle: F.A.Z.
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