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Ökonom Eichengreen „Deutschland könnte D-Mark wieder einführen“

29.11.2010 ·  Deutschland könnte zu seiner alten Währung zurückkehren, „ohne sich damit eine schwere Finanzkrise einzubrocken“, glaubt der Ökonom Barry Eichengreen. Im Interview erläutert er, warum er trotzdem nicht an einen Euro-Austritt glaubt.

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Professor Eichengreen, an allen Enden von Europa kriselt es. Geht der Euro jetzt den Bach runter?

Ich glaube, der Euro überlebt! Ich habe 2007 untersucht, unter welchen Umständen Länder aus dem Euro zu ihrer alten Währung von der Drachme bis zur D-Mark zurückkehren könnten. Eine nette akademische Überlegung - es ist aber praktisch unmöglich.

Ihre These war damals: Ein Austritt aus der Währungsunion ist weniger wahrscheinlich als ein Meteorit-Einschlag im Frankfurter Eurotower. Ist die Wahrscheinlichkeit mittlerweile gestiegen?

Minimal. Heute würde ich sagen: Die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens beider Ereignisse ist ungefähr gleich hoch.

Was macht Sie da so sicher?

Ein Krisenland an der Peripherie Europas müsste verrückt sein, aus dem Euro auszutreten. Es würde in seinen Grenzen den größten Banken-Sturm aller Zeiten auslösen. Die Menschen würden - nicht ganz zu Unrecht - befürchten, dass ihr Geld mit der neuen Währung drastisch an Wert verlieren könnte. Und für die Schulden des Landes würde es nichts bringen: Die wären ja weiter in Euro notiert.

Es gäbe eine andere Möglichkeit. Eines der starken Länder wie Deutschland könnte aus dem Euro austreten - um nicht andauernd andere Länder retten zu müssen.

Das ist sicher die wichtigere Frage. Deutschland ist eines der Länder, die - zumindest in der Theorie - ihre alte Währung wieder einführen könnten, ohne sich damit eine schwere Finanzkrise einzubrocken.

Was würde denn passieren, wenn Deutschland aus Frust über den Euro und die Rettungsaktionen die D-Mark wieder einführt?

Immerhin würde in Deutschland niemand glauben, dass die „Neue D-Mark“ eine Weichwährung würde. Es würde aber Europa um 50 Jahre in der Geschichte zurückwerfen - die gesamte europäische Einigung würde revidiert. Ich glaube aber nicht, dass das passiert. Das ist doch unvorstellbar.

Unvorstellbar war bis vor kurzem vieles. Oder haben Sie etwa damit gerechnet, was in Griechenland und in Irland passiert ist?

Nicht quantitativ, aber qualitativ.

Soll heißen?

Niemand hat exakt vorhersagen können, wie groß die Probleme an Europas Peripherie werden. Aber eine ganze Reihe von Ökonomen, mich eingeschlossen, haben Ende 2009 gewarnt, dass es mit den Schulden dieser Länder auf Dauer nicht so weitergehen kann. Trotzdem war natürlich jeder überrascht, wie ernst die Haushaltslage in Griechenland war. Und jeder, einschließlich der irischen Regierung selbst, war erstaunt, wie groß das Loch im irischen Bankensystem ist.

Glauben Sie, die anderen europäischen Länder wären in der Lage, Portugal und Spanien auch noch zu retten?

Ja, ich glaube schon, dass Europa das schaffen würde. Portugal wäre der Dritte eines Trios kleiner europäischer Krisenländer, deren Bruttoinlandsprodukt jeweils weniger als drei Prozent des Einkommens der Eurozone ausmacht.

Spanien ist ein ganz anderer Brocken.

Spanien ist um einiges größer. Seine Rettung würde um einiges schwieriger - und natürlich auch teurer. Ich bin aber überzeugt, Europa würde auch das schaffen - allerdings nur, wenn man die Rettung endlich richtig angeht.

Richtig retten ist schwer?

Auf jeden Fall! Ich glaube nicht, dass die ersten beiden Rettungsaktionen, Griechenland und Irland, vernünftig gemacht wurden. In Spanien müsste es besser gemacht werden, sonst klappt es nicht.

Was war falsch?

Das Prinzip der Rettungsaktionen ist bislang: Man packt auf die alten Schulden einfach neue Schulden drauf. So kann das nicht funktionieren. Teil jeder Rettungsaktion muss eine Restrukturierung der Schulden sein, eine Umschuldung.

Was heißt das?

Auch die Gläubiger, die Besitzer der Anleihen von Banken und Staaten, müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Bislang verlangen die Politiker in Deutschland und in den anderen Geberländern immer, dass die Krisenstaaten ihre Löhne, Gehälter und Pensionen senken. Das ist so etwas wie eine "reale Abwertung". Wirklich abwerten können die Krisenländer ihre Währung ja nicht, weil sie zum Euro gehören. Diese reale Abwertung löst die Probleme der Krisenländer nicht, wenn nicht auch die Schulden abgewertet werden.

Was würden Sie den europäischen Ländern raten?

Die Gläubiger müssen beteiligt werden - auch die Banken.

Viele Geberländer machen sich aber Sorgen um ihre eigenen Banken, wenn deren Forderungen zusammengestrichen werden.

Dagegen hilft nur, endlich offen mit der Lage der Banken umzugehen. Vernünftige Stresstests müssen her, die zeigen, wie es um jede einzelne Bank in Europa steht. Die Stresstests im vorigen Frühjahr waren ja offenkundig nicht aussagekräftig genug. Banken, die zu schwach zum Weiterleben sind, müssen dann entweder von den Staaten mit Kapital versehen - oder abgewickelt werden.

Wird eine Rettungsaktion für Spanien denn Ihrer Ansicht nach bald notwendig sein?

Wir haben in dieser Krise vor allem gelernt, dass die Geschwindigkeit dieses Prozesses ständig zunimmt. Die Probleme in Portugal sind schon da, in Spanien deuten sie sich an. Ich glaube nicht, dass man einfach bis nächstes Jahr warten kann. Je länger man wartet, desto schwieriger wird es. Das hat sich ja auch in Griechenland gezeigt.

Werden denn die Steuerzahler in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern auf Dauer bereit sein, ein Land nach dem anderen zu retten?

Ich glaube, die deutschen Politiker und die Verantwortlichen in den anderen Euro-Staaten werden den Steuerzahlern erklären müssen, warum ihre Beteiligung notwendig ist.

Das wird aber schwer ...

Da ist Führung gefragt. Die Politiker müssen sich hinstellen und den Leuten die Zusammenhänge erklären. Man kann doch nicht alle Vorteile des Euro für sich in Anspruch nehmen, sich aber nicht an den Kosten beteiligen. Gerade Deutschland hat doch enorm vom Euro profitiert. Ohne die Währungsunion wäre der Kurs der D-Mark in Zeiten wie diesen durch die Decke geschossen.

Wäre das schlimm?

Die deutsche Industrie wäre darüber nicht glücklich. Ihre Exporte würden teurer und ließen sich schlechter verkaufen. Das ganze deutsche Wirtschaftswachstum ist auch eine Folge des niedrigen Euro. Deutschland profitiert von den Problemen in den Peripherieländern - indem diese den Euro-Kurs niedrig halten. Das müsste Frau Merkel den Leuten in Deutschland klarmachen.

Halten Sie es denn für wahrscheinlich, dass auch die Zinsen der Staatsanleihen von Italien, Frankreich und Deutschland jetzt bald ansteigen werden?

Ich glaube nicht, dass die deutsche Kreditwürdigkeit mittelfristig durch die Rettungsaktionen leidet. Im Gegenteil. Länder wie Deutschland profitieren bislang von den Schwierigkeiten in den Südländern. Anleger suchen deutsche Staatsanleihen als „sicheren Hafen“. Das führt dazu, dass die Renditen der Staatsanleihen sinken.

Aber was passiert langfristig, wenn wir ein Land nach dem anderen retten müssen?

Solange Deutschland relativ besser dasteht als die anderen Staaten, wird es weiter von den Krisen am Rande Europas profitieren. Langfristig aber sehe ich durchaus Gefahren. Deutschland könnte wegen seiner demographischen Probleme, dem Bevölkerungsrückgang, irgendwann Schwierigkeiten bekommen. Wenn es nicht mehr genug junge Leute gibt, die später für die Staatsschulden aufkommen, könnten die Gläubiger höhere Zinsen für Staatsanleihen verlangen.

Werden die Rettungsaktionen denn den Kurs des Euro schwächen?

Wechselkurse sind sehr schwer vorherzusagen. In der einen Woche geht der Kurs des Dollar wegen der vielen Probleme in Amerika runter; dann sinkt mal wieder der Kurs des Euro wegen neuer Schwierigkeiten an Rande Europas. Ich wage keine Wette, wie das am Ende ausgeht.

Meinen Sie womöglich, wir müssen uns um Amerika mehr Sorgen machen als um Europa?

Ich würde das nicht ausschließen. Amerikas Wirtschaft ist sicher flexibler als die europäische. Sie hat auch nicht so mit Überalterung und Bevölkerungsrückgang zu kämpfen wie Europa. Dafür hat Amerika sein riesiges Haushaltsdefizit. Das größte Problem in Amerika im Augenblick aber ist, dass die Wirtschaft zu wenig wächst, um die Arbeitlosigkeit abzubauen. Dagegen ist doch beeindruckend, wie zum Beispiel Deutschland aus der Krise gekommen ist.

Das Gespräch führte Christian Siedenbiedel.

Quelle: F.A.S.
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