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Nach der Herabstufung von Euro-Ländern Halb Europa geht in die Knie

 ·  Standard & Poor’s straft neun Länder der Eurozone ab. Die Krise eskaliert. Die Euro-Kernländern und die sogenannten Peripheriestaaten driften auseinander. Und die Rettung wird noch teurer.

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© F.A.Z. Die Ratingagenturen und der Dax

Die Schlacht um den Euro erreicht die nächste Stufe der Eskalation. Alle Hoffnung, die Schuldenkrise könnte sich still und leise verziehen, ist zum Wochenende zerstoben: Nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsnoten für neun Euroländer gesenkt hat, ist offensichtlich: Die Rettung wird langwierig und im Zweifel noch teurer als eh schon befürchtet.

Ganze vier Euro-Staaten sind nur noch im Besitz der Bestnote AAA, davon einzig Deutschland mit einem stabilen Ausblick. Das macht die Rettung tendenziell kostspieliger. Und der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) wird zunehmen, die letzten Grundsätze über Bord zu werfen und mit noch mehr Milliarden den Rettungeuropäern beizuspringen: "Spitzt sich die Krise zu, muss die EZB endlich die Bazooka auspacken", frohlockt ein Banker.

Interaktiv: Das Rating der wichtigsten Länder

Sosehr die Politik sich am gestrigen Samstag mühte, die Folgen der Abstufung herunterzureden, so deutete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) doch an, dass die Basis der Rettungsschirme wohl erweitert werden müsse. "Auf je weniger Länder das konzentriert ist, umso anfälliger werden diese Gebilde", sagte sie am Samstag. Sie setze nun darauf, dass der neue Euro-Rettungsschirm (ESM) rasch kommt. Im Juni soll der ESM den bisherigen Rettungsfonds EFSF ablösen, der sich am Markt die Mittel für hilfesuchende Länder besorgen musste.

Damit der ESM die beabsichtigten 440 Milliarden Euro verleihen kann, stehen die Euroländer mit Garantien von 780 Milliarden Euro in der Pflicht - diese Summe galt allerdings unter den bisherigen, besseren Bonitätsnoten. Nun wird die Finanzierung schwieriger.

Wenn mit Frankreich der zweitwichtigste Triple-A-Garant ausfällt, habe der Rettungsschirm zwei Möglichkeiten, erläutert Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Entweder der Fonds schrumpft das Kreditvolumen für die Peripheriestaaten, oder er muss auf die Bestnote verzichten." Das bedeutet: Die Rettung kostet mehr, so oder so.

Um wie viel teurer es wird, ist schwer zu sagen. So eindeutig ist der Zusammenhang nicht, worauf die Kanzlerin hinweist: Der Rettungsschirm hatte schon jetzt etwas höhere Zinssätze bieten müssen, der Markt hatte die Abstufung bereits eingepreist. Wie jetzt auch reihum die Regierenden beteuern, sie seien überhaupt nicht überrascht, schon gar nicht erschrocken über die Abstufung.

Begründet hatte S&P den Schritt mit der Enttäuschung über die Entwicklung der vergangenen Wochen: "Die politischen Initiativen waren nicht ausreichend, um den anhaltenden systemischen Belastungen der Eurozone angemessen zu begegnen", moniert die Ratingagentur.

Herabstufung trotz Sparanstrengung

Die direkte Konsequenz ist für den deutschen Staat in seiner Funktion als Schuldner zunächst positiv: Je größer das Elend ringsum, desto attraktiver werden Bundesanleihen: Der Run auf deutsche Staatspapiere wird sich noch mal verstärken, nachdem jüngst schon Investoren Geld mitgebracht haben, um in Bundesleihen anlegen zu dürfen - das drückt die Zinslast des Finanzministers.

Gesund ist die Entwicklung dennoch nicht: In dem Maße, in dem die Euro-Partner abrutschen, wird die Lage in Europa immer prekärer und die Solidarität mit der Rest-Eurozone für den deutschen Steuerzahler irgendwann untragbar und auch politisch nicht mehr durchsetzbar. Ganz zu schweigen von den politischen Konsequenzen in Ländern, die aller Sparanstrengungen zum Trotz noch mal herabgestuft wurden: "Die Stimmung könnte vollends gegen sparwillige Regierungen kippen", warnt ein Notenbanker.

Dabei hatte sich in der vergangenen Woche eine Entspannung abgezeichnet: Italiener und Spanier brachten ihre Anleihen überraschend geschmeidig am Markt unter, zu weit günstigeren Konditionen als befürchtet. Die frischgewählten Regierungschefs in Madrid und Rom genießen Anerkennung. Der italienische Regierungschef Mario Monti holte sich auf einer Stippvisite in Berlin das Lob der Kanzlerin für seinen Spareifer.

Auseinanderlaufende Wettbewerbsfähigkeit

Diese Mühe erkennt auch Standard & Poor's an, die Botschaft der Agenturen ist eine andere: Sparen allein reiche nicht, argumentieren sie, ist mitunter sogar kontraproduktiv, wenn es die Wirtschaft der Peripheriestaaten stranguliert. Das eigentliche Problem gehe tiefer, schreibt S&P und wertet die Turbulenzen in der Eurozone als "Ergebnis steigender außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte und auseinanderlaufender Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Kernländern der Eurozone und den sogenannten Peripheriestaaten".

Im ersten Reflex reagierte die Politik wie stets, wenn eine Ratingagentur schlechte Botschaften überbringt: Von einem Angriff der Angelsachsen ist auch dieses Mal die Rede - ein Argument, das Ökonomen nicht gelten lassen: "Standard & Poor's sind nicht Teil einer Verschwörung gegen die Eurozone, mit der Amerika von eigenen Problemen ablenken will", sagt der Hannoveraner Finanzwissenschaftler Stefan Homburg: "Vielmehr macht S&P nur Gewinn, solange die Agentur glaubwürdig bleibt. Wenn man Frankreichs Daten zu Schulden und Defizit analysiert, ist die Herabstufung völlig plausibel."

Ratingagenturen hinken den Märkten hinterher

Zudem hat der Markt, also die Gemeinschaft der internationalen Investoren, mit der Herabstufung gerechnet. Ratingagenturen haben längst nicht die Kraft, die ihnen von Verschwörern zugemessen wird: Nachdem am Freitagnachmittag erste Fetzen der Nachricht durchgesickert waren, war der Dax kurz eingeknickt, die Stimmung hat sich aber rasch wieder beruhigt. Und die Profis in den Handelsräumen erwarten auch für Montagfrüh, wenn die Weltbörsen öffnen, keine panischen Einbrüche als Reaktion auf die Ratingagentur: "An der Preisbildung für Aktien und Anleihen sollte sich nicht viel ändern", sagt ein Frankfurter Investmentbanker. "Die Euro-Dramatik ist in den Kursen enthalten." Für ihn und seinesgleichen hätten die Ratingagenturen an Relevanz verloren, berichtet der Mann: "Sie hinken dem Urteil der Märkte nur hinterher."

Folgenlos sind die Noten der Ratingagenturen deswegen nicht. Viele institutionelle Investoren wie Fonds-Gesellschaften oder Versicherungen sind von Gesetzes wegen gehalten, sich an ihr Urteil zu halten. Die staatlichen Regulatoren verpflichten sie zu Anlagen bestimmter Güteklasse.

Wenn die Politik den Einfluss vermindern will, muss sie dort ansetzen - das hat auch die Bundeskanzlerin erkannt und angekündigt, über eine entsprechende Änderung der Gesetze nachzudenken.

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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