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Martin Blessing Der Tabubrecher

12.07.2011 ·  Locker, fast flapsig war Martin Blessing oft aufgetreten, auch in der Finanzkrise. Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank duzt sogar seine Mitarbeiter. Nun ist er der erste Banker von Rang, der einen Schuldenerlass für Griechenland vorschlägt.

Von Hanno Mussler
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Am Dienstag herrschte am Finanzplatz Frankfurt Erstaunen über Martin Blessing. Mit einem sehr staatsmännischen Beitrag in der F.A.Z., in dem der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank einen Schuldenerlass für Griechenland anregte, entsprach er ganz und gar nicht dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat: Locker, fast schon flapsig war Blessing zuvor oft aufgetreten, sogar in der Finanzkrise. Mit Formulierungen wie „Man kann immer besser werden“ hatte er damals Verluste und benötigte Staatshilfen von 18 Milliarden Euro kommentiert - und war damit angeeckt. Auch indem er seine Mitarbeiter duzt, brachte der gerade 48 Jahre alt gewordene gebürtige Bremer einen neuen Ton in die deutsche Bankenwelt.

Doch sein jüngster Beitrag zur Lösung der Staatsschuldenkrise hat einen anderen Duktus: „Weitermachen wie bisher ist nicht möglich, die Wirklichkeit hat uns eingeholt“, schreibt Blessing eindringlich. Er gibt sich als überzeugter Europäer und Anhänger des Euro. Aber anders als etwa die 50 deutsch-französischen Unternehmenslenker, die Mitte Juni mit eher vagen Worten in einer Anzeigenkampagne die Notwendigkeit des Euros beschwörten, will Blessing die Währung mit Taten stärken. 30 Prozent seiner Schulden sollen die privaten Gläubiger, darunter auch die mit fast 3 Milliarden Euro in griechischen Anleihen investierte Commerzbank, Griechenland erlassen. Nur so könnte das Land dauerhaft Tritt fassen, meint Blessing.

Spielt er mit dem Feuer?

Zwar hat auch der Vorsitzende des Verbands der öffentlichen Banken in Deutschland eine Umschuldung Griechenlands schon vor längerer Zeit als Option bezeichnet. Blessing aber ist der erste Banker von Rang, der jetzt einen konkreten Vorschlag zur Höhe des Schuldenschnitts und zur Streckung der Restschulden über 30 Jahre macht. Blessing ist insofern ein Tabubrecher - und hebt sich ganz nebenbei auch von Josef Ackermann ab. Die Rivalität zwischen dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank und Blessing, dem Chef der zweitgrößten deutschen Bank, ist immer wieder spürbar.

Ackermann hatte schon vor Monaten in einer Talkshow durchblicken lassen, Griechenland werde um eine Umschuldung nicht herumkommen. Aber zuletzt hatte er eine Beteiligung privater Gläubiger an einer Umschuldung, die von den Rating-Agenturen als Zahlungsausfall gewertet würde, als Spiel mit dem Feuer bezeichnet. Blessing nimmt nun mit seinem Vorschlag einen Zahlungsausfall Griechenlands bewusst in Kauf. Spielt er mit dem Feuer? Unterschätzt der in Frankfurt, St. Gallen und Chicago ausgebildete Betriebswirt die Verflechtungen und die Ansteckungsgefahren zwischen den Staaten?

Wohl kaum. Vielmehr ist Blessing wohl überzeugt, dass sich die europäische Staatsschuldenkrise nur dann auf Griechenland, Portugal und Irland begrenzen lässt, wenn jetzt glaubwürdig gehandelt wird. Mit weiteren Rettungspaketen, so glaubt er wohl, kauft sich die Politik lediglich Zeit, bis es doch zu einer Umschuldung kommen muss. Bis dahin sei kein Ende der Vertrauenskrise in den Euro in Sicht. Diese Einschätzung hat Blessing mit seinem Zeitungsbeitrag transportiert. Mag sein, dass ihn auch geärgert hat, dass in vielen Zeitungen zuletzt stand, wenn Bundeskanzlerin Merkel Fragen zur Finanzkrise habe, wende sie sich an Ackermann und nicht an ihn.

Mutmaßungen, die ihn maßlos ärgern müssen

Andere Beobachter am Finanzplatz wundern sich, dass Blessing sich gegen die Europäische Zentralbank und auch die Bundesregierung stellt, die einen Zahlungsausfall Griechenlands mit aller Macht verhindern wollen, koste es was es wolle. Andere mutmaßen, Blessings Beitrag könnte sogar mit der Bundesregierung abgestimmt gewesen sein, da sie über den Bankenrettungsfonds Soffin größter Aktionär der Commerzbank ist. Dies sei nicht der Fall, wird in Blessings Umfeld glaubhaft versichert. Auch wenn die Commerzbank teilverstaatlicht sei, werde doch nicht in sie hineinregiert.

Schon die Mutmaßungen aber müssen Blessing maßlos ärgern. Die tatsächliche und angebliche Einmischung der Bundesregierung in Belange der Bank - von der Deckelung des Gehalts der Vorstände bis hin zur Ausweitung der Unternehmenskredite in der Krise - gehen dem überzeugten Marktwirtschaftler auf die Nerven. Seit April hat er mit der bislang größten Kapitalerhöhung aller Zeiten in Deutschland den Grundstein dafür gelegt, dass die Bank den Bund als Aktionär bald los wird. 11 Milliarden von 18 Milliarden Staatshilfen hat die Bank schon zurückgezahlt.

Die andauernde Staatsschuldenkrise belastet jedoch die Erfolgsaussichten der Commerzbank. Sie ist nicht nur mit 2,9 Milliarden Euro in griechische Staatsanleihen investiert, sondern hält auch italienischen Staatsanleihen im Wert von 9,4 Milliarden Euro. Käme es für Italien zu einem Schuldenschnitt, wie ihn Blessing für Griechenland anregt, wäre die Commerzbank womöglich wieder auf Staatshilfe angewiesen.

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