15.03.2010 · Pleiten gehören zur Geschichte der Staaten wie Königsmorde oder Kriege. Mal wurden sie offen zugegeben, mal verheimlicht. Danach ging das Leben weiter. Denn die Finanziers konnten trotz Zahlungsausfall mit einem Gewinn rechnen.
Von Winand von PetersdorffWenige Wörter klingen so bedrohlich ultimativ wie „Staatsbankrott“. Dabei lehrt die Geschichte: Die Länder können ihren finanziellen Ruin verwinden. „Staatsbankrotte sind keineswegs gleichbedeutend mit Staatsvernichtung“, schrieb der Philosoph und Jurist Alfred Manes schon 1918 in seinem Standardwerk über das Phänomen. Im Gegenteil, sie dienten häufig genug der Wiederbelebung oder der Rettung.
Bankrott sind Länder laut der gängigen Definition schließlich schon, wenn sie sich weigern, rechtlich unumstrittene Schulden zu bedienen. Es fehlt ihnen also am Willen zu zahlen und nicht zwangsläufig an der Fähigkeit. Das unterscheidet die Regierungen von Unternehmen, die im Konkursfall nicht mehr zahlen können. Von der Antike bis zur Neuzeit gilt die Grundregel: Insolvente Unternehmen sterben, insolvente Staaten schließen einen Vergleich mit ihren Geldgebern, oder sie verschleiern die Pleite.
Tatsächlich ist der Staatsbankrott keine Ausnahmeerscheinung: Er gehört zur Karriere der meisten Länder wie Überschwemmungen, Putsche, Königsmorde oder Kriege. Eine zuverlässige Liste der hoheitlichen Konkurse aus aller Welt zu erstellen sei im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit, seufzte schon Altmeister Manes. Allein die Pleiten eines Landes säuberlich zu registrieren falle schwer.
Die Kredite weginflationieren
Im Gebiet des Deutschen Reiches zum Beispiel ereigneten sich allein im 18. Jahrhundert fünf Pleiten, Spanien war sogar siebenmal dabei. In Nordamerika stoppten zwölf Unionsstaaten ihren Kapitaldienst, in Südamerika unzählige. Doch danach ging das Leben weiter.
Denn damals wie heute gelingt dem Staat etwas, das dem privaten Pleitier versagt bleibt: Er bekommt immer wieder Geld. „Gerne haben häufig und reichlich große und kleine Kapitalisten ihm ihr Geld geliehen“, notiert der Staatskundler Manes. Das ist mindestens überraschend. Entweder vergessen die Finanziers schnell, sie sind irrational, oder sie folgen einem eigenen Kalkül, das nicht auf Anhieb zu erkennen ist.
Um dieses Kalkül zu verstehen, sollte man wissen: Von der Antike bis heute haben die Staaten zwei Methoden, mit denen sie sich ihrer Schulden entledigen. Entweder erklären die Regierungen offen, dass sie die Kredite und Bonds nicht wie vereinbart bedienen. Oder sie verschleiern den Bankrott, indem sie Geld prägen oder drucken und so die Kredite weginflationieren.
So setzten die Römer nach dem ersten Punischen Krieg den Kupfergehalt der gängigen Münze von zwölf Unzen auf zwei Unzen herab und konnten ihre Schulden so mit einem Sechstel des Kapitals begleichen. Auch mehr als 2000 Jahre später blieb das Verfahren in Mode. Der Basler Wirtschaftshistoriker Peter Bernholz hat für das 20. Jahrhundert 29 Hyperinflationen gezählt, die alle ihren Ausgangspunkt in gewaltigen Staatsdefiziten hatten.
Philipp II. von Spanien: 90 Prozent der Einnahmen für das Militär
Im Vergleich dazu agierte der Superstar unter den Staatsbankrotteuren, Philipp II. von Spanien, geradezu entwaffnend offen: Er gab es immer zu, wenn ihm das Geld ausgegangen war. Der Habsburger regierte das spanische Weltreich von 1556 bis 1598 und pflegte die höchst kostspielige Neigung zu Kriegen. Mit religiöser Inbrunst bekämpfte er Engländer, Osmanen und Niederländer, die Franzosen sogar mehrmals. Erfolgreich war er nicht immer. Seine Armada aus 130 Kriegsschiffen zerschellte in Stürmen, seine Truppen scheiterten in den Niederlanden. Während seiner 42 Jahre währenden Regierungszeit herrschte gerade einmal sechs Monate lang Frieden im Reich.
Krieg aber ist teuer. Philipp gab nach Berechnung des Wirtschaftshistorikers Hans-Joachim Voth bis zu 90 Prozent seiner Einnahmen für militärische Zwecke aus. Kein Wunder, dass Spanien trotz seiner Einnahmen aus südamerikanischen Silberbergwerken stets klamm war.
Zu einem der interessantesten Forschungsobjekte für Finanzhistoriker wird der Herrscher, weil er viermal Staatsbankrott machte und damit der Wissenschaft ein Rätsel aufgab: Warum bekam der König trotz seiner katastrophalen Kreditbiographie immer neue Darlehen? Noch bemerkenswerter aber ist, wie Wirtschaftshistoriker Voth herausfand, dass der Herrscher sein Geld mehr oder weniger von den gleichen Finanziers bekam: reichen Familien aus Genua und den Fuggern aus Augsburg. Sie finanzierten Philipp, obwohl sie im schlimmsten Fall schon viermal geblutet hatten.
Gewinn trotz Zahlungsausfall
Will man ihnen nicht komplette Irrationalität unterstellen, dann gibt es nur eine Erklärung für ihr Verhalten – und sie gilt für die Kreditverhältnisse zwischen Staaten und Banken bis heute: Die Finanziers konnten trotz der Zahlungsausfälle mit einem Gewinn rechnen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Anders als private Konkurse enden Staatspleiten meistens in Vergleichen. Die Zinszahlungen werden herabgesetzt, Tilgungen gestundet, die Schuldsumme reduziert. Der Kreditgeber steht selten mit ganz leeren Händen da.
Dazu hatten die Geldgeber im Fall Philipps II. ein Druckmittel. Die genovesischen Bankiers bildeten ein mächtiges Kartell, aus dem sich keiner herauswagte. Philipp musste sich mit dem Kartell einigen, weil niemand sonst die Finanzen hatte, den unbändigen Hunger des Habsburgers zu stillen. Für die Genovesen wiederum war Philipp der mit Abstand größte Fisch, den es zu fangen gab. Man einigte sich, auch wenn nicht alle damit leben konnten. Die Nürnberger Kaufmannsfamilie Welser ging 1614 pleite, unter anderem weil sie in die spanischen Bankrotte involviert war.
Die Lehre aus der Causa Philipp lautet: Kreditbeziehungen zwischen Staaten und Gläubigern sind offenbar so belastbar, dass sie Zahlungsausfälle überstehen können. Die Gläubiger durften darauf bauen, dass Staaten mit steten Refinanzierungsbedürfnissen sich selten komplette Rücksichtslosigkeit erlauben. So etwas spräche sich herum. Die zumeist ausländischen Gläubiger sollten befriedigt werden, um weder den Außenhandel noch die politischen Beziehungen zu gefährden. Langzeituntersuchungen, die von 1850 bis 1970 bis heute reichen, bestätigen positive Langfristrenditen für Staatsanleihen trotz Bankrotten und Kriegen.
Zinssätze von bis zu 100 Prozent
Grundsätzlich dürften die Kreditgeber den Staatsbankrott eingepreist haben, vermutet Wirtschaftshistoriker Voth. Sie sicherten sich ihr Geld durch hohe Zinsen oder wertvolle Pfänder. Aus dem Mittelalter sind Zinssätze für kurzfristige Darlehen von bis zu 100 Prozent bekannt. Oder die Finanziers verlangten Sicherheiten wie Juwelen, Reliquien, lukrative Ämter und einmal sogar den Bart des Fürsten, wie Manes berichtet. In späteren Jahrhunderten normalisierten sich die Zinsniveaus, weil die Kreditbeziehungen offenbar belastbarer wurden.
Die Regeln im Kreditspiel änderten sich allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung des Internationalen Währungsfonds. Er könne als dritte Partei in die Kreditbeziehungen hineingezogen werden, berichten die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. „Mit der Bildung des IWF kam es häufiger zu Staatsbankrotten, die kürzer währten.“ Das unterstützt die These, dass Kreditparteien sich in der Regel ziemlich rational verhalten. Sie provozieren leichter Insolvenzen, wenn sie sich darauf verlassen können, dass eine dritte Partei sie herausboxt.
Und Banken haben einen zusätzlichen Adressaten, den sie mit der Drohung ihres eigenen Untergangs unter Druck setzen können.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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