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Krise in Griechenland Die Deutschen werden gepiesackt

28.02.2010 ·  Wo leben eigentlich die Profiteure des Euro? - fragen die Griechen und pieksen zurück: Weil die Deutschen ihren Reibach gemacht haben, sollen sie jetzt auch zahlen. Wenn es so weitergeht, könnte aus der Finanzkrise Griechenlands bald eine politische Krise Europas werden.

Von Rainer Hank und Winand von Petersdorff
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Der Ton wird unangenehm. „Die Deutschen haben griechisches Gold und Geld weggenommen und nicht zurückgezahlt“, klagt Theodoros Pangalos. Der Mann ist stellvertretender Ministerpräsident Griechenlands und redet von den Verbrechen der Nazis. Sein Land sei nie entschädigt worden, klagt Pangalos.

Griechenland fühlt sich provoziert, dreht den Spieß herum und attackiert jetzt die Deutschen. Ein Verbraucherverband rief am Freitag zum Boykott aller deutschen Produkte und Geschäfte auf. Die Flugblätter erinnern süffisant daran, wo und wann die klassische Kultur erfunden wurde und dass damals und lange später „die Deutschen noch Bananen auf den Bäumen“ gegessen hätten. Bananen?

Wenn es so weitergeht, könnte aus der Finanzkrise Griechenlands bald eine politische Krise Europas werden. Alte Traumata brechen auf. Jeder kämpft gegen jeden. „Ein Beistand für Griechenland ist in der Währungsunion nicht vorgesehen“, hat Bundesbankchef Axel Weber schon Ende Januar zu Protokoll gegeben: „Ich halte solche Hilfen für kontraproduktiv, Griechenland muss den harten und steinigen Weg der Konsolidierung selbst gehen.“

Während die Deutschen - deutlicher als andere europäische Länder - sich dagegen stemmen, für den finanzpolitischen Schlendrian der Südländer zu zahlen, sammeln die Griechen Verbündete, die den Deutschen nicht nur ihre ordnungspolitische Unerbittlichkeit, sondern auch die naive europapolitische Unschuld nehmen wollen.

Zu diesen Bundesgenossen zählen inzwischen auch viele Ökonomen. „Gerade Deutschland hat elf Jahre lang vom Euro profitiert“, sagt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Adam Posen, ein anerkannter Geldpolitiker: „Es liegt im Eigeninteresse Deutschlands, den Prozess der Anpassung in jenen Volkswirtschaften zu erleichtern, die viel Geld für deutsche Waren ausgegeben haben.“

In der Eurozone ist niemand allein

Mit anderen Worten: Deutschland soll Griechenland (und womöglich später auch noch Spanien, Portugal oder Italien) mit Geld retten, um auch künftig den Titel Exporteuropameister zu behalten und Geld zu verdienen.

Tatsächlich ist das Treiben der Griechen nicht gänzlich unabhängig vom Verhalten der Deutschen. In der Eurozone ist niemand allein. „Eine Währungsunion ist wie eine Beziehung“, sagt der Würzburger Ökonom Peter Bofinger, einer der fünf Wirtschaftsweisen. „Wenn die Partner nicht aufeinander achten, dann ist die Beziehung gefährdet.“ Lange Jahre habe jeder nur vor sich hin gewirtschaftet, ohne Rücksicht auf die Partner. Wo Griechenland sündigte und weit über seine Verhältnisse lebte, hat Deutschland wie wild exportiert, während die Spanier sich üppige Löhne gönnten ohne Rücksicht auf die Produktivität.

Es passiert Ungeheuerliches

Waren im Wert von 6,7 Milliarden Euro hat Deutschland im vergangenen Jahr nach Griechenland exportiert, während umgekehrt nur Güter für 1,8 Milliarden Euro von uns eingekauft wurden: Andere Länder wollen unsere Autos und Maschinen haben, aber wir halten uns beim Konsum von griechischem Schafskäse oder spanischem Wein zurück. „Einige Länder haben Party gefeiert, und die Deutschen haben Koch und Kellner geschickt“, sagt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer.

Es passiert gerade Ungeheuerliches: Man will uns die deutschen Tugenden madig machen. Wir sind fleißig, legen sparsam, wie wir sind, viel Geld zurück und konsumieren nur das Nötigste. Das soll jetzt schlecht sein? Sogar die maßvolle Tarifpolitik der Gewerkschaften in den vergangenen Jahren kommt in Misskredit. Denn sie blieb hinter der Produktivitätsentwicklung zurück, hat damit zwar die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte verbessert, aber die Ungleichgewichte zwischen den Ländern noch einmal vertieft.

Das ist starker Tobak. Denn der Vorwurf lautet: Nicht nur die Sünde, sondern auch die Tugendhaftigkeit kann zum Verhängnis werden. Wenn ein Land einen Exportüberschuss hat, muss der Rest der Welt ein Handelsbilanzdefizit haben. Wer auf Dauer über seinen Verhältnissen lebt, wird irgendeinmal zahlungsunfähig. Wer dagegen ständig unter seinen Verhältnissen wirtschaftet, profitiert so lange, bis er am Ende aber - wie jetzt von den Griechen - eine Rechnung präsentiert bekommt.

Die Sache ist klar

„Exporterfolge sind per se noch nichts Positives“, sagt auch der Chef des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn. Hierzulande sei die Ausfuhr von Gütern sogar künstlich aufgebläht worden, weil sich einfache Arbeit angesichts hoher Lohnkosten nicht mehr rentiere und diese Arbeitsplätze outgesourct wurden. Kapital flieht ins Ausland oder in die inländische Exportindustrie. „Das macht den anderen Probleme“, sagt Sinn. „Wir haben unter dem Euro real abgewertet.“

Was also tun? Da gehen die Meinungen der Kundigen auseinander. Für Keynesianer ist die Sache klar: Die Deutschen sollen weniger sparen, um die Binnennachfrage zu stärken. Dann sind wir weniger vom Export abhängig und können gleichwohl unseren Wachstumspfad weitergehen. „Die Balance wäre wieder da“, sagt Bofinger. Dass es nicht ganz feinfühlig ist, uns per makroökonomische Anweisung das Sparen zu verbieten, sieht Bofinger ein. Jedoch: „Jetzt merken wir, wo das Ersparte angelegt wurde. In griechischen Staatspapieren, Subprime-Produkten.“

Es droht ein Schock

Raffiniert argumentiert Ifo-Forscher Sinn: „Damit die Unternehmen in Deutschland investieren, muss sich einfache Arbeit hierzulande wieder lohnen.“ Schon seit Jahren sei die Investitionsquote in Deutschland dramatisch gesunken - inzwischen auf den zweitniedrigsten Wert aller OECD-Länder.

Und die Griechen? Sie haben keinen Grund, sich über die Deutschen zu beschweren. „Keine Rede, dass wir die Griechen schädigen“, sagt Sinn. „Wir haben ihnen billig einen wundervollen Lebensstandard ermöglicht.“ Jetzt bleibt dem Land nur die Möglichkeit abzuwerten.

Doch wie soll das gehen, wo die Drachme als eigene Währung fehlt? Innerhalb des gemeinsamen Euroraumes kann Abwertung nur bedeuten: Das Land muss die Löhne und Preise senken, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Das ist nicht lustig, wie die Streiks und Proteste auf Athens Straßen seit Monaten zeigen. Und es ist auch längst nicht alles: Um nämlich das gigantische Staatsdefizit von 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes abzubauen, müssen darüber hinaus die Steuern erhöht und die öffentlichen Leistungen empfindlich eingeschränkt werden. Es droht ein Schock, der politisch kaum auszuhalten ist.

Die europäische Bewährungsprobe

Einfacher wäre es, das Land schiede aus dem Euro aus und führte - vielleicht nur für eine Auszeit - wieder die Drachme ein. Dann würde natürlich auch abgewertet, aber die Menschen merken es im Binnenverhältnis nicht. Doch außer ein paar wenigen Ökonomen hält diese Lösung niemand für realistisch.

Kein Wunder, dass der Druck auf Deutschland, moralisch und ökonomisch, wächst, den Griechen finanziell unter die Arme zu greifen. Wären im Fall der Zahlungsunfähigkeit nicht auch deutsche Banken, bei denen sich Griechenland mit 43 Milliarden Euro verschuldet hat, schwer beschädigt? Hartnäckig halten sich Gerüchte, Deutschland schnüre ein Hilfspaket mit Finanzhilfen und Garantien.

Doch die Stimmung im Volk hält von solchen Hilfen gar nichts. Das hat Angela Merkel mit ihrem feinen Gespür längst begriffen. Das Europa-Pathos ihres Vorgängers Helmut Kohl ist der Kanzlerin aus dem Osten fremd. Gut möglich, dass die europäische Bewährungsprobe erst noch bevorsteht.

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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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