Home
http://www.faz.net/-gqu-6ooqz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Konjunkturtheorie Sparen, auch wenn es weh tut

 ·  Soll ein Staat in einer Wirtschaftskrise sparen oder im Gegenteil seine Ausgaben erhöhen? Ökonomen streiten seit Jahrzehnten über die Frage. Die Schuldenkrise wirft ein neues Licht auf das Thema.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (14)

Die Frage, ob der Staat in einer Wirtschaftskrise eher sparen oder im Gegenteil seine Ausgaben erhöhen soll, gehört zu den kontroversesten Debatten in den Wirtschaftswissenschaften. Dementsprechend sind die Einschätzungen, ob die Anpassungsprogramme in der Peripherie des Euroraums eher Nutzen als Schaden anrichten, heiß umstritten. Eine aktuelle Arbeit, an der unter anderen der Bonner Ökonom Gernot Müller beteiligt ist, wirft ein neues Licht auf das Thema, weil in der Analyse der hohen Verschuldung von Ländern ein erhebliches Gewicht beigemessen wird.

Um die Brisanz dieser Arbeit zu erkennen, lohnt es sich, kurz die Geschichte des Disputs um das Verhalten des Staates in Wirtschaftskrisen nachzuzeichnen. Am Anfang stand die liberale Auffassung, wonach Krisen das Ergebnis früherer Übertreibungen seien und der Staat auf einen ausgeglichenen Haushalt achten sollte. Das hat in der Krise Sparpolitik zur Folge. Seit den Erfahrungen der Regierung Brüning in der Endphase der Weimarer Republik ist diese Strategie umstritten.

Dann kam John Maynard Keynes, der (wie viele Vorgänger und viele Nachfolger) die Ansicht vertrat, eine Krise sei das Ergebnis einer unzureichenden privaten Nachfrage. Der Staat müsse vorübergehend eine zusätzliche Nachfrage entfalten und die hierbei anfallende Verschuldung tolerieren, bis der anschließende Aufschwung die Staatskasse wieder ins Lot bringe. Aus dieser Position folgt aber, dass sie staatliche Sparpolitik in der Krise als kontraproduktiv ansieht.

Diese lange Zeit festgefügte Meinung wurde in den vergangenen Jahren durch Arbeiten herausgefordert, die unter Leitung des in Harvard lehrenden italienischen Ökonomen Alberto Alesina entstanden sind. Auf der Basis von Länderstudien kamen sie zu dem Ergebnis, dass Sparpolitik die Konjunktur sogar anregen kann, sofern der Staat sein Haushaltsdefizit über Ausgabenkürzungen und nicht über höhere Steuern und Abgaben reduziert. Der dahinterstehende theoretische Gedanke ist einfach: Wenn die Menschen eine sinkende Staatsverschuldung erwarten, müssen sie weniger mit Blick auf künftige Steuererhöhungen sparen und können mehr konsumieren.

Gegen die These von Alesina und seinen Mitautoren wendet sich eine kürzlich veröffentlichte Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Alesinas Länderstudien methodische Schwächen nachsagt und auf der Basis eigener Länderstudien (die wieder offen für methodische Kritik sind) zu dem Schluss gelangt, dass Sparpolitik kurzfristig die Krise verschärft, vor allem Bezieher von Lohneinkommen trifft und speziell die Langzeitarbeitslosigkeit erhöht. Dieser Befund ist vor allem dann gültig, wenn weder eine weitere geldpolitische Lockerung noch eine Abwertung der Währung möglich ist. Mit dieser Position des IWF ziehen die allseits bekannten Kritiker von Sparpolitik wie der Nobelpreisträger Paul Krugman derzeit hoch erfreut durch die Lande.

Andererseits erkennt der IWF einen längerfristigen Sanierungsbedarf. Seine Position lautet: Sparpolitik ist prinzipiell notwendig, aber nicht in der aktuellen Lage. Diese Position erinnert an eine Erkenntnis eines großen Kirchenvaters, des heiligen Augustinus (354 bis 430): "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber nicht sogleich!" (Da mihi castitatem et continentiam, sed noli modo.)

Hiergegen lassen sich zwei Einwände vorbringen: Erstens bringt Methodenstreit über Länderstudien eventuell wenig Erkenntnis. Es wäre stattdessen nicht schlecht, mit einer akzeptablen Theorie an das Problem zu gehen. Zweitens zeigt die Situation in der Euro-Peripherie ein Problem, das für viele Fälle aus der Vergangenheit nicht zutraf: Diese Staaten sind so hoch verschuldet, dass sie ohne Hilfen nicht mehr auskommen. Die Staatsverschuldung lähmt die Wirtschaft. Das kann angesichts der Schnelligkeit, mit der Finanzmärkte reagieren, schnell auch anderen Ländern passieren.

Diese beiden Aspekte nehmen Arbeiten  der Ökonomen Giancarlo Corsetti, Keith Kuester, André Meier und Gernot Müller auf. Sie gelangen zu dem Schluss, dass Sparpolitik angesichts der hohen Verschuldung zwar nicht problemlos ist, aber das kleinere Übel sein dürfte gegenüber einem Verzicht auf Konsolidierung.

Der „Staatsrisiko-Kanal“

Die Erfahrungen der jüngeren Zeit zeigen, wie schnell und unerwartet Anleger das Vertrauen in die finanzielle Solidität eines Landes verlieren können. Das äußert sich in stark steigenden Anleiherenditen. Im schlimmsten Fall droht ein Bankrott. Die schwächere Bonität des Staates verschlechtert die wirtschaftlichen Aussichten des Landes, weil sich mit dem Staat auch die Unternehmen des Landes nur noch sehr viel teurer verschulden können als zuvor. Dieser sogenannte "Staatsrisiko-Kanal" ist ein wesentlicher Punkt in der Argumentation.

In einem theoretischen Modell verläuft der Prozess folgendermaßen: Am Anfang verschlechtern sich die Konjunkturerwartungen für ein Land. Daraus folgt die Erwartung einer höheren Staatsverschuldung, weil die erwartete Konjunkturverschlechterung geringere Steuereinnahmen mit sich bringt. Daraufhin verlangen die Anleger höhere Renditen für die Staatsanleihen des Landes. Über den "Staatsrisiko-Kanal" pflanzt sich dieser Impuls in die private Wirtschaft fort, wo auch Unternehmen und Privatpersonen Kredit auch nur noch zu höheren Kosten erhalten. Diese sich selbst erfüllende Prophezeiung einer Krise ist vollendet, wenn die Wirtschaft wegen der höheren Finanzierungskosten tatsächlich einen Abschwung erleidet.

Wie lässt sich dieser Prozess verhindern? Ganz einfach: Die Erwartung einer zunehmenden Staatsverschuldung darf sich nicht in deutlich höheren Renditen und im Extremfall einem Bankrott äußern. Das wird aber nur dann der Fall sein, wenn das Niveau der Staatsverschuldung in der Ausgangssituation nicht allzu hoch ist. Würde die Neuverschuldung in der Schweiz, in Schweden oder derzeit wohl auch in Deutschland unerwartet steigen, würde dies vermutlich keine tiefe Vertrauenskrise am Anleihemarkt auslösen. Die Renditen auf die Staatspapiere würden vielleicht ein wenig, aber kaum dramatisch steigen. Wohin es hingegen führen kann, wenn sich die wirtschaftliche Lage in einem ohnehin schwer angeschlagenen Staat verschlechtert, zeigt auf dramatische Weise Griechenland. Das Land ist de facto bankrott. Die Renditen für Anleihen mit zwei Jahren Restlaufzeit liegen bei knapp 100 Prozent, und die nicht zuletzt wegen ihrer Bestände an griechischen Staatsanleihen geschwächten Athener Banken sind in ihrer Kreditvergabe behindert. Es wäre nicht schlecht, rechtzeitig zu sparen, um eine solche Situation zu verhindern.

Giancarlo Corsetti / Gernot Müller: Sovereign risk, macroeconomic instability (2011). Im Internet: http://voxeu.org/index.php?q=node/6857

Giancarlo Corsetti / Gernot Müller: Sovereign risk, macroeconomic instability (2011). Im Internet: http://voxeu.org/index.php?q=node/6857

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

Jüngste Beiträge