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Kommentar Warnruf aus China

14.09.2011 ·  Europas und Amerikas Schuldenkrisen treffen China in einem kritischen Moment. Seine Hilfsangebote entspringen dem Selbstschutz. Aber das Land wird die Welt diesmal nicht retten.

Von Christian Geinitz
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Neue Töne aus Fernost: China, das seinerseits so viel Wert auf Nichteinmischung legt, liest den Industrieländern gehörig die Leviten. Üblicherweise verbittet sich das Land jede Kritik von anderen und verfolgt diese Zurückhaltung auch in seiner Außenpolitik – um zum Beispiel mit afrikanischen Despoten Geschäfte zu machen. Umso bemerkenswerter ist es, was Regierungschef Wen Jiabao jetzt auf dem „Sommer-Davos“ in China den Regierungen in Europa und Amerika ins Stammbuch geschrieben hat. Sie müssten „ihr Haus in Ordnung bringen“, eine Ausweitung der Krise verhindern, die Schulden abbauen, zu Wachstum und Beschäftigung zurückkehren.

Wen ist so deutlich geworden, weil das Konzept der Nichteinmischung in den globalisierten Waren- und Kapitalmärkten keinen Bestand haben kann. China hat seinen Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft, zum größten Exporteur und Devisenbesitzer der Welt der Globalisierung zu verdanken. Nach wie vor wird das Wachstum von der Ausfuhr, nicht vom Binnenkonsum getragen. Ausländische Konzerne haben in kaum eine andere Weltgegend in so kurzer Zeit so viel Kapital und Wissen getragen wie nach Fernost. Nirgendwo hat China mehr Geld angelegt als in den Vereinigten Staaten, mit keiner anderen Region treibt es emsiger Handel als mit der EU.

Wens Appell ist deshalb auch ein Warnruf, dass sein Land diesmal nicht der Schlepper für die Weltwirtschaft sein kann. China kann es sich nicht leisten, dass sein wichtigster Markt und sein größter Schuldner ausfallen. Jedes Hilfsangebot aus Peking, sei es durch den Erwerb von Staatsanleihen oder durch Investitionen, ist denn auch keineswegs altruistisch gemeint, sondern entspringt dem Selbstschutz. Dass Wen zusätzliche Bedingungen stellt, etwa Handels- und Investitionserleichterungen von Amerika oder den Marktwirtschaftsstatus von der EU, ist mehr Beiwerk. Er will der eigenen Bevölkerung signalisieren, man handele nicht ohne Gegenleistung.

China ist reich - auf dem Papier

Die Schuldenturbulenzen in Europa und Amerika treffen China in einem kritischen Moment und könnten hier schlimmere Verwerfungen zeitigen als die zurückliegende Finanzkrise. Wegen der abgeschotteten Kapitalmärkte und der konservativen Kreditgeschäfte der Staatsbanken kam die Volksrepublik damals zunächst glimpflich davon. Auf den anschließenden Exportrückgang reagierten Regierung und Zentralbank mit der Dollar-Bindung des Renminbi und mit dem umfangreichsten Kredit- und Konjunkturpaket der Geschichte. Doch diese Waffen sind stumpf geworden. Die geldpolitischen Zügel lassen sich nicht lockern und die eingeleitete Renminbi-Aufwertung nicht zurückdrehen, ohne dass die Inflation weiter ausuferte. Kreditflut und Infrastrukturprogramme haben zu Überkapazitäten, faulen Krediten und zur Blasenbildung geführt. Es gibt Berechnungen, wonach mehr als die Hälfte der Liegenschaften überbewertet sind – ähnlich viele wie in der amerikanischen Hypothekenkrise vor dem Zusammenbruch.

Viele Gemeinden stehen vor der Insolvenz, weil ihnen das Konjunkturpaket zu viele Ausgaben zugemutet hat. Rechnet man diese und andere Schattenhaushalte mit ein, erreichen Chinas Schulden nicht, wie ausgewiesen, 17 Prozent der Wirtschaftsleistung, sondern bis zu 80 Prozent. Auf dem Papier ist der Zentralstaat reich. Da aber fast alle Reserven in Euro und vor allem in Dollar angelegt sind, steht und fällt ihr Wert mit der Attraktivität dieser Wirtschaftsräume. China ist noch immer stark, aber die jüngsten Krisen haben den asiatischen Riesen viel Kraft gekostet. Er leckt seine Wunden. Er wird die Welt diesmal nicht retten.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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