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Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsfonds „Bisher ist das Retten ein gutes Geschäft“

 ·  Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsfonds, macht sich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Sorgen um Europa und freut sich über Asiaten, die mit Milliarden aushelfen.

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Herr Regling, der Euro-Rettungsfonds hat Irland und Portugal mit Milliarden gestützt. Trotzdem ist die Lage angespannter denn je. Sind Sie besorgt?

Ja, die Lage ist nicht einfach, denn die Märkte sind verunsichert. Sie wissen nicht genau, wie es weitergeht, vor allem in Griechenland. Das erste Griechenland-Programm hat nicht die gewünschte Wirkung entfaltet. Deshalb wird über ein zweites Programm nachgedacht. Und es gibt Unsicherheit, weil die Ergebnisse dieser Überlegungen noch nicht bekannt sind.

Bisher war Ihr Rettungsfonds an der Griechen-Rettung nicht beteiligt. Das wird sich wohl ändern. Haben Sie Angst, Ihre Milliarden in dieses Land zu investieren?

Die griechischen Daten sind in der Tat schlechter als die irischen oder portugiesischen, aber darüber müssen sich die Staats- und Regierungschefs eine Meinung bilden. Wir werden erst aktiv, wenn die Minister einen Beschluss gefasst haben. Dann werden wir unsere Aufgabe erfüllen.

Es wird diskutiert, dass Sie demnächst griechische Staatsanleihen kaufen können, anstatt nur Kredite zu vergeben. Ist das sinnvoll?

Wir werden künftig im Ausnahmefall am Primärmarkt Anleihen von Euro-Staaten erwerben können, wenn diese sie ausgeben. Ob wir demnächst auch Anleihen der Euro-Staaten von privaten Investoren kaufen sollen, das ist eine Entscheidung der Politik.

Aber Sie haben doch kein Interesse, in ein Pleiteland zu investieren? Die Märkte rechnen mit einer Umschuldung Griechenlands.

Die Märkte haben schon seit Monaten eine klare Ansicht dazu. Aber wir wissen auch aus der Geschichte, dass sie nicht immer recht haben. Wenn die Märkte immer genau die richtige Einschätzung hätten, brauchten wir nicht seit mehr als 60 Jahren einen IWF zur Krisenbewältigung.

Jetzt steckt eine weitaus größere Volkswirtschaft in Schwierigkeiten: Italien. Haben Sie Angst, dass Sie die als Nächstes retten müssen?

Das ist im Moment kein Thema. Italien ist gut durch die Wirtschaftskrise gekommen. Auch das italienische Bankensystem ist robust. Das Parlament in Rom hat gerade einen ehrgeizigen Plan zur Haushaltskonsolidierung verabschiedet, der bis 2014 einen ausgeglichenen Haushalt vorsieht. Das ist ziemlich überzeugend.

Das sehen die Geldgeber anders. Der Wert der italienischen Staatsanleihen ist stark gefallen.

Was wir jetzt an den Märkten sehen, kann man nur verstehen im Zusammenhang mit der großen Nervosität, die generell da ist. Da geht es nicht nur um Italien. Auch für andere Länder steigen die Zinsen.

Wie finden Sie in einer solch schwierigen Lage eigentlich Geldgeber für Ihre Rettungsprogramme? Die Euro-Staaten geben ja nur Garantien ab, das Geld bekommen Sie von Investoren.

Wir pflegen natürlich die Kontakte zu den Investoren. Am Anfang haben wir erst einmal viel erklärt. Heute geht es um die großen Fragen: Wie geht es in Griechenland weiter? Welche Antworten findet die Währungsunion auf die Schuldenkrise? Da ist es wichtig, vor Ort mit den Investoren zu sprechen.

Sie fliegen durch die Welt und treffen sich mit ihnen?

Ja, ich bin in Frankfurt, Paris, London. Aber auch in Asien. Denn dort gibt es nun einmal die großen Überschüsse, die investiert werden.

Heißt das, vor allem Asiaten finanzieren die Euro-Rettung?

Die asiatischen Investoren haben bei den drei Anleihen, die wir bisher herausgegeben haben, jeweils um die 40 Prozent gezeichnet. Das ist ein hoher Anteil, der sogar noch gestiegen ist. Die Asiaten bewegen sich auf Augenhöhe mit den Europäern.

Muss uns das Sorgen machen, wenn wir in der Euro-Rettung abhängig von Asien sind?

Nein. Das ist sehr positiv, denn Asiaten sind langfristige Investoren. Sie halten die Anleihen in der Regel bis zur Fälligkeit. Es gibt da eine Zweiteilung im Markt: Angelsächsische Anleger kaufen und verkaufen, die Asiaten kaufen, legen die Papiere ins Depot, fassen sie nie wieder an und kassieren die Zinsen. Ein weiterer Unterschied ist: Die, die kaufen und verkaufen, sind auch die, die immer reden.

Mit Journalisten, meinen Sie.

Ja, das sind die, deren Statements in den Medien auftauchen. Die andere Hälfte des Marktes redet nicht, und deren Sicht taucht deshalb auch nicht in der Presse auf. Das, was wir über die Märkte lesen, repräsentiert nur die eine Hälfte des Marktes und nicht die andere...

... die womöglich optimistischer ist, was den Euroraum angeht?

Zumindest sind die Asiaten sehr daran interessiert, hier zu investieren.

Dann müssen Sie die mal zum Reden bringen!

Nein, die Art zu kommunizieren ist Sache eines jeden Investors.

Liegt die Schweigsamkeit der Asiaten vielleicht daran, dass sie zum großen Teil Staatsfonds sind?

Es sind natürlich Staatsfonds dabei, ein großer Anteil unserer Investoren ist in der Tat staatlich. Aber wir haben auch Lebensversicherungen oder Pensionsfonds als Investoren in Asien. Die haben nur nicht die Tradition, dass sie darüber reden, was sie mit ihrem Geld machen.

Wer ist Ihr größter Investor?

Dazu äußern wir uns nicht. Bekannt ist, dass wir eine besondere Beziehung zum japanischen Finanzministerium haben. Der Rest ist vertraulich.

Wenn Sie auf Werbetour gehen, wer ist dann besonders schwer zu überzeugen, dem Rettungsfonds Geld zu leihen? Womöglich die Deutschen?

Nein, in der Regel sind die Nordamerikaner die kritischsten, vor allem im vergangenen Jahr. Damals ging die Mehrheit der Marktteilnehmer an Wall Street davon aus, dass der Euro in den nächsten paar Jahren verschwindet. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute akzeptiert Wall Street, dass Europa den Euro nicht fallenlässt.

Auch die deutschen Steuerzahler sind skeptisch. Wenn sie das Wort Euro-Rettungsfonds hören, denken die meisten an ein Riesenloch, das ihr Geld verschlingt.

Dabei ist das falsch. Bis zum heutigen Tag gibt es nur Gewinne für die Deutschen. Wir bekommen von Irland und Portugal Zinsen, die über unseren Refinanzierungskosten liegen. Die Differenz kommt am Ende dem Bundeshaushalt zugute. Es ist die Prämie dafür, dass Deutschland Garantien gibt. Das glaubt der deutsche Steuerzahler nur nicht.

Weil er sich fragt, ob das so weitergehen kann. Was würde passieren, wenn Portugal oder Irland ihre Zinsen nicht bezahlen würden?

Ich will nicht über einzelne Länder spekulieren. Für Irland hat die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF gerade erst festgestellt, dass das Land mit seinem Sparprogramm, den Reformen und der Sanierung des Bankensektors gut vorankommt. Auch Portugal ist voll auf Kurs. Sollte dennoch eine Zinszahlung ausbleiben, müssten wir an unsere Garantiegeber herantreten. Das ist zur Absicherung unserer Investoren so ausgemacht.

Deutschland würde direkt zur Kasse gebeten?

Ja, das ist bei Garantien so.

Und wenn Irland oder Portugal umschulden? Dann müssen wir Milliardenverluste tragen.

Das ist nicht gesagt. Dazu sollte man sich die Erfahrung des Internationalen Währungsfonds anschauen, der schon vielen Ländern Notkredite gegeben hat. Es gab nur ganz wenige Länder, die ihre Schulden an den IWF nicht zurückzahlen konnten. Länder wie Somalia, Zimbabwe, Liberia.

Das liegt doch daran, dass IWF-Kredite vorrangig bedient werden, wenn ein Land pleite ist. Das ist bei Ihren Krediten nicht der Fall.

Das stimmt, ist aber gar nicht so wichtig. Es gibt viel Erfahrung mit Umschuldungen innerhalb von IWF-Programmen. Dass dabei öffentliche Gelder jeglicher Art verloren gehen, gibt es nur in dieser einen Kategorie von Ländern: ärmste Entwicklungsländer. Das hat es bisher bei Schwellenländern oder Industrieländern nicht gegeben. Wenn die insolvent gingen, waren nur private Gläubiger betroffen.

Wieso war das so?

Die typische Arbeitsteilung war, dass öffentliche Geldgeber weitere Kredite zur Verfügung gestellt haben, während private Gläubiger einen Schuldenschnitt akzeptieren mussten.

Das scheint bei Griechenland nicht zu funktionieren.

Woraus schließen Sie das?

Die Finanzminister wollen die Zinsen für die Krisenländer senken und die Kreditlaufzeiten strecken. Eine Beteiligung privater Gläubiger ist hingegen noch nicht sicher. Das klingt so, als würden die Staaten dieses Mal bezahlen.

Wieso? Wir machen doch weiterhin Gewinn. Die Kreditzinsen, die wir kassieren, sind immer noch höher als unsere Kosten für die Kapitalaufnahme.

Aber die Gewinnspanne ist kleiner als geplant.

Na gut, das ist entgangener Gewinn, aber noch lange kein Verlust.

Kassenwart der Euro-Rettung

Klaus Regling (60) hat nur 12 Mitarbeiter auf einer halben Etage in einem Luxemburger Bürogebäude. Doch von dort aus verteilt er
Milliarden an Portugal und Irland. Der Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF arbeitete beim IWF, bereitete im Finanzministerium die Währungsunion vor und war Manager eines Hedgefonds. Später wachte er in der EU-Kommission über die Einhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes. Nun rettet er Länder, die gegen den Pakt verstoßen und sich überschuldet haben. Das Geld dafür stammt von Investoren. Die Eurostaaten garantieren dafür, dass es zurückgezahlt wird: mit bisher 440 Milliarden Euro, die Summe soll sich aber demnächst verdoppeln.

Das Gespräch führte Lisa Nienhaus.

Quelle: F.A.S.
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