04.03.2010 · Wenn den Griechen noch ein Feindbild in der Schuldenkrise gefehlt haben sollte - jetzt haben sie es in Jürgen Stark. Für sie ist der Chefsvolkswirt der EZB ein „Rottweiler der fiskalpolitischen Disziplin“. Die Krise der Griechen lässt Stark wiederum um sein Lebenswerk fürchten.
Von Stefan RuhkampWenn den Griechen noch ein Feindbild in der Schuldenkrise gefehlt haben sollte - jetzt haben sie es in Jürgen Stark. Kaum war bekannt, dass Stark als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank den Währungskommissar der Europäischen Union, Olli Rehn, nach Athen begleitet, verbreiteten die griechischen Zeitungen schon, dass es nun bitter würde. Starks überraschende Teilnahme an der Reise könne nur Lohnkürzungen oder Schlimmeres bedeuten. „Geldpolitischer Falke“ war eine der freundlichen und zutreffenden Titulierungen, die Tageszeitung „To Vima“ bezeichnet Jürgen Stark gar als „Rottweiler der fiskalpolitischen Disziplin“.
Das ist unfreundlich gemeint, kann aber von einem seit Jahrzehnten engagierten Ordnungspolitiker auch als Ehrentitel verstanden werden. Stark zählt zum Fähnlein der Aufrechten, die auf eine sparsame Fiskalpolitik dringen und Griechenland nicht voreilig finanzielle Hilfen versprechen wollen. Der ehemalige Staatssekretär und Bundesbank-Vorstand, Vorbereiter der Gipfeltreffen in der Ära Kohl, ist erfahren genug, um die griechische Schuldenkrise ernst zu nehmen. Er dürfte wissen, dass Griechenland in eine Situation geraten könnte, in der das Land allen Kredit verspielt hat und trotz eisernen Sparens nicht mehr an Geld kommt. Eine Situation, in der Hilfen das kleinere Übel wären. Doch Stark wird nicht müde zu bezweifeln, dass diese Konstellation schon bevorsteht.
Betont sachlich
Für den Fall, dass es gar nicht anders geht, gilt er im Direktorium der EZB als Befürworter eines Eingreifens durch den Internationalen Währungsfonds und als Gegner von Hilfen durch die finanzkräftigen Euro-Staaten, die einen Bruch der europäischen Verträge bedeuten würden. Für Jürgen Stark ist das keine akademische Abwägung. Aus seinen betont sachlichen Formulierungen scheint gelegentlich ein Furor durch, der erahnen lässt, wie sehr Stark um sein Lebenswerk fürchtet.
Bei der Einführung der Währungsunion setzte er sich für den Stabilitäts- und Wachstumspakt ein, der sicherstellen sollte, dass die Euro-Staaten auch nach der Aufnahme in die Union eine sparsame Haushaltspolitik betreiben. Die dafür vorgesehenen Kriterien - Schuldenstand von höchsten 60 Prozent und jährliche Neuverschuldung von höchstens 3 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung - werden inzwischen allenfalls in Aufschwungsphasen ernst genommen. Nun droht auch noch, dass einer der Grundsätze der Währungsunion zur Makulatur wird: Kein Staat zahlt für die Schulden eines anderen. Hilfen hält Stark für hinderlich, „um Griechenland wieder auf den Pfad solider Haushaltsführung zurückzuführen“, wie er es kürzlich in einem Interview formulierte.
Nicht zu Scherzen aufgelegt
Angelsächsische Bankenanalysten bezeichnen Stark deshalb gern als Dogmatiker und zweifeln, ob er seine Positionen denn wirklich alle so ernst meinen kann, wie er sie hartnäckig vertritt. Zu Scherzen ist er im Gespräch jedenfalls nicht aufgelegt. Mit präzisen Formulierungen macht sich Stark zum Anwalt all jener, die unsolide Fiskalpolitik als Vorboten einer Inflation fürchten - und das sind in Deutschland traditionell nicht wenige. Die Rettungsaktionen für das Bankensystem hat er in der Finanzkrise mitgetragen, dringt jedoch darauf, die daraus resultierenden Fehlanreize nicht zu unterschätzen.
Der Hang zu einer verlässlichen und nachhaltigen Finanzpolitik scheint tief zu sitzen. Stark ist Jahrgang 1948, Sohn eines Winzers im rheinhessischen Gau-Odernheim. Von Armut zu sprechen würde wohl zu weit gehen, sagte Stark im vergangenen Jahr in einem Gespräch mit der „Financial Times“ über seine Kindheit. Aber die Nachkriegszeit habe in seinem Elternhaus ein Bewusstsein für das richtige Maß geschaffen. Der entscheidende Punkt sei: „Wissen, was machbar ist, und Übertreibungen vermeiden.“ Es klingt wie ein Lebensmotto.
Ein Motto, unter das Stark eine mögliche zweite Amtszeit bei der Bundesbank stellen könnte. Sein Mandat im Direktorium der EZB endet zwar erst in vier Jahren. Aber falls Bundesbank-Präsident Axel Weber im kommenden Jahr tatsächlich nächster Präsident der Europäischen Zentralbank werden sollte - ihm werden inzwischen im Vergleich zum Italiener Mario Draghi bessere Chancen nachgesagt -, wäre es kaum denkbar, dass Stark bei der EZB bleiben würde. Naheliegend wäre dann ein Wechsel an die Spitze der Bundesbank. Zu solchen Spekulationen sagt Stark üblicherweise: „Ich habe keine Karrierepläne.“
Ist ja im Prinzip sehr schön...
Thomas Berger (tberger)
- 04.03.2010, 10:33 Uhr
Getroffene Hunde bellen
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 04.03.2010, 12:07 Uhr
Ernst zu nehmen
Markus Teuber (arathorn)
- 04.03.2010, 12:43 Uhr
Griechenland ist nicht das Problem.
Kai Luers (ftee)
- 04.03.2010, 12:53 Uhr
@Thomas Berger
Tobias Bott (HappyTreeFriends)
- 04.03.2010, 12:53 Uhr