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Jean-Claude Juncker Der Antreiber wird getrieben

23.06.2011 ·  Als Vorsitzender der Eurogruppe gehört Jean-Claude Juncker zu den Baumeistern des zweiten Rettungspakets für Griechenland. Einst baute er in der EU die stabilsten Brücken von Berlin nach Paris. Jetzt wird dort über seine Sprunghaftigkeit genörgelt. Und über die Notlügen.

Von Michael Stabenow, Brüssel
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Jean Claude Juncker versucht, sich treu zu bleiben. Als er zum Bericht über die Luxemburger Sitzung der Finanzminister der Euro-Gruppe ansetzt, klingt seine Stimme gleichförmig wie immer, nur ungewohnt leise. Er räuspert sich mehrfach, nestelt an der hellblauen Krawatte herum. Dann witzelt er, einige EU-Kollegen verlören Stimmen, er hingegen nur die eigene.

Später, als er den neuen griechischen Finanzminister Evangelos Venizelos als „sympathisch, ehrlich und glaubwürdig“ lobt, verhaspelt sich Juncker. Er denke auf Deutsch nach, wenn er Französisch rede, sagt er kokett - und umgekehrt. „Das führt dazu, dass ich in allen Sprachen unverständlich bin.“ Ein süffisantes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Grund zur Freude hat der 56 Jahre alte christlich-demokratische Politiker, an dem die Strapazen der Euro-Krise nicht spurlos vorüber gegangen sind, derzeit selten. Immerhin: Am Wochenende hatte die Luxemburger Zeitung „Tageblatt“ getitelt: „Juncker bleibt die Nr. 1“. Das bezog sich freilich nur auf seinen Wahlbezirk, in dem 82 Prozent der Befragten aussagten, sie wünschten ihm „eine wichtige politische Rolle“. Schon am Montag aber war Juncker, der seit 1982 ununterbrochen der Regierung angehört und sie seit 1995 als „Staatsminister“ leitet, in der für ihn bitteren Gegenwart angelangt.

Immer kritischer fallen die Fragen der Journalisten aus. Hatte Juncker sich nicht einst „fest überzeugt“ gezeigt, dass das in Turbulenzen geratene Griechenland, dessen Haushaltsplanung „in höchstem Maß glaubwürdig“ sei, niemals Hilfen der Partner in Anspruch nehmen müsse“? Die Aussage stammt vom 25. März 2010. Heute hat sich nicht nur Juncker eines Schlechteren belehren lassen. Als Vorsitzender der Eurogruppe, die er seit 2005 leitet, gehört er zu den Baumeistern des zweiten milliardenschweren Rettungspakets für Griechenland. Er mahnt zur Eile. Er malt das Schreckensszenario an die Wand, dass die Krise auf EU-Gründungsmitglieder wie Belgien und Italien übergreifen könne.

Kohl nannte Juncker gönnerhaft „Junior“

Auch wohlwollende Zeitgenossen haben Mühe, den Überblick in der Flut zum Teil widersprüchlicher Ankündigungen und Vorschläge zu wahren. Ob es um bilaterale Darlehen, eine Verlängerung der Laufzeit von Hilfskrediten, oder um Euro-Anleihen ging - in seinem gelegentlichen Übereifer hat Juncker viel Verwirrung gestiftet. Als im Mai Berichte über ein „Geheimtreffen“ einiger EU-Finanzminister auftauchten, ließ Juncker das postwendend dementieren.

Gegenüber der Zeitschrift „Der Spiegel“ rechtfertigte er das später damit, dass eine Bestätigung des Treffens ohne Angaben zum Inhalte einen Sturm auf den Finanzmärkten ausgelöst hätte: „Da habe ich mich lieber dafür entschieden, eine kleine Empörungswelle über eine Notlüge zu produzieren.“ In den Ruch zu kommen, die Unwahrheit zu sagen, muss für den im südluxemburgischen Stahlrevier aufgewachsenen Katholiken Juncker schwer zu ertragen sein. So routiniert und abgebrüht der mit Abstand dienstälteste Regierungschef der EU auch wirken kann - hinter der manchmal jovial und oft ironisch anmutenden Fassade verbirgt sich kein selbstgerechter Machtmensch.

Frühzeitig ist das politische Talent des Juristen dessen Amtsvorgängern als „Staatsminister“, Pierre Werner und Jacques Santer, aufgefallen. Auf europäischer Bühne, zunächst bei Treffen der Sozialminister, werden die Partner erstmals Ende 1982 auf den damals schlaksigen und dunkelhaarigen Staatssekretär mit den hervorragenden Deutsch- und Französischkenntnissen aufmerksam. Das Verhältnis zu den großen Nachbarn bleibt für Juncker, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg für Hitler-Deutschland kämpfen musste, ein Dreh- und Angelpunkt. „Für meine Generation ist noch am eigenen Leib spürbar, was es bedeutet, wenn sich die Nachbarn nicht verstehen“, hat er einmal gesagt - lange, bevor die Eurokrise das Fundament der europäischen Einigung erschüttert hat.

Dass man unter Freunden auch kräftig streiten kann, hat Juncker inzwischen bewiesen. Giftig wurde der Wortwechsel mit Berlin und Paris, als das Großherzogtum dort als Paradies für Steuerflüchtlinge dargestellt wurde. Frankreichs Fernsehzuschauer konnten 2008 live einen Regierungschef erleben, der sich wegen eines gerade gesendeten Filmbeitrags in Rage redete, in dem ein schwarzer Geldkoffer in einer - luxemburgischen - Wäschetrommel verschwand und danach blütenweiß wieder zum Vorschein kam.

Bei diesem Wutausbruch lag die Zeit lange zurück, als Bundeskanzler Helmut Kohl in Juncker einen Schützling gefunden hatte, den er gönnerhaft „Junior“ nannte. Es waren jene Jahre, in denen sich der Luxemburger als Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen betätigte. Zu den Meisterwerken zählt die Ende 1996 in Dublin ermöglichte deutsch-französische Verständigung über den Stabilitäts- und Wachstumspakt zur Absicherung der Währungsunion. Dass jenes zehn Jahre später überarbeitete Werk den späteren Erschütterungen im Euro-Raum nicht standhalten werde, ahnte kaum einer.

„Wir haben es mit Menschen zu tun“

Für Juncker war und ist die Währungsunion das Herzstück der europäischen Einigung, die für Frieden und Wohlstand, aber auch für gemeinsame Grundwerte steht. Was Juncker darunter versteht, ließ er Ende 1997, als flügge gewordener Regierungschef, erkennen. Als es um das Verhältnis zur Türkei ging, ließ Juncker schroff wissen: „Es kann nicht sein dass am Tisch der Europäischen Union Vertreter eines Landes sitzen, in dem gefoltert wird.“ Immer wieder ist Juncker später für EU-Spitzenämter im Gespräch gewesen: zunächst als EU-Kommissionspräsident, später für das mit dem Lissabonner Vertrag eingeführte Amt des Präsidenten des Europäischen Rats. 2004 wurde er geradezu bedrängt, sich als Kommissionspräsident zur Verfügung zu stellen.

Er berief sich damals aber auf sein Versprechen, nach einem Wahlsieg in Luxemburg nicht nach Brüssel zu wechseln. Als 2009 die Ernennung des ersten EU-Ratspräsidenten nahte, schloss Juncker einen Wechsel nicht mehr aus. Er gewann abermals heimische Wahlen, verlor aber das Rennen um den neuen EU-Spitzenposten. Mangelnde Unterstützung aus Berlin und Paris, insbesondere eine offene Fehde mit Staatspräsident Nicolas Sarkozy, vereitelten die Pläne.

Junckers Kritiker, von denen es selbst im Großherzogtum ein paar gibt, mäkeln, ihm sei die Heimat wohl zu eng geworden. Doch Juncker hat in Luxemburg kaum gewichtige Widersacher. Die liberale Opposition kommt auf keinen grünen Zweig. Dennoch ist es ihm bisher nicht gelungen, das Rentensystem zu reformieren oder die Bindung der Löhne an die Inflationsrate zu lockern.

Die fast drei Jahrzehnte Regierungsarbeit scheinen an den Kräften des nach wie vor rauchenden Mittfünfzigers zunehmend zu zehren. Gerade in Deutschland, wo Juncker so lange vor allem Wohlwollen entgegengebracht worden ist, werden heute häufig Sprunghaftigkeit und Eigensinn Junckers bemängelt. Tatsächlich wirkt er trotz seiner Erfahrung zuweilen rastlos, wie ein Getriebener. Vielleicht sind es Nachwirkungen jenes schweren Autounfalls vor zwei Jahrzehnten, über den Juncker selten spricht. Als er damals aus dem Koma erwacht sei, erzählte er 2008 dem Hörfunksender „France Inter“, habe ihn der „schräge Blick ins Jenseits“ verändert. „Tief in mir verspüre ich, dass ich nicht mehr derselbe Mensch bin.“ Wer hinter die Fassade des gestressten Euro-Krisenmanagers Juncker zu blicken versucht, kann erahnen, dass ihn nicht allein die Furcht vor den schier unbändigen Kräften Finanzmärkte an- und umtreibt.

Natürlich führe in Griechenland und anderswo kein Weg an Haushaltskonsolidierung vorbei, sagte Juncker am Montagmorgen mit gewohnt ruhiger Stimme nach der Sitzung der Finanzminister. Doch dann fügt er, eindringlich, hinzu: „Aber es ist doch selbstverständlich, dass das griechische Volk atmen und Hoffnung haben muss. Wir haben es mit Menschen zu tun.“

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Jahrgang 1955, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in Brüssel.

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