01.03.2010 · Die hektische Debatte über Griechenlands Schieflage und die Gerüchte um Spekulationen großer Hedge-Fonds gegen die europäischen Währungen lassen erhebliche Spannungen an den Märkten vermuten.
Von Gerald BraunbergerWer die hektischen Debatten über die Schuldenlage Griechenlands und mögliche Folgen für die Europäische Währungsunion sowie die Nachrichten über Treffen von Großanlegern, die gegen Europa spekulieren wollen, verfolgt, würde erhebliche Spannungen an den internationalen Finanzmärkten für die wahrscheinlichste Folge halten. Tatsächlich ist für die vergangene Woche das genaue Gegenteil richtig: An den meisten Märkten tat sich wenig Spektakuläres. Das ähnelt der Ruhe, die sich im Auge von Wirbelstürmen befinden soll. Bloß: Wird es dabei bleiben?
Was immer an Gerüchten über europäische Rettungsaktionen für Griechenland mit Beteiligung Deutschlands richtig sein mag: An den Finanzmärkten ist eine solche Rettung offensichtlich eingepreist. Andererseits würde es wohl erhebliche Kursausschläge an vielen Märkten geben. Im Unterschied zu vielen Ökonomen würden die Finanzmarktteilnehmer eine Rettung Griechenlands wohl auch nicht als eine schädliche Aktion betrachten. Hier spielt natürlich das Eigeninteresse eine Rolle. Jene Banken, Versicherungen und Fonds, die Bestände an griechischen Anleihen wie an Anleihen anderer südeuropäischer Euro-Mitglieder besitzen, käme eine Rettung Griechenlands natürlich zupass. Andernfalls gerieten sie selbst in größte Schwierigkeiten.
Vorwurf, Deutschland habe zur griechischen Krise beigetragen
Andererseits darf man die gegenwärtige relative Ruhe an den Märkten wohl auch als trügerisch bezeichnen, denn die Marktteilnehmer wollen früher oder später irgendeine Lösung für das Griechenland-Problem sehen. Da der Refinanzierungsbedarf des griechischen Staates in den kommenden Wochen zur Aufnahme von Mitteln zwingt, muss bis dahin geklärt sein, wie die Mittel beschafft werden sollen. Dem Vernehmen nach war dieser Tage auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, in Athen. Die Suche nach Investoren, die griechische Staatsanleihen kaufen werden, ohne dass der griechische Staat astronomische Renditen zahlen muss (was er nicht will), dürfte sich nicht einfach gestalten. Mittlerweile scheint sogar der amerikanische Präsident Barack Obama besorgt, dass sich aus der Malaise Griechenlands Weiterungen für das globale Finanzsystem ergeben könnten. Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten, wusste schon vor Jahrzehnten Kurt Tucholsky.
Gleichzeitig nehmen innerhalb der Europäischen Union die Spannungen zwischen Nationen zu, und mittlerweile wird auch der Vorwurf erhoben, Deutschland habe mit seinen Leistungsbilanzüberschüssen und den damit verbundenen Kapitalexporten zu der Krise beigetragen. Wie immer auch eine Bewertung aussehen mag: Fakt ist, dass gesamtwirtschaftlich die Ersparnis gleich der Investitionen ist und dass ein Land, das mehr spart, als es selbst investiert, Kapital ins Ausland exportiert. Insofern ist, rein mathematisch, ein Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands nur möglich, wenn anderswo ein Leistungsbilanzdefizit existiert. Insofern hat es tatsächlich wenig Sinn, anderen Ländern Defizite vorzuwerfen, solange man auf die eigenen Überschüsse stolz ist. Für den Kapitalanleger bedeutet dies die Erkenntnis, dass Geld, das er als Bankguthaben, als Anteil an einem Rentenfonds oder in einem Lebensversicherungsvertrag angelegt hat, möglicherweise zum Teil in Griechenland investiert ist, ohne dass er bisher davon wusste.
Die Devisenmärkte reagiertenziemlich gelassen
Dass sich Hedge-Fonds-Manager getroffen haben, um sich über gemeinsame Spekulationen gegen Euro und Pfund zu besprechen, ist natürlich absichtlich durchgesickert. Alleine würden diese Hedge-Fonds Wechselkurse kaum zu beeinflussen vermögen, auch wenn zu berücksichtigen bleibt, dass sie neben eigenen Mitteln vermutlich ein Mehrfaches an kurzfristigen Krediten erhalten könnten. Durch die Veröffentlichung ihres Treffens sollen die Marktstimmung zusätzlich gegen den Euro und das Pfund beeinflusst und mögliche Mitstreiter angelockt werden. Zum Wochenende reagierten die Devisenmärkte allerdings ziemlich gelassen.
Dennoch erwarten viele Marktteilnehmer eine weitere Entwertung des Euro gegenüber dem Dollar. So sieht Stephen Jen, ein bekannter Währungsanalyst beim Hedge-Fonds Blue Gold Capital, eine langfristige Enttäuschung vieler institutioneller Investoren über den Euro, die sich auch langfristig in einer weiteren Abwertung äußern sollte. Die Deutsche Bank sieht einen leichten weiteren Kursrückgang bis auf 1,27 bis 1,30 Dollar je Euro voraus. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wäre die Gemeinschaftswährung dann immer noch nicht billig: Auf der Basis der Kaufkraftparität für Außenhandelsgüter läge ein angemessener Kurs bei 1,15 bis 1,20 Dollar je Euro. Der Euro profitiert derzeit ein wenig von einer leichten Ernüchterung an den Märkten über die Konjunkturentwicklung in den Vereinigten Staaten. Zwar ist die Wirtschaft dort im vierten Quartal 2009 deutlich gewachsen, die für den Jahresbeginn 2010 vorliegenden Daten stimmen aber ebenso wenig euphorisch wie die jüngsten Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke.
Während sich die Finanzmarktteilnehmer vorwiegend mit den kurzfristigen Unsicherheiten befassen, hat der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, einen weiten Blick in die Zukunft geworfen. Auf lange Sicht kann sich der Franzose den IWF als eine Art Welt-Zentralbank mit einer eigenen Reservewährung vorstellen. Damit kombiniert Strauss-Kahn die alte Vorstellung von John Maynard Keynes über die Rolle des IWF - den er schon in den frühen vierziger Jahren als Bank und nicht als Fonds konzipiert haben wollte - mit französischen und chinesischen Vorstellungen, die in einer multipolaren Welt die führende Rolle einer nationalen Währung wie gegenwärtig des Dollar als führende Reservewährung ablehnen. Ob die von Strauss-Kahn skizzierte Vision jemals Wahrheit wird, lässt sich heute nicht vorhersehen und dürfte die Teilnehmer an den Finanzmärkten auch weniger kümmern als die kommenden Episoden der Griechenland-Saga. Denn langfristig, so wusste Keynes, sind wir alle tot.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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