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Internationaler Finanzmarkt Bestandsaufnahme vor dem Sturm

09.05.2010 ·  Die Ansteckungsgefahr durch das griechische Virus ist groß, der Versuch, die Märkte mit Hilfe eines Sanierungspakets zu beruhigen, bisher gescheitert. Die Krise droht sich wieder über den Globus zu verbreiten.

Von Gerald Braunberger
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Ein EU-Gipfel konzipiert innerhalb weniger Stunden kurzerhand ein neues Europa. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Erstens: Die Krise folgt dem Lehrbuch. Wie das Standardwerk über Finanzkrisen von Reinhart/Rogoff zeigt, schließen sich an schwere Finanz- und Wirtschaftskrisen häufig Staatsschuldenkrisen an. Die gehen zwar vorüber, können aber lange dauern und mit Staatsbankrotten einhergehen. Begleitet werden diese Krisen von einer zunehmenden Risikoscheu der Anleger, die in (vermeintlich) sichere Anlagen flüchten, was zunächst einmal die Volatilität und damit die Nervosität weiter steigert. Daher gehen Staatsschuldenkrisen gewöhnlich mit Turbulenzen an Finanzmärkten einher.

Zweitens: Der Versuch, mit Hilfe eines Sanierungspakets für Griechenland die Finanzmärkte zu beruhigen, ist gescheitert. Die Renditen für hellenische Staatspapiere sind in der Spitze bis rund 20 Prozent gestiegen. Die Absicherung durch Credit Default Swaps (CDS) ist mittlerweile so teuer, dass sich daraus eine Konkurswahrscheinlichkeit von gut 50 Prozent aus der Sicht des Marktes ableiten lässt. Die Verabschiedung des Hilfspakets durch die Staats- und Regierungschefs der Partner Griechenlands und die Billigung des Sanierungsplans durch das Parlament in Athen haben nicht zur Beruhigung beigetragen. Das zeigt auch der unter Abwertungsdruck stehende Euro.

Drittens: Die Ansteckungsgefahr durch das griechische Virus ist groß, aber sie beschränkt sich nicht auf andere südeuropäische Euro-Mitglieder. Vor allem in Portugal und Spanien sind die Anleiherenditen und die Absicherungen über CDS zuletzt deutlich gestiegen. Dass sie sich immer noch weit vom griechischen Niveau entfernt halten und Spanien zu für das Land akzeptablen Konditionen Staatspapiere bei Anlegern untergebracht hat, unterzeichnet die Dramatik. Das Problem der spanischen Versteigerung waren die Kursverluste nach der Plazierung, die künftig von weiteren Käufen abhalten könnten. So erging es den Griechen: Sie konnten lange Anleihen plazieren, aber weil die Kurse danach immer weiter fielen, begannen die Anleger Abstand zu nehmen.

Diese Situation lädt Marktteilnehmer ein, an den Anleihe- und Derivatemärkte gegen Spanien und Portugal oder am Devisenmarkt gegen den Euro zu spekulieren, ebenso wie sie risikoscheue Investoren wie Versicherungen oder Investmentfonds veranlasst, sich von Papieren südeuropäischer Schuldner zu trennen. Auch die großen Kursbewegungen, die wenige Verkäufe wegen der Marktenge bei griechischen oder portugiesischen Titeln zur Folge haben, schrecken risikoaverse Marktteilnehmer ab. Im Gegenzug profitieren die Kurse der Staatsanleihen von Ländern wie Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Norwegen sowie außerhalb Europas der Vereinigten Staaten von einer Flucht in die Sicherheit. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert nur noch mit 2,79 Prozent.

Viertens: Die europäischen Banken rücken in den Fokus, wie die Entwicklung ihrer Aktienkurse zeigen. Hart traf es besonders Papiere bisher als solide und erfolgreich geltender Banken wie BBVA und Santander (Spanien), BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole (Frankreich) oder den italienischen Unicredit, die auf die eine oder andere Weise stark in Südeuropa engagiert sind. Der Preis eines CDS auf Anleihen des Banco Santander liegt so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Die Sorge wächst, dass in einer Phase der Verunsicherung die europäischen Banken sich bei anderen Banken kein Geld mehr leihen können und alleine auf die EZB angewiesen wären. Wie in der Krise von 2008 beginnen Banken, ihre Mittel im eigenen Hause zu behalten, weil sie Abflüsse etwa von Geldmarktfonds befürchten. Ein solcher Mechanismus könnte nach Ansicht von Mohamed El-Erian von der großen kalifornischen Fondsgesellschaft Pimco eine Globalisierung der Krise zur Folge haben.

Fünftens: Anzeichen für eine Globalisierung der Krise sind erkennbar. Zum einen befinden sich die Aktienmärkte rund um den Globus auf Talfahrt, weil die Anleger erkennen, dass sie nicht länger die Staatsschuldenkrise ignorieren können. Der Dax büßte über die Woche 6,9 Prozent auf 5715 Punkte ein. Spektakulär verlief die Woche vor allem an der Wall Street, wo der Dow Jones am Donnerstag kurzzeitig um mehr als 1000 Punkte fiel, die er danach zum größten Teil wieder aufholte. Sollte es sich nicht nur um einen Programmierfehler gehandelt haben, wäre er ein Symbol für die sich umgreifende Nervosität.

Sechstens: Die EZB befindet sich in einem Zwiespalt, weil sie politische Institution und, als Bank der Banken, Marktteilnehmer in einem ist. Vor allem in London und New York fordern Finanzmarktteilnehmer von der EZB, sich endlich so zu benehmen, wie es die Fed und die Bank of England seit langem tun, und rein pragmatisch alles zu unternehmen, was zur Eindämmung der Krise geeignet sein könnte – unter Einschluss des Anlaufs von Staatsanleihen. Nach dieser natürlich auch von Eigeninteresse beeinflussten Sicht ist es unerheblich, ob die Notenbank in enger Zusammenarbeit mit den Regierungen vorübergehende Abstriche von ihrer institutionellen Unabhängigkeit akzeptiert.

Das von Ben Bernanke vertretene Motto lautet „Whatever it takes“ – frei übersetzt: „Wir tun alles, was notwendig ist, auch wenn es im Gegensatz zur Lehrbuchweisheit steht.“ Im weniger pragmatisch denkenden Europa müsste die EZB befürchten, als völlig gewissenlos dazustehen, wenn sie sich wie die Fed verhielte. Vor allem in Deutschland würde wieder das Inflationsgespenst beschworen, während amerikanische Marktteilnehmer wie El-Erin in den Sparzwängen der Regierungen ein Deflationsprogramm erster Güte sehen.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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