19.02.2010 · Reformen führen in Griechenland zu einem Paradigmenwechsel. Manche gehen die Probleme zentral an, erklärt Michael Massourakis. Er ist Chefökonom einer der größten Banken des Landes. Für Investoren ist der Infrastrukturbereich reizvoll.
Reformen führen in Griechenland zu einem Paradigmenwechsel. Manche gehen die Probleme jedoch zentral an, erklärt Michael Massourakis. Er ist Chefökonom der Alpha Bank, einer der größten Finanzinstitute des Landes.
Kurzfristig dürften die Maßnahmen zu rezessiven Effekten führen, da sie das vergübare Einkommen der Konsumenten beschneiden. Sobald das Wirtschaftsvertrauen jedoch wieder hergestellt ist, sind für Investoren Tourismusunternehmen, Reedereien und der Infrastrukturbereich reizvoll.
Wie würden Sie die wirtschaftliche und finanzpolitische Lage in Griechenland beschreiben im Moment?
Sie ist schlecht in dem Sinne, dass die Regierung zwar versucht, die Wirtschaft in die richtige Richtung zu bewegen. Wegen der geringen Glaubwürdigkeit jedoch ist das schwierig. Der Stabilisierungsplan wird zwar von der Europäischen Kommission und vom Ecofin unterstützt. Auf der anderen Seite zweifeln viele unterschwellig daran, ob die für die Jahre 2010 und darüber hinaus gesetzten Ziele tatsächlich auch erreicht werden können.
Was denken Sie?
Ich fürchte, im Moment wird vieles gesagt, ohne genau hinzuschauen, welche spezifischen Anregungen der Stabilitätsplan wirklich macht. Angesichts des Desasters aber, das im Jahr 2009 bei der Verwaltung der öffentlichen Finanzen passierte, ist es vergleichweise einfach, die Ziele im laufenden Jahr zu erreichen. Die im Stabilitätsprogramm vorgesehenen Reformen wären zudem eine gute Basis, um jene der Jahre 2011 und 2012 zu realisieren.
Die Märkte scheinen das nicht so zu sehen …
… die Finanzmärkte bewegen sich viel schneller, als die griechische Regierung in der Lage ist, ihre Zusagen in Regeln und Gesetze umzumünzen. So entsteht der Eindruck, die Umsetzung gehe nur zögerlich vor sich, was wiederum die Märkte bekümmert. Tatsächlich bedeutet das Programm jedoch eine radikale Abkehr vom Status Quo und davon, wie die öffentlichen Finanzen in der Vergangenheit verwaltet wurden. Genau das jedoch scheint nicht zu den Marktteilnehmern und zur Öffentlichkeit außerhalb Griechenlands in überzeugender Form durchgedrungen zu sein.
Wie ist die Stimmung im Land, was denken die Leute über die Turbulenzen?
Die Normalbürger verstehen nicht, was vor sich geht. Sie sehen, dass ihre Regierung bei den verschiedenen Treffen in Brüssel von den europäischen Partnern auf seltsame Weise behandelt wurde. Bisher waren sie regelmäßige, jährliche Lohnerhöhungen gewöhnt. In diesem Jahr werden die zum ersten Mal ausbleiben. Sobald sie das unmittelbar im Portemonnaie bemerken, werden sind sie wohl verärgert sein. Bisher wird aber nur darüber geredet. Grundsätzlich unterstützen sie Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Dynamik und der öffentlichen Finanzen. Noch ist allerdings offen, wie sie reagieren werden, sobald die Maßnahmen real umgesetzt werden.
Wie würden Sie die Kommunikationsstrategie der Regierung beschreiben?
Es war ein riesiges Desaster, ein Defizit von 12,5 Prozent anzukündigen, ohne gleich zu erklären, was man dagegen unternehmen will. Auf diese Weise wurde die Glaubwürdigkeit an den Märkten unmittelbar verspielt und wir haben seitdem darunter gelitten. Bisher scheint die Regierung nicht gelernt zu haben, das, was sie tut, nach außen zu kommunizieren. Das ist ein Problem. Ich weiß, dass es die Regierung gut meint und dass sie viel zu tun hat, was die Entwicklung Griechenlands deutlich verändern würde. Die Umsetzung jedoch ist schlecht und zögerlich.
Das heißt?
Eine effizientere Kommunikation dessen, was in Griechenland wirklich passiert, wäre von Vorteil. Viele Leute, die über das Land reden, wissen überhaupt nichts über es. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, die spezifischen Zahlen und Reformen des Programms zu analysieren.
Rechnen sie mit weiteren Attacken von Seiten der Finanzmärkte?
Ja, die sind denkbar. Die Marktteilnehmer dürften versuchen, Schwächen ausnutzen, die sie in der Bewältigung der Situation ausmachen. Sobald sie eine Erklärung oder eine Maßnahme sehen, die aus dem Rahmen fällt, werden sie attackieren.
Wo sehen Sie die kritischen Punkte?
Dazu zählen die notwendigen Reformen im Sozialversicherungsbereich und Maßnahmen gegen die Steuervermeidung. Sie bedeuten im Vergleich mit der Vergangenheit einen Paradigmenwechsel - was bisher von niemandem honoriert wurde. Viele denken - stärkere Besteuerung in Griechenland - nie und nimmer. Aber man muss ja irgendwo beginnen. Und tatsächlich gehen einige der Maßnahmen, die von der Regierung in beschlossen wurden, das Problem zentral an. Zum Beispiel bei der Erhebung von Steuern.
Werden die Maßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert?
Ich denke, es gibt keine Alternative. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung die Lage erkannt hat und zu Opfern bereit ist. Das schließt jedoch nicht aus, dass diejenigen streiken werden, deren Einkommen gekürzt werden. Das ist normal für eine Demokratie. Das dürfte jedoch die Umsetzungen der notwendigen Reformen nicht gefährden, die unter Beobachtung der Europäischen Kommission, des IWF und der Europäischen Zentralbank getätigt werden.
Jede Krise bietet Chancen und Risiken. Wo sehen sie was?
Zunächst werden die Maßnahmen das verfügbare Einkommen der Konsumenten beschneiden und auf diese Weise kurzfristig zu rezessiven Effekten führen. Ich hoffe jedoch, sie werden transitorischer Natur sein. Sobald klar werden wird, dass sich das Land in die richtige Richtung bewegt, kann das Wirtschaftsvertrauen wieder zurückkommen und zu einer positiven Eigendynamik führen.
Wie verhält man sich als Anleger am besten?
Im Moment wird alles von den makroökonomischen Problemen überlagert. Kurzfristig mögen risikofreudige Anleger mit den Anleihen des Landes spekulieren, um Renditen zu erzielen. Sollte das Vertrauen zurückkehren, können auch griechische Aktien wieder als günstig betrachtet werden.
Welche Branchen können interessant sein?
Griechenland ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Die größte Rolle spielt der Tourismus. Nach einem schwachen Jahr 2009 gehe ich von einer Erholung aus, alleine schon deswegen, weil die Einkommen außerhalb Griechenlands wieder steigen dürften. Auch in der Seefahrt dürfte es Bewegung geben, weil der Welthandel wieder auflebt. Letztlich dürften auch die Infrastrukturinvestitionen wieder zunehmen. Sie haben eine breitere Wirkung auf die griechische Volkswirtschaft, da sie zu sekundären Nachfrageeffekten führen. Die Europäische Union hat 26 Milliarden Euro für solche Investitionen bis im Jahr 2015 bereitgestellt. Davon wurden bisher erst etwa drei Prozent absorbiert. Aus dieser Ecke kann die griechische Wirtschaft Impulse erwarten. Sie können den schwachen Hausbau übertrumpfen und hoffentlich zu einer sich verbessernden Entwicklung beitragen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.536,90 | +0,66% |
| EUR/USD | 1,2484 | −0,45% |
| Rohöl Brent Crude | 106,64 $ | −0,58% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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