23.03.2010 · Die große Verschuldung Griechenlands sorgt an den Finanzmärkten für Turbulenzen. Die DWS, Deutschlands größte Fondsgesellschaft und Tochter der Deutschen Bank, kauft mitten im Trubel griechische Anleihen. Asoka Wöhrmann, Leiter des Anleihegeschäfts, erklärt wieso.
Die große Verschuldung Griechenlands und mögliche Finanzierungsnöte sorgen an den Finanzmärkten für Turbulenzen. Dabei steht Griechenland jedoch nicht allein, so Asoka Wöhrmann. Er leitet das Anleihegeschäft von Deutschlands führender Fondsgesellschaft DWS.
Er spricht über die Folgen der Griechenland-Krise, die Gefahren für den Euro und warum die Lage in den Vereinigten Staaten viel schlimmer ist.
Herr Wöhrmann, Griechenland ist klein und hoch verschuldet. Die Vereinigten Staaten sind groß - und ebenfalls hoch verschuldet. Richtet sich die Aufmerksamkeit auf das falsche Land?
Nein. Beide Länder kämpfen grundsätzlich mit demselben Problem: Sie müssen runter von ihren hohen Schulden. Griechenland steckt dabei zwar in größeren Schwierigkeiten, das Land weist eine Schuldenquote von mehr als 120 Prozent seiner Wirtschaftskraft auf, während diejenige der Vereinigten Staaten unter 100 liegt. Dennoch ist gerade auch das amerikanische Schuldenverhalten gefährlich.
Wieso?
Erstens, wegen der Schuldendynamik. Zweitens, weil mit Ausnahme Japans alle Länder, die Amerika bisher finanziert haben, nicht mehr so wie bisher gewillt sein werden, amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Das würden sie höchstens dann tun, wenn die Vereinigten Staaten sie dafür künftig mit einer höheren Risikoprämie entlohnte...
... also mehr Zinsen an seine Kreditgeber zahlte?
Genauso ist es.
Müssen die Vereinigten Staaten in diesen sauren Apfel beißen?
Sie könnten das vermeiden, werden es aber nicht tun. Denn der einzige Ausweg wäre eine drastische Verringerung der zu hohen Gesamtverschuldung, und dazu zählen die öffentliche Hand, die Unternehmen und die privaten Haushalte. Die Sparquote hat sich zwar in den vergangenen Monaten von 0 auf 5 Prozent erhöht. Das ist viel und außerdem die erste Erhöhung seit 30 Jahren. Die amerikanische Regierung wird angesichts der Folgen der Finanzkrise allerdings nicht zu einer größeren Budgetdisziplin zurückkehren.
Was droht ihr? Ist das amerikanische Triple-A-Rating, also die ausgezeichnete Bonität des Landes, gefährdet?
Nein, das sehe ich im Augenblick noch nicht. Aber die Vereinigten Staaten müssen eben künftig vielleicht, genauso wie Griechenland heute schon, eine Strafprämie zahlen.
Würden Sie momentan irgendjemandem empfehlen, amerikanische Staatsanleihen zu kaufen?
Aus europäischer Sicht auf jeden Fall nicht. Es gibt doch genügend gute Alternativen, zum Beispiel Unternehmensanleihen. Außerdem werden sich in den nächsten Jahren die großen Schwellenländer auf den Anleihemärkten noch stärker als bisher etablieren. Kein Investor sollte untrennbar mit irgendeiner Geldanlage verheiratet sein, auch dann nicht, wenn der amerikanische Staat sie emittiert.
Schwellenländer halten Sie für interessant. Bedeutet das, dass Sie sich nicht generell von Staatsanleihen abwenden?
So ist es. Allerdings hat sich durch diese Finanzkrise und ihre Folgen etwas Essentielles geändert: Früher konnten Sie Staatsanleihen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder Deutschland kaufen, halten und einigermaßen ruhig schlafen. Heute können Sie in keine Staatsanleihe mehr blind investieren, sondern müssen immer wieder in allen Fällen genau hinschauen. Wer momentan absolute Sicherheit will, muss nahezu komplett auf Zinsen verzichten.
Kaufen Sie denn noch griechische Staatsanleihen?
Aber sicher. Gerade vor drei Wochen haben wir zweijährige Staatsanleihen aus Griechenland gekauft und prächtig daran verdient: Ihr Kurs ist seitdem um 3 Prozent gestiegen.
Sollte man in diese Titel immer noch einsteigen?
Der schnelle Kursanstieg ist, denke ich, vorüber. Bezüglich Griechenlands geht es jetzt darum, die richtige Laufzeit in Abhängigkeit von dem Risiko, dass Sie eingehen wollen, zu finden.
Das hört sich nicht nach den Katastrophenszenarios an, die derzeit für Griechenland gezeichnet werden.
Ich glaube nicht, dass das Land bankrottgeht. Im Zweifel wird dem Land geholfen werden. In diesem Zusammenhang ist es übrigens auch ein Glücksfall, dass Griechenland dem Euro angehört. Auf diese Weise können andere europäische Länder, indem sie den Druck des Finanzmarktes ausnutzen, Griechenland dazu zwingen, zu sparen und seinen Haushalt in Ordnung zu bringen. Wenn das Land nicht der Währungsunion angehören würde, könnte es einfach abwerten, was schlecht wäre auch für deutsche Exporteure ...
... und auch für deutsche Banken, die dann an Griechenland vergebenen Kredit teilweise abschreiben müssten. Sehen Sie einen Weg, auf dem wir aus der Schuldenkrise herauskommen?
Sie haben als Politiker nur zwei Möglichkeiten, um eine günstige Finanzierung sicherzustellen: Entweder schaffen Sie Vertrauen durch eine überzeugende Fiskalpolitik. Dänemark zum Beispiel hat seine Schuldenquote in den neunziger Jahren erfolgreich von 80 auf 20 Prozent gesenkt - das ist also möglich. Oder aber Sie schaffen eine künstliche Nachfrage für Staatsanleihen Ihres Landes. Diesen Weg wählte Großbritannien mittels Ankäufen von Schuldtiteln durch die Bank von England. In diesem Jahr könnte die Regierung außerdem die geretteten Großbanken dazu zwingen, britische Anleihen zu kaufen und damit dem Staat Kredit zu geben.
Das klingt dramatisch und macht nicht gerade Hoffnung.
Die beiden genannten Maßnahmen reichen auf Dauer auch nicht aus. Die Regierungen müssen gleichzeitig, und das ist das Dilemma, ein Klima schaffen für ein wieder höheres Wirtschaftswachstum. Die Schuldenquote hat ja die Staatsverschuldung im Zähler und das Bruttoinlandsprodukt im Nenner. Um die Quote zu senken, muss auch das Wachstum zulegen. Und ich sage Ihnen noch etwas: Entscheidend wird darüber hinaus auch sein, dass einige Länder ihre gesamte Wirtschaftsstruktur ändern. Am Beispiel Großbritanniens hat uns diese Krise doch sehr eindringlich vor Augen geführt, wie gefährlich es sein kann, wenn ein Land im Grunde vom Wohl und Wehe einer einzigen Branche abhängt.
Muss auch Deutschland etwas tun? Frankreich sähe es gerne, wenn unser Land weniger exportieren würde.
Diese Forderung führt am Problem vorbei. Europa kann froh sein, dass Deutschland so viel exportiert und deswegen über eine entsprechende Finanzkraft verfügt. Außerdem sind für das deutsche Wirtschaftsmodell doch nicht Frankreich, Belgien oder Italien die Richtschnur, sondern ebenfalls exportorientierte Länder wie China, Indien und Brasilien.
Ist die Europäische Währungsunion und mit ihr der Euro in Gefahr?
Nein. Der Euro ist ein Instrument zur Disziplinierung der Euro-Staaten geworden. Wenn die europäische Integration nun weiter voranschreiten soll, dann braucht die Europäische Union eine engere Koordination ihrer Wirtschaftspolitiken und überdies auch straffere Institutionen. Außerdem sollten Sie nicht übersehen: Der Euro ist gerade gegenüber dem Dollar immer noch sehr stark und wird das auch bleiben.
Vor einem Jahr setzte die Hausse auf den Aktienmärkten ein, die Kurse stiegen stark. Ist die Finanzkrise vorüber?
Emotional ist die Finanzkrise überwunden. Wir sind aus der Schockstarre herausgekommen, und die Teilnehmer auf den Finanzmärkten vertrauen sich wieder. Auch haben wir diese verheerenden Kreditpraktiken überwunden, die in den Vereinigten Staaten die Krise auslösten. Aber die Last der Finanzkrise wiegt noch immer schwer. Jetzt, zwei Jahre nach Ausbruch des Desasters, fangen wir gerade erst damit an, die enormen Risiken abzubauen. Bisher wurden die toxischen Wertpapiere nur ausgelagert. Aber das schafft sie nicht aus der Welt. Diese Last abzutragen wird uns noch mindestens zehn Jahre beschäftigen.
Typischer Fall von Interessenkonflikt
Ronald Penz (RPenz)
- 24.03.2010, 01:52 Uhr
Anmaßend
Pia Bücken (muscat)
- 24.03.2010, 14:00 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.536,90 | +0,66% |
| EUR/USD | 1,2484 | −0,45% |
| Rohöl Brent Crude | 106,64 $ | −0,58% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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