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Griechische Befindlichkeiten „Wir Griechen arbeiten aber auch hart“

23.03.2010 ·  „Als ob die Griechen aufgehört hätten, Fleisch zu essen“, klagt der Metzger in Athen. Die Krise zwingt die Griechen zum Umdenken. Sie geben weniger aus, sparen mehr - und ärgern sich über die Kritik aus Deutschland.

Von Rainer Hermann, Athen
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Tsironis Kleanthis ist Metzger und blickt mit Sorge auf sein Geschäft. In den vergangenen zwölf Monaten ist sein Umsatz im Athener Fleischmarkt um 20 Prozent gefallen, in den vergangenen fünf Jahren sogar um 40 Prozent. "Als ob die Griechen aufgehört hätten, Fleisch zu essen", sagt er und schüttelt ratlos den Kopf. Er weiß nicht, wo die Nachfrage geblieben ist. In die modernen Supermärkte abgewandert? Sparen die Griechen einfach nur und geben weniger aus? "Die Menschen sind verunsichert", sagt der Metzger und blickt den Gast direkt an. Dauernd heiße es in den Medien, dass die Renten nicht mehr sicher seien und dass man ganz schwierigen Zeiten entgegengehe.

Tsironis Kleanthis arbeitet nun mehr als vor einem Jahr. Schon morgens um sieben Uhr steht er in dem Teil des alten Fleischmarkts, in dem er von der Stadtverwaltung sechs Metzgereien gepachtet hat und dafür im Monat 7000 Euro zahlt. Das Geld muss er erst verdienen. Abends um elf Uhr gehört er erschöpft zu den Letzten, die unter dem historischen Dach das Licht ausmachen. Kleanthis krempelt die Hose hoch und zeigt auf Krampfadern an seiner Wade - zum Beweis, wie hart er arbeiten muss. "Sag das Frau Merkel und auch, dass nicht alle Griechen faul sind", gibt er dem Gast auf den Weg. "Ja, ihr Deutschen seid fleißig, wir arbeiten aber auch hart", insistiert Kleanthis. Dann schränkt er ein: "Bis auf die Politiker."

Deutsche „Hetze“ gegen die Griechen?

Weshalb gebe es aber aus Deutschland "Hetze" gegen die Griechen, will der einfache Mann wissen. Er ist ebenso ratlos wie bei dem Grübeln darüber, dass die Griechen kein Fleisch mehr essen. Ein Teil der Kritik treffe ja zu, aber ihn stört der gehässige Ton. Dann zählt Tsironis Kleanthis das Geld eines Kunden ab, gibt ihm Wechselgeld und den Kassenbon, worauf die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist. Nicht ein Euro gehe hier am Finanzamt vorbei, sagt er, dabei wild gestikulierend.

Gerade kauft auch Panayotis Niotis bei ihm ein. Seit vier Jahren ist der 69 Jahre alte Mann pensioniert und beschwert sich über seine magere Rente von 1400 Euro im Monat für ihn und seine Frau, obwohl er 50 Jahre in die Rentenversicherung einbezahlt habe. Niotis ist verunsichert, und so kommt er seltener als früher zum Einkauf in den Fleischmarkt.

Von der Athenas-Straße, der Einkaufsmeile mit den Zentralmärkten für Fleisch und Fisch und alles für den täglichen Bedarf, biegt unscheinbar die Evripidou-Straße ab. Graffiti überall, an jeder Betonsäule, auf jedem Rollladen. Das aus anderen Stadtteilen bekannte Bild wiederholt sich. Rollläden bleiben unten, Geschäfte bleiben geschlossen. 10.000 kleine Geschäfte hätten seit Oktober in Griechenland für immer zugemacht, die Hälfte davon in Athen, rechnet der 40 Jahre alte Tomas vor, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Seit dem Zweiten Weltkrieg betreibt seine Familie in der Straße ein Geschäft. Und gleich legt er mit seiner Kritik los. Schließlich trifft das Sparprogramm der Regierung alle Griechen, und jeder spricht darüber. Die Maßnahmen der Regierung seien einfach falsch, urteilt Tomas. Belastet würden nur die einfachen Leute und die Mittelklasse. In der Regierung säßen die "Diebe", doch sie würden nie bestraft. Sein Vertrauen in die politische Kaste ist auf dem Nullpunkt.

Zeiten sind schlechter geworden

Im Geschäft merkt man, dass die Zeiten schlechter geworden sind. Offene Säcke mit Reis, Linsen und anderem stehen auf dem Boden des kargen Raums. Eine Kundin betritt das Geschäft. Früher hat sie stets ein Kilo Reis gekauft, auf Vorrat. Heute lässt sie abwiegen, was sie je für einen Tag braucht, 250 Gramm. Von solchen kleinen Einkäufen kann Tomas kaum leben. Bald will er den Laden schließen. Auch die Lage im Viertel hat sich verschlechtert. Denn die einst gute Einkaufsstraße ist in die Bannmeile des Drogenhandels gezogen worden. Kriminalität, zumindest die Angst vor ihr, breitet sich aus, und die Angst, dass der Krise soziale Unruhen folgen könnten.

Er sei ja noch vergleichsweise gut dran, sagt Theodoros Diamantis, der 60 Jahre alte Besitzer eines Geschäfts für Elektroartikel. Viele in seiner Branche klagten über einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent, bei ihm seien es immerhin 15 Prozent Einbuße. In den Regalen sind deutsche Bohrmaschinen gestapelt, auf dem Boden aufgerollte Schläuche aus China. Diamantis wartet auf Kundschaft. Dabei verteidigt er die Maßnahmen der Regierung als richtig. In ein bis zwei Jahren werde wieder alles besser, tröstet sich Diamantis. Zugleich blickt er mit Sorge in die Zukunft, denn niemand wolle sein Geschäft übernehmen, wenn er, das ist weiter seine Hoffnung, mit 67 Jahren in Pension gehe.

Die Krise bringt manchen Geschäftsmann vollends zur Verzweiflung: Ein Desaster sei das hier, flucht ein Schuhladenbesitzer leise vor sich hin. "Und ihr mit eurer Frau Merkel", faucht der alte Mann. Unrasiert ist er, die Haarsträhnen fallen dem alten Mann ins Gesicht. Er blickt den Reporter aus Deutschland misstrauisch an. "Verschwindet doch!", setzt er hinzu und schlurft in sein Geschäft. Dort hängt ein Bild der griechischen Fußball-Nationalmannschaft und ihres Trainers Otto Rehhagel, von dem guten Deutschen also, dem Meistertrainer der Europameisterschaft von 2004. Und so steht für die Griechen "König Otto" gerade in dieser Krise weiter über der Kanzlerin Angela.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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