17.05.2010 · Die beruflichen Perspektiven für junge Griechen haben sich dramatisch verschlechtert. Ein Studium ist nicht länger eine Garantie für Arbeit. Viele denken daher an Auswanderung. Anders als früher exportiert Griechenland nun eine gut ausgebildete Jugend.
Von Rainer Hermann, AthenFür Yorgo bedeutet das Studium einen sozialen Aufstieg. Sein Vater arbeitet als Fernfahrer, seine Mutter vermietet in einer Kleinstadt im Süden des Peloponnes an Touristen Ferienwohnungen. Jeden Monat sparen die Eltern und Großeltern für Yorgo 1000 Euro, damit er in Athen studieren kann. Für die Miete eines Zimmers, das weit von der Universität entfernt liegt, zahlt er 280 Euro. Der Rest geht für Essen, Transport und Bücher weg. Yorgo studiert an der Pantheon-Universität im zweiten Semester Volkswirtschaftslehre. Falls er überhaupt eine Arbeit findet, erwartet er nicht, dass sie etwas mit Wirtschaft zu tun hat und dass er verdienen wird, was er heute als Alleinstehender jeden Monat verbraucht.
Die Pantheon-Universität ist traditionsreich, bietet ihren Studenten aber wenig Perspektiven. Sie bildet neue Generationen von Gesellschaftswissenschaftlern heran, für die im Zeitalter der Krise noch weniger Nachfrage besteht als zuvor. Yorgo wird in seine Heimatstadt Lakonia zurückkehren und ebenfalls im Tourismus arbeiten. In vielem ist der breitschultrige Mann mit dem T-Shirt zur Fußball-WM in Südafrika typisch für seine Universität im Zentrum Athens: Seit Jahrzehnten bildet sie Jugendliche aus ländlichen Regionen und unteren Gesellschaftsschichten aus, gab ihnen eine Leiter auf dem Weg nach oben in die Hand. Der Leiter fehlten bereits in den letzten Jahren Sprossen, nun fällt sie ganz weg. In einem ist Yorgo nicht typisch: Auf keinen Fall will er auswandern. Vielleicht schon die Mehrheit seiner Kommilitonen will es. Beispielsweise Helena. Ihre Mutter ist Griechin, ihr Vater Albaner. "Wie mein Vater werde auch ich auswandern müssen", sagt die 20 Jahre junge VWL-Studentin. Gerade war sie sechs Monate mit dem Austauschprogramm Erasmus in Frankreich. "Frankreich befindet sich mit einiger Verzögerung auf demselben abschüssigen Weg wie Griechenland", urteilt sie. Nun denkt sie an die Niederlande. Dort werde sie zumindest ihr Master-Diplom erwerben.
Helena sitzt mit einigen Kommilitonen im malerischen Garten der Universität. Sie bereiten sich auf eine Vorlesung in Preistheorie vor, unter Palmen und vor der eindrucksvollen neoklassischen Fassade. Die Idylle trügt. Sie sprechen auch über ihre düstere Zukunft. "Heute verdienen Jungakademiker im Monat wenigstens noch 700 Euro", sagt Helena. Ihre Generation befinde sich aber mit erwarteten 500 Euro auf dem Weg in die Armut. Ihr Kommilitone Yannis hatte sich daher an den Protesten der letzten Woche beteiligt. Er will in Griechenland bleiben, für eine bessere Zukunft kämpfen und gegen die verantwortungslose politische Kaste. Eine Tür lässt er sich offen: Auf seinen Knien liegt ein Lehrbuch für Spanisch. Mit Hilfe des Erasmus-Programms will er sich zumindest ein Bild von Spanien machen.
Maria eilt mit ihren Freundinnen über den Hof, auf dem Weg in den Vorlesungssaal der Medienwissenschaftler und in die Arbeitslosigkeit. Sie gibt sich keinen Illusionen hin. Sie steckt sich die Sonnenbrille auf ihr brünettes Haar. Ihre Neugier hatte den Ausschlag für das Fach gegeben, und nun sei ihr erster Gedanke an die Zukunft die Arbeitslosigkeit - und damit Auswanderung. Sie hält ein Faltblatt mit Sonderangeboten für die Insel Mykonos in der Hand. Sie hofft, im Sommer zumindest ein paar Tage Urlaub zu machen.
Jeder vierte Jugendliche ohne Arbeit
Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit in Griechenland bei 12 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 25 Prozent. Letztere ist innerhalb der EU nur in Spanien höher. Griechenland ist aber dabei, sich in Riesenschritten dem Höchstwert Spaniens zu nähern. In den kommenden zwei Jahren werde die Arbeitslosigkeit auf 20 Prozent steigen, die Betroffenen seien vor allem die Jugendlichen und Jungakademiker, sagt Thomas Maloutas, der Direktor des Forschungsinstituts für sozialwissenschaftliche Studien an der Athener Harokopia-Universität. Viele dächten daher an Auswanderung. Anders als bei früheren Wellen der Emigration exportiere Griechenland nun eine gut ausgebildete Jugend, nicht einfach nur Arbeitskraft. Griechenland befinde sich in aufgewühlten Gewässern, sagt der Wissenschaftler betroffen. Die Gesellschaft altere, die Jugend wandere aus, und eine Lösung sei nicht in Sicht. Aber viele der früheren Destinationen griechischer Akademiker seien auch nicht mehr attraktiv. Lange hatte jeder dritte griechische Student eines Jahrgangs im Ausland studiert, die meisten davon in Großbritannien.
Johanna und Vassilis machen aus der Not eine Tugend und wollen selbständig werden. Beide wissen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt keine Stelle finden, beim Staat schon gar nicht. Johanna, Studentin der Psychologie, will eine eigene Praxis eröffnen, der BWL-Student Vassilis ein Steuerberatungsbüro. Der ausufernde Staat sei wie die Schlange Hydra, der stets zwei Köpfe nachgewachsen seien, habe man ihr einen abgeschlagen, vergleicht Vassilis. Bis Odysseus sie endgültig erledigt habe. Vielleicht sei Giorgios Papandreou der Odysseus der Gegenwart.
Beide stimmen der Austeritätspolitik der Regierung zu. Die Psychologiestudentin gewinnt auch den Protesten etwas ab: "Die Griechen brauchen eben eine Gruppentherapie, bei der sie ihren Stress ablassen können." Der Stress führt zu sozialen Verwerfungen. Ein Studium ist nicht länger der Fahrschein für eine Mobilität nach oben, nicht mehr eine Garantie für Arbeit. Diese Garantie hat auch die andere Hälfte eines Jahrgangs nicht, die nicht studiert. Deren Zukunft ist wegen eines Mangels an praktischer Berufsbildung noch ungewisser. Die schwere Krise stellt zudem Errungenschaften der Vergangenheit in Frage. Studenten aus ländlichen Gebieten und unteren Gesellschaftsschichten von Universitäten wie Pantheon haben kaum mehr Aufstiegschancen. Auch Studenten von Ingenieursschulen, an denen Kinder der Mittelschicht studieren, finden in Griechenland immer weniger Arbeit. Eine Folge der Krise sei daher, dass die Mittelschicht fürchte, ihren Status und Lebensstandard nicht halten zu können, sagt Maloutas.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
Jüngste Beiträge