Athos ist eine Gegenwelt. Hier gab es vieles nie oder gibt es vieles nur selten, was uns selbstverständlich erscheint: Autos, Beton, Licht bei Nacht. Tagsüber hört man das Meer, und nachts leuchten die Sterne konkurrenzlos. Auch die Wirtschaftskrise ist hier nicht angekommen, allein deshalb, weil es hier keine Wirtschaft gibt, keine Banken und keine Beamten.
Das Schiff fährt langsam die Küste von Athos, des nördlichen Inselfingers der griechischen Halbinsel Chalkidiki, entlang, vorbei zieht eine Märchenwelt aus Bäumen, Felsen, vereinzelten Einsiedlerhäusern und Klöstern. Zwanzig gibt es hier und angeblich mehr als zweitausend Mönche - wieder mehr als noch vor zwanzig Jahren. Das rostige Schiff steuert immer, wenn ein Kloster auftaucht, das Land an. Dann steigen bärtige Männer in Schwarz aus und ein und andere in Jeans. Die wenigsten sind Griechen, die meisten sind Russen, Serben, Bulgaren und andere Orthodoxe. Die hatten Athos nach dem Ende des Kommunismus neu entdeckt. Jetzt kommen auch wieder die Griechen. Die Fähre schippert weiter, dann wird der Heilige Berg, wie man ihn nennt, sichtbar.
Man glaubt sich im Mittelalter. Die Pilger kommen aber aus der Gegenwart. Nikolaos, der Anfang vierzig ist und seinen Nachnamen nicht verrät, ist allein hier. Obwohl er nicht mehr viel Geld für Reisen hat. Seit zehn Monaten sei er arbeitslos, sagt er, Vater von drei Kindern, das vierte im Mutterbauch. Er erlebt die griechische Wirtschaftskrise, die das fünfte Jahr erreicht hat, wie eine Erosion aller Sicherheit. Nur zwei Monate wird er noch Arbeitslosengeld vom Staat bekommen, danach keinen Euro mehr. Zum Glück wohnten sie im eigenen Haus - zwischen Meer und Bergen in Larissa, es sei wunderschön, aber er wolle trotzdem auswandern. Am liebsten nach Kanada. Wegen der Kinder. In Griechenland hätten die keine Perspektive.
Nikolaos’ Heimat Larissa ist das Stadt gewordene Griechenland-Klischee: der Ort mit den meisten Porsche Cayennes je Einwohner auf der Welt. Die hätten sich Bauern von EU-Subventionen auf phantasierte Landwirtschaft geleast. Andererseits: echte Armut.
Athos ist nicht etwa eine Gegenwelt in diesem Sinne, dass es hier keine Armut gäbe, sondern weil hier die Armut nicht auffällt und sogar kultiviert wird. Hier gilt sie als Wert oder zumindest als nützlich auf dem inneren Weg zum Herrn. „Hier auf Athos vergesse ich für vier Tage alle Sorgen“, sagt der Pilger Nikolaos. Er sei schon zum vierten Mal in diesem Jahr hier, er komme immer öfter, Zeit habe er ja, der Berg gebe ihm Kraft, das Gebet beruhige ihn. Je tiefer die Depression, desto wichtiger die Pilgerreisen. Sie wirken wohl wie eine Injektion, die die Angst löst und wieder atmen lässt.
Von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit
Ein Jahrzehnt EU-Griechenland - von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit. Nikolaos, der von der Fähre hinauf auf die vorbeiziehenden Wälder und Klöster schaut, hat das Auf und Ab mitgemacht. Bis zum Krisenbeginn 2008 arbeitete er enorm viel, zwölf Stunden am Tag, finanzierte Haus und Familie. Dann sei die Arbeit langsam weniger geworden, und Ende 2011 sei seine Firma, die Satellitenschüsseln herstellte, insolvent geworden. Jetzt lebt er von Schwarzarbeit. Und es gebe immer mehr Ärger mit Afrikanern und Pakistanern in Larissa, die Straßenkriminalität habe stark zugenommen, und die Kinder von früheren Gastarbeitern, jetzt Arbeitslosen, aus Albanien etwa bekämen kein Essen mehr am Morgen und kippten mittags auf dem Schulhof um.
Athos, sogenannte autonome Möncherepublik: byzantinische Vergangenheit, Mittelalter und Osten. Seit mehr als als fünfhundert Jahren ist Athos das religiöse Zentrum der orthodoxen Christen, das die Jahrhunderte osmanischer Herrschaft und die kurze Invasion der Nazis ohne größere Blessuren überstand.
Jetzt gut in Sicht liegt am Ende der Landzunge der 2033 Meter hohe Berg, der die Wolken zerschneidet. Das Schiff erreicht den einzigen Hafen der Halbinsel. Ein Schiff, ein Café, viele Bärtige, nun doch mal ein paar Autos. Hier in Dafni kommen jetzt mit dem Schiff, dessen Fahrpreiseinnahmen die Athos-Mönche bekommen, zweihundert Pilger an. Viele sind jung, Priester, Mönche.
Eine Welt jenseits von Zeit, Schuld und Schulden
Ein Mönch lädt unsere Koffer in einen Land Rover, auf einer staubigen Piste fahren wir nach oben und erreichen das Kloster Simonos Petras. Auf einem steilen Felsen steht es wunderbar da, eingebettet in eine grüne Berglandschaft und in Terrassengärten. Es wirkt mit seinen Holzbalkonen wie ein tibetisches Kloster. Der Mönch, der nun die Koffer ausräumt, sieht aus wie ein alter Mann von Rembrandt. Im Kloster ein lächelndes Schweigen für die Gäste, einen Weinbrand und gelierten Nusszucker, dann ein Gebet in der Kapelle, Kyrie Eleison.
Schnell ist man im Rhythmus. Keine Orgel, nur Gesang, nur Männer. Stundentrommel, beten, essen, und dann schrabbelt wieder die Stundentrommel. Das alte Kirchengriechisch, der alte Kalender; Tagesbeginn nicht Mitternachts sondern mit Sonnenaufgang. Ein bisschen Selbstversorgung im Gemüsegarten, die Mönche gehen auch selbst fischen. Fleischlose Kost, aber nicht progressiv gemeint, während in Athen die Straße zittert, im Fernsehen Rechtsradikale brüllen und Linke Angela Merkel als Nazi-Monster zeigen.
Die Pilger suchen hier eine Welt jenseits von Zeit, Schuld und Schulden. Auch zwei Studenten aus Athen - Bachelor der Verwaltungswissenschaft, Elektroingenieurwesen - sind mit uns hier. Sie haben sich eine Woche Auszeit genommen und sitzen auf einer Mauer vor dem Kloster, einer stochert mit den Füßen im Sand herum. Er sagt, sie seien von der Politik enttäuscht, von allen Parteien. Dass sie eine Arbeitsstelle nach dem Abschluss finden könnten, glauben beide nicht.
Viele Aussteiger
Sie könnten aber immerhin in Athen wohnen bleiben, weil ihre Eltern dort Häuser hätten, anders als diejenigen Studenten, die von außerhalb gekommen seien. Die brechen das Studium aus wirtschaftlicher Not oft ab und ziehen zurück zu ihren Eltern aufs Land, sagt der eine, der Janis heißt. Es gebe wieder viele Aussteiger. Das griechische Glück in der Krise: Das Dorfleben ist intakt, die Familien nehmen ihre Kinder wieder auf, ein Huhn oder Schwein hat jeder noch im Garten und etwas Gemüse; das wäre in Deutschland anders. Nach Athos aber ziehe es relativ wenige der Stadtflüchtlinge, sagt Janis.
In den Gärten von Simonos Petras riecht es harzig-süß. Von der Sonne aufgewärmte, weinrote Oliven liegen auf dem Weg, der sich in Richtung Meer hinabschlängelt. Vereinzelte Pilger spazieren ihn entlang. Den weitesten Blick hat man aber von den Balkonen aus. Von ihnen sieht man links den Berg Athos, vorn die Terrassengärten, das Meer, rechts Berge.
Auf dem Balkon stehen drei Mönche und sehen dem Sonnenuntergang zu. Einer sieht aus wie aus einem Samuraifilm. Er spricht, als wolle er die Idylle auflösen, schweizerdeutsch - Bruder Irimias, Jahrgang 1974. Sonderbar erscheinen die Wege des Herrn: Als Flüchtlingskind kam Irimias aus Vietnam in die Schweiz und von da über Umwege vor vier Jahren nach Athos. Zwischendurch studierte er BWL und arbeitete für Banken in Zürich und Genf. Sein Ziel sei es, irgendwann gar nicht mehr zu schlafen, sondern die ganze Nacht nur noch zu beten und zu wachen, wie die Jünger in der letzten Nacht vor der Kreuzigung, in Erwartung der Wiederkehr Christi.
Geistige Krisen führen in diese geisitige Welt
Manche brauchen nur noch eine Stunde Schlaf in der Nacht, morgens um 3 Uhr erklingt die Stundentrommel zum Frühgebet, die Messe dauert mehrere Stunden - 6 Stunden später beginnt der Tag mit dem Sonnenaufgang; keine Frau darf hier sein, außer die Jungfrau Maria als Ikone und im Geiste, die Mönche wollen den Tod lieben lernen, sich jeden Tag darauf vorbereiten. Ihre Gräber haben nur Holzkreuze, daneben reihen sich Knochen und Schädel aus Jahrhunderten.
Das wird wohl kein Weg sein für das ganze Land. Die Mönche sind auch in diesem griechisch-orthodoxen Kloster nicht alle Griechen, sie kommen auch aus der Schweiz, aus Amerika, Deutschland - so wie Theodosios, der bis vor 30 Jahren Protestant in Hamburg war und das Großfoto auf dieser Seite machte. Es sind nicht wirtschaftliche Krisen, sondern - wenn nicht der Glaube allein - persönliche Krisen, die Männer zu Mönchen machen. Ein Deutsch-Grieche kam, nachdem er erfuhr, dass seine Kinder nicht von ihm sind. Geistige Krisen führen in diese geistige Welt. Wirtschaftsflüchtlinge hingegen wolle man nicht aufnehmen, sagt ein Abt. Es seien mehr geworden.
Bruder Philaritos etwa ist seit drei Jahren hier Mönch. Er ist Grieche und spricht fließend Deutsch, denn er studierte in Görlitz, er ist Konzertpianist. In Darmstadt an der Oper arbeitete er als Pianist und Dirigent. Ihn störte, dass die institutionalisierte Kultur den Menschen nichts mehr mitzuteilen habe. „Wenn zu seinen Lebzeiten eine neue Beethoven-Symphonie herauskam, sagte das den Menschen etwas, das war wie ein neuer Kinofilm.“ Seine Antwort: Kunst und Kultur müssten wieder mit der Religion zusammenfinden. Hier singt er im Chor, ein Klavier gibt es nicht. Ähnlich lautet seine Erklärung der Wirtschaftskrise: „Es ist keine griechische Krise, sondern die spirituelle Krise Europas.“
Geld ist auch auf Athos wichtig. Es wird nur nicht thematisiert. Wieso lehnen Klöster es ab, Krisenflüchtlinge als Novizen aufzunehmen? Man kann annehmen, dass dies auch aus wirtschaftlichen Gründen geschieht. Denn ein Mann, der Mönch wird, lässt auch sein Vermögen in der Gemeinschaft. Wer ohne Vermögen kommt, bringt keine Einnahme. Und die Klöster benötigen viel Geld: Es gibt allein in Simonos Petras halb so viele Arbeiter wie Mönche - knapp 40 Rumänen, Bulgaren, die für die Mönche arbeiten. Als Handwerker, in den Gärten, in der Küche. Die Mönche können kaum schwer schuften, wegen der asketischen Lebensweise fehlt ihnen Kraft. Sie beten. Die Handwerker arbeiten.
Die Klöster sind auch baulich meist in einem hervorragenden Zustand. Woher kommt das Geld? Millionen von der EU, Millionen aus Erbschaften gläubiger Ostchristen, Millionen aus der Verpachtung alter Ländereien auf dem Festland (hier kürzt derweil auch Athen die Zuwendungen, die es für frühere Enteignungen gibt). Vermutlich ist in den Klosterkellern so mancher Schatz versteckt.
Und es gibt doch Reichtum und Korruption
Die Finanzen der Klöster sind undurchsichtig, und auch hier gibt es Korruptionsermittlungen, einen mafiösen Filz von Klerus und Staat und Reichen - kürzlich erst nahm die Polizei einen Abt fest wegen eines verdächtigen Immobilienhandels mit einer früheren griechischen Regierung - so gesehen, ist die „Gegenwelt“ auch fest verwurzelt im griechischen Hier und Jetzt. Die Athos-Ökonomie: Leben von Zuwendungen, kaum eigene Produktion, Vermögen in den Händen einer kleinen Elite.
Simonos Petras ist eines der reichsten Klöster der Insel. Es gibt andere, in denen die Mönche arm, ohne elektrischen Strom und fast autark leben. Etwa Esphigmenou, das auch für seinen herausragenden religiösen Dogmatismus bekannt ist. Jüdische Geistliche haben es zum Beispiel Berichten zufolge schwer, überhaupt ein Visum für Athos zu bekommen. In vielen Klöstern leben die Mönche zurückgezogener und meiden jeden Kontakt mit Pilgern. Die Mahlzeiten - wie Übernachtungen kostenlos für Pilger - sind karg, es gibt etwa kalte Linsensuppe mit Reis.
Drei junge Pilger sind aus Thessaloniki hierher gekommen. Einer, Merkouris Kountouras ist sein Name, leitet ein Unternehmen aus der Medizintechnikbranche. Er lächelt, angesprochen auf die Wirtschaftskrise. Eine Krise gebe es in Somalia, sagt er. Der andere, Dimitrios Prokos, betreibt Handy-Läden von Vodafone. Auch er wirkt gelassen. Sie haben ihren Freund und geistlichen Vater Bruder Iosif besucht, der die Mönchszelle Agios Minas Vigla bewohnt. Iosif strahlt Ruhe und Gelassenheit aus.
Satan wühlt, Christus sät
Heiter deutet er die Krise mit Verweis auf viele Jahre alte Prophezeiungen eines Vater Paisios, der geschrieben habe, es werde eine Krise kommen, einige Monate Hunger, und die Leute würden am Ende die Politiker aus dem Land treiben. Er lächelt: „Satan wühlt die Erde auf - aber er weiß nicht, dass Jesus Christus hinter ihm steht und Samen sät.“
In den vergangenen Jahren kämen wieder vermehrt junge Leute zu ihm, die Rat suchten, sagt er. Denen sage er, frei nach Paulus: „Ein Bett und etwas zu essen genügt.“ Aber Mönch müsse nun auch nicht das ganze Land werden. Ein Krisenflüchtling aus Athen habe kürzlich Novize werden wollen. Iosif riet ihm, er solle Priester werden und Athos verlassen. Wenn er dann immer noch Mönch werden wolle, solle er einfach in einigen Jahren wiederkommen.
Die Tatsachen
Drazen Perinic (Perinic)
- 28.12.2012, 16:58 Uhr
Welche Krise?
Carlos Anton (carlosanton)
- 28.12.2012, 16:28 Uhr
"Die Mönche können kaum schwer schuften, ...
Sebastian Holzer (gerus)
- 28.12.2012, 15:12 Uhr
Athos?
Heinz-Günter Schmidt (Entropieker)
- 28.12.2012, 14:57 Uhr
Krise ist wohl nicht die richtige Bezeichnung
Andreas Ritter (Exilkaiser)
- 28.12.2012, 14:40 Uhr