Mit einem Schuldenerlass und trickreichen „Rettungspaketen“ ist Griechenland heute nur vorübergehend geholfen. Solange die griechische Wirtschaft nicht in der Lage ist, Leistungsbilanzüberschüsse zu generieren, wird das Land aus eigener Kraft auch die reduzierte Schuldenlast nicht verringern können. Weil aber die „Rettungspakete“ die griechische Wirtschaft letztlich nicht erreichen, fordern immer mehr Stimmen aus Politik und Wirtschaft ein Investitionsprogramm für Griechenland, das zum Aufbau einer Industrie dienen soll, die in möglichst naher Zukunft Exportüberschüsse erwirtschaftet.
So weit, so gut. Im Sommer 2011 vermischte sich dieses an sich lobenswerte Anliegen mit dem Ausdruck „Marshallplan“. Wirtschaftsminister Philipp Rösler war wohl einer der ersten deutschen Politiker, der auf diese Weise die Hoffnung nährte, es sei wie nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen westeuropäischen Staaten auch heute in Griechenland möglich, durch ausländische Investitionshilfe ein Wirtschaftswunder auszulösen.
Die überschäumenden Hoffnungen der großen Koalition aus wirtschaftspolitischen Alchemisten werden durch das historische Vorbild indes kaum gerechtfertigt. Denn zum einen unterschieden sich die Rahmenbedingungen im Nachkriegseuropa zutiefst von den heutigen ökonomischen Problemen. Und zum anderen werden die tatsächlichen Wirkungen des Marshallplans auf das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit in der Forschung seit Jahren bestritten.
Der historische Marshallplan 1947
Als das „European Recovery Programme“ im Jahr 1947 beschlossen wurde, sollte es nicht zuletzt ein währungspolitisches Dilemma beseitigen, von dem so mancher Ökonom heute froh wäre, wenn Griechenland an diesem litte: Zum Wiederaufbau benötigten die westeuropäischen Staaten dringend Rohstoffe, die sie nur gegen Dollar vom Weltmarkt beschaffen konnten. Gleichzeitig verfügten sie aber weder über Dollar noch über andere Gold- oder Devisenreserven.
Der Marshallplan stellte daher Dollarmittel zur Verfügung, mit denen die europäischen Länder Güter aus den Vereinigten Staaten importieren konnten. Unter den ersten Nutznießern des Marshallplans befand sich also die amerikanische Exportindustrie. Begehrt waren Rohstoffe und Industriegüter, die die europäischen Volkswirtschaften benötigten, um ihre eigenen zum Teil zerstörten oder beschädigten, aber insgesamt recht leistungsstarken Volkswirtschaften wieder in Betrieb zu nehmen.
Unterschied zur heutigen Situation
Von den insgesamt 13 Milliarden Dollar, die im Rahmen des Marshallplans 16 europäischen Ländern zur Verfügung gestellt wurden, erhielt Großbritannien gut ein Viertel. Westdeutschland stand mit 1,5 Milliarden Dollar nach Frankreich an dritter Stelle der Empfängerländer. Griechenland erhielt kaum 0,4 Milliarden Dollar. Mit 12 Dollar je Kopf der Bevölkerung hatte Westdeutschland zwar im Vergleich zu den Niederlanden (45 Dollar je Kopf) im Jahr 1949 relativ niedrige Transfers erhalten, entwickelte sich aber wirtschaftlich am erfolgreichsten. Nur gut 0,5 Prozent des westdeutschen Bruttosozialprodukts machten die ERP-Hilfen dabei 1949 aus - ein Wert, der die Phantasie der heutigen Wunderheiler zusätzlich beflügelt haben könnte: Im Verhältnis zum griechischem BIP heute würde danach ein Finanzvolumen von nur einer Milliarde Euro über vier Jahre erforderlich sein.
Der wohl wichtigste Unterschied des historischen Marshallplans zur heutigen Situation in Griechenland liegt in der Tatsache, dass selbst im zerstörten Westdeutschland damals eine überaus leistungsfähige Wirtschaft existierte, die lediglich wieder in Betrieb genommen werden musste. Die westdeutsche Industrieproduktion hatte schon 1947 annähernd das Vorkriegsniveau wieder erreicht und lediglich einige Engpässe und insbesondere das Fehlen von Rohstoffen behinderten das weitere Wachstum.
In Griechenland geht es heute dagegen nicht um die Wiederinbetriebnahme einer leistungsfähigen Maschine durch den Austausch einzelner defekter Zahnräder oder den Import von Schmieröl und von Rohstoffen, sondern um die maßgeschneiderte Konstruktion einer neuen Maschine.
Die Bedeutung des historischen Marshall-Plans
In der wirtschaftshistorischen Forschung wird bis heute über die Bedeutung des Marshallplans gestritten. Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hatte in den achtziger Jahren darauf hingewiesen, dass der Marshallplan in Deutschland nur sehr schleppend anlief und die Güterlieferungen faktisch erst im Sommer 1948 das Land erreichten, als der Wirtschaftsaufschwung bereits begonnen hatte. Außerdem hätten die ERP-Gelder nur ein anderes amerikanisches Hilfsprogramm abgelöst, das bis 1949 vor allem die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt hätte.
Die Münchner Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt und Christoph Buchheim hielten Abelshauser entgegen, dass die makroökonomischen Effekte der Dollarhilfen gar nicht entscheidend gewesen seien. Schon die Ankündigung von Warenimporten hätten die deutschen Unternehmer dazu gebracht, Lagerbestände aufzulösen und damit Engpässe in der Produktion. Über die Institutionen des Marshallplans und seine Anreizwirkung hätte letztlich zu einer arbeitsteiligen marktwirtschaftlichen Ordnung zurückgekehrt werden können.
Der ebenfalls aus der Münchner Schule der Wirtschaftsgeschichte hervorgegangene Albrecht Ritschl bestätigte zusammen mit dem Berliner Ökonomen Helge Berger diesen Befund: Die direkten ökonomischen Effekte der Marshallplanhilfe seien vernachlässigbar. Wichtig seien hingegen die politischen Effekte. Der Marshallplan schuf Institutionen, durch die die westeuropäische Arbeitsteilung wieder in Gang gesetzt werden konnte, die den Wirtschaftsaufschwung in Deutschland wie auch in den anderen Ländern ausgelöst habe.
Keine Hoffnung auf eine ökonomische Wunderheilung
Griechenland konnte seinerzeit von diesem europäischen Wirtschaftswunder zunächst nur bedingt profitieren. Das Land war 1944 in eine Hyperinflation gestürzt und hatte viele Jahre danach keine stabile Regierung. Die Auszahlung und der investive Einsatz der Marshallplangelder verzögerten sich hierdurch.
Als die Gelder dann verfügbar waren, wurden sie nicht so sehr in den Aufbau einer leistungsfähigen Industrie gesteckt, sondern bedingt durch den Kalten Krieg und mit dem Segen der amerikanischen Geldgeber zum Teil für Rüstungszwecke verwendet. Die wichtigste Voraussetzung für das griechische „Wirtschaftswunder“ der fünfziger Jahre stellte hingegen die 50-prozentige Abwertung der Drachme im April 1953 dar.
So berechtigt das Anliegen heute auch ist, der griechischen Wirtschaft über Investitionsprogramme zu helfen: Ein solches Programm als Marshallplan zu bezeichnen, nährt die Hoffnung auf eine ökonomische Wunderheilung, die wirtschaftshistorisch unbegründet ist.
Jede Krise braucht ihre eigenen Medikamente.
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 13.03.2012, 19:31 Uhr
Egal, wie es heißt, es muß endlich wirksam begonnen werden!
Gerhard Storm (gerhardstorm)
- 13.03.2012, 15:18 Uhr
Kurze Historie
Axel Jägers (ferox012)
- 12.03.2012, 16:38 Uhr
Bei einem Faß ohne Boden hilft auch kein Marshallplan
Lukas Branach (Lubitsch)
- 12.03.2012, 16:31 Uhr
Eine erfreulich klare Aussage
Carolus Doomdey (Domday)
- 12.03.2012, 16:08 Uhr