24.02.2010 · Generalstreik in Griechenland: Flugzeuge und Bahnen blieben stehen, die Schulen verschlossen. Aber nicht deshalb liegen im Parlament die Nerven blank: In Zeiten von Krise und Streik entdeckt Athen deutsche Schuldige und stört sich an der Berichterstattung einer deutschen Zeitschrift.
Von Michael Martens, AthenIch generalstreike, du generalstreikst, er, sie, es generalstreiken, wir werden generalgestreikt haben - die Konjugation der griechischen Wirklichkeit ist rasch gelernt, zumal der Singular kaum Verwendung findet. Auch am Mittwoch galt der Plural: Flugzeuge, Fähren und Bahnen blieben stehen, Ministerien und Schulen verschlossen. Zöllner, Ärzte und Steuerfahnder beteiligten sich ebenfalls an dem Ausstand, zu dem die Gewerkschaft der Staatsbediensteten und der Dachverband der Gewerkschaften der Privatwirtschaft aufgerufen hatten.
Ähnliche Streiks hat es oft gegeben in den vergangenen Jahren. Doch obwohl am Mittwoch alles so aussah wie früher, ist in Griechenland kaum mehr etwas so, wie es war - beziehungsweise zu sein schien. Die Proteste der Gewerkschaften gegen die gerade erst beginnende Sparpolitik der Regierung Papandreou wirkten wie ein sinnentleertes Ritual, ein Echo aus besseren Zeiten, die statistisch gesehen bekanntlich auch nicht so gut waren. Die derzeitige Krise ist so ernst, dass sie sich nicht mehr aus der Welt streiken lässt - obwohl gerade sie, die Welt also, die Hauptschuld an der griechischen Misere trägt. So versichern es jedenfalls die Initiatoren des Streiks. „Eine starke Botschaft“ wollten die Streikenden senden, und zwar hauptsächlich „an die EU, die Märkte und an unsere Partner in Europa“, sagte der bekannte griechische Gewerkschaftsführer Panagopoulos am Mittwoch und nannte die Botschaft gleich selbst: „Die Menschen und ihre Bedürfnisse müssen über den Märkten stehen“.
Wütend auf die deutschen Medien
Solche Sätze sind immer richtig und helfen nie weiter. Zweifellos befindet sich Griechenland (nach jahrelanger emsiger Vorarbeit) derzeit unter starkem Druck der Märkte und der anderen Euro-Staaten. So stark ist der Druck, dass in Athen die Nerven blank liegen. Zum Beispiel bei Philippos Petsalnikos, dem Präsidenten des griechischen Parlaments. Herr Petsalnikos ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, hat in Deutschland studiert und ist mit einer Deutschen verheiratet. Vor allem aber ist er derzeit wütend auf die deutschen Medien. Denn die, so lautet nicht allein sein Urteil, lassen es im Umgang mit Griechenland an der nötigen politischen Korrektheit fehlen.
Für diesen Donnerstag hat Philippos Petsalnikos daher den deutschen Botschafter in Athen einbestellt, um ihm gegenüber seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Der Botschafter wiederum ließ vorsichtshalber schon am Mittwoch eine bemerkenswerte Erklärung verbreiten: „Die Botschaft bedauert, dass aktuelle deutsche Medienberichte von der griechischen Öffentlichkeit und Medien als verletzend oder beleidigend empfunden werden. Ich möchte ausdrücklich dazu aufrufen, einzelne Medienberichte nicht zu verwechseln mit der differenzierten deutschen öffentlichen Meinung zu Griechenland. Die mediale Kontroverse wird den guten deutsch-griechischen Beziehungen nicht gerecht“.
Anlass für die Empörung hatte ein deutsches Nachrichtenmagazin gegeben, das nicht in Hamburg erscheint. Der Titel der jüngsten Ausgabe zeigt die Venus von Milo, allerdings nicht als Torso, sondern mit einem Arm, dem sie dem Betrachter samt ausgestrecktem Mittelfinger entgegenstreckt. Wurde schon das als Beleidigung empfunden (obwohl Frau v. Milo ihre unschöne Geste vermutlich gerade an die Nichtgriechen richtet), galt das in noch stärkerem Maße für den begleitenden Text, in dem unter dem Titel „2000 Jahre Niedergang“ gegen Griechenland polemisiert wird. Ob es sinnvoll ist, das heutige Griechenland mit dem klassischen zu vergleichen, mag dahingestellt sein. Gewiss ist der Artikel unsachlich, ungenau und widersprüchlich. Aber dass deswegen der deutsche Botschafter einbestellt wird, zeugt von der mangelnden Souveränität, in der man in dem EU-Staat Griechenland mit (satirischer) Kritik umgeht. Griechische Medien zitierten den Parlamentspräsidenten mit der Aussage, der „beleidigende“ Artikel könne die deutsch-griechischen Beziehungen gefährden. Auch seien die Deutschen daran erinnert, dass 13 Prozent ihrer Rüstungsexporte nach Griechenland gingen.
Um mehrere einige Erregungsgrade heißer argumentierten viele griechische Medien. Zwar mahnten einige Kommentatoren, besonders in der stets sachlichen Athener Tageszeitung „Kathimerini“, zur Besonnenheit, doch an anderer Stelle war von einem „rassistischen Amoklauf“ der deutschen Medien die Rede. Im Übrigen habe Frau Merkel kein Recht, Griechenland zu kritisieren, da Deutschland sich immer noch weigere, Entschädigungen für die Okkupationszeit im Zweiten Weltkrieg zu zahlen. Als Retourkutsche wurden in der griechischen Presse denn auch der in solchen Fällen übliche Gegenangriff gestartet, indem man die Grafiker der Redaktionen deutsche Denkmäler mit dem Hakenkreuz garnieren ließ. An diesem Donnerstag wird freilich Ruhe herrschen an der Empörungsfront, da die Zeitungen nicht erscheinen. Die griechischen Journalisten sind im Streik.
Griechisches Theater
Markus Sens (MarkusSens)
- 24.02.2010, 18:35 Uhr
"...ein Nachrichtenmagazin, das nicht in Hamburg erscheint"?
Nina Wunderlich (nihao75)
- 24.02.2010, 18:35 Uhr
Zugegeben: Es gibt Masslosigkeit - aber vor allem in Griechenland
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 24.02.2010, 18:53 Uhr
polemik ist allemal falsch
Hans henseler (hajohenseler)
- 24.02.2010, 19:02 Uhr
Griechen, zahlt endlich unser Geld zurück
Michael Meier (never1)
- 24.02.2010, 19:38 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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