19.07.2011 · Eine Vergemeinschaftung der europäischen Schulden durch „Eurobonds“ würde die deutschen Steuerzahler mit höheren Zinsen belasten: Es drohen bis zu 25 Milliarden Euro Mehrkosten im Jahr.
Von Philip PlickertDie Opposition wie auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger halten Eurobonds für einen eleganten Ausweg aus der europäischen Schuldenkrise. Gemeinschaftliche Anleihen („Eurobonds“) brächten niedrigere Finanzierungskosten für die hart geplagten Schuldenländer der Euro-Peripherie, da die Eurobonds ein besseres Rating erhielten. Allerdings brächten sie auch stark steigende Zinskosten für Deutschland, das seine gute Bonität aufs Spiel setzte, wenn es zu einer Vergemeinschaftung der Schulden und zu einheitlichen Zinsen kommt. „Es ergäben sich hohe Zusatzkosten für den Staatshaushalt, die daraus herrühren, dass Deutschland höhere Marktzinsen für die Eurobonds zahlen müsste“, sagt Kai Carstensen, Leiter der Konjunkturforschung am Münchner Ifo-Institut. Die 10-jährige Bundesanleihe hatte vergangenen Monat eine Rendite von gut 3 Prozent; zuletzt ist sie sogar auf 2,6 Prozent gefallen. Der gewichtete Durchschnittszins der Staatsanleihen der Eurozone beträgt aber fast 4,4 Prozent, weil einige Länder mit steigenden Zinskosten kämpfen.
Seit Jahresbeginn betrug die Differenz zwischen der deutschen Rendite und der eines hypothetischen Eurobonds nach Carstensens Berechnung 1,22 Prozentpunkte. Unter der Annahme, dass Deutschland langfristig seinen Schuldenstand bei 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stabilisieren könne, ergäbe sich eine zusätzliche Zinsbelastung von rund 18 Milliarden Euro bei vollständiger Finanzierung über Eurobonds, rechnet Carstensen.
Bei einer Schuldenquote von mehr als 80 Prozent wie derzeit würden die zusätzlichen Zinskosten durch Eurobonds auf 25 Milliarden steigen. Zusätzlich würden bei einem Anstieg der Staatsrenditen auch die Finanzierungskosten für Unternehmen steigen. Investoren dürften höhere finanzielle Risiken durch die Gemeinschaftshaftung einpreisen, zudem würden die Standortbedingungen durch steigende Steuern belastet.
„Da geht es um die finanzielle Existenz“
„Dazu kämen eine Reihe von Unwägbarkeiten, die alles noch viel teurer machen dürften“, warnt der Ifo-Ökonom. Mit Eurobonds, die eine Entlastung von Zinskosten für die hochverschuldeten Länder bringen, sinke der Konsolidierungsdruck für diese. „Das dürfte dazu führen, dass mit Eurobonds mehr Schulden gemacht werden als ohne“, sagt Carstensen. „Dies erhöht den Marktzins und das Risiko einer Eurolandpleite, die dann auch Deutschland voll treffen würde, wenn wir gemeinschaftlich haften.“ Dieses Risiko sei bedrohlicher als die errechneten Mehrkosten in Milliardenhöhe. „Da geht es um die finanzielle Existenz.“
Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt einen geringeren Renditeunterschied für Eurobonds gegenüber deutschen Bundesanleihen. Ein gemeinsamer Euro-Schuldenraum stünde besser da als seine Einzelteile. Mit einer durchschnittlichen Schuldenquote von 85 Prozent und einem Budgetdefizit von knapp über 5 Prozent des BIP ähnele er Frankreich. „Der Euroraum insgesamt dürfte also zumindest die Bonität Frankreichs haben.“ Der Kieler Ökonom schätzt daher einen Renditeaufschlag für Eurobonds von 0,5 bis 0,6 Prozentpunkten gegenüber Bundesanleihen. „Das wäre dann etwa 10 Milliarden Steuergeld“, schätzt er die Mehrkosten für den deutschen Fiskus.
Obwohl sich der Euroraum insgesamt wohl günstiger finanzieren könnte als die Einzelstaaten, lehnt Boysen-Hogrefe die Schaffung von Eurobonds ab, „denn die Loslösung von Finanzpolitik und Haftung ist ausgesprochen problematisch“. Ähnlich argumentiert Michael Schröder, Leiter des Bereichs Internationale Finanzmärkte am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). „Eurobonds können zwar kurzfristig einigen Ländern Entlastung schaffen, doch längerfristig sind sie der Weg ins Desaster, weil sie das Tor zu noch mehr Verschuldung öffnen.“ Wer das verhindern wolle, der müsse zum Eurobond auch eine Art „EU-Finanzpolizei“ schaffen. Das aber sei mit dem Demokratieprinzip kaum vereinbar.
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