24.05.2010 · Erst mussten die Banken gerettet werden, jetzt die Staaten. Und immer hilft die EZB. Die Quittung bekommt am Ende jeder: eine satte Inflation. Drei Dinge müssen dafür gegeben sein.
Von Nadine OberhuberDie schlimmste aller denkbaren Wirkungsketten sieht so aus – es ist diejenige, vor der alle große Angst haben: Zuerst kollabierten die Banken. Jedenfalls beinahe, deshalb musste der Staat sie retten und einspringen. Das ging nicht nur in Deutschland so, sondern in vielen Staaten der Welt. Die Regierungen haben Multimilliarden in den Finanzsektor gepumpt, die Zentralbanken haben mit Milliarden für die Märkte nachgeholfen.
Jetzt kollabieren die ersten Staaten. Das darf natürlich nicht sein, deswegen haben sich die übrigen Staaten zusammengeschlossen, um ihnen mit viel Geld die Not zu lindern. Möglich macht das unter anderem die Europäische Zentralbank, indem sie die Anleihen der Wackelländer von deren Gläubigern aufkauft.
Doch irgendwann, das fürchten einige, kracht es dann in der EZB. Weil die zu viele Staatsanleihen von Pleitekandidaten aufgekauft hat und dann eines Tages in nicht allzu ferner Zeit auf einem Haufen wertloser Papiere sitzt. Dann wäre die EZB pleite. Und wer hilft ihr dann? Die Staaten? Nein, das geht ja nicht, weil die schon selbst überschuldet wären. Eine übergeordnete Instanz? Die gibt es nicht. Also bliebe nur eines: Sie hilft sich selbst, indem sie massenhaft Geld druckt und sich so aus den Schulden befreit.
Für Staaten ist die Inflation die beste Variante
Und dann wäre sie da, die große Inflation, vor der derzeit so viele Angst haben. Die große Geldentwertung. Die jahrelange Sparanstrengungen zunichtemacht, weil sie unsere zusammengesammelten Minivermögen wieder auffrisst. Die außerdem das Leben für alle unerträglich teuer macht, weil die Preise schneller davonlaufen, als die Löhne nachziehen. Nur eine Gruppe würde aufatmen: die Staaten. Denn für die ist Inflation von jeher die beste Variante, um sich schnell eines überbordenden Schuldenberges zu entledigen.
Ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Aber ganz unberechtigt ist die Angst auch nicht, dass Politiker sich die Schulden – die sie sich selbst eingebrockt haben – weginflationieren. Denn was wäre die Alternative? Sparen hieße die erste. Der Staat könnte rigoros seine Ausgaben kappen. Er müsste die Beamtengehälter kürzen, Zahlungen für Sozialleistungen und Krankenkassen einstellen, er müsste bei Bildung und Verteidigung knausern. Und was wäre der Effekt? Ein Sturm der Entrüstung bräche los, die Bilder aus Athen sind ein Vorgeschmack. Im harmlosesten Fall wären damit die Sparpolitiker auch ihre Wähler los. Das klingt wenig verlockend.
Steuererhöhungen wären die zweite Alternative. Auch die gelten als höchst unpopulär. Damit gewinnt man keine Wahlen. Bleibt die dritte Variante, die Inflation.
Drei Voraussetzungen für eine Inflation
Die enteignet schleichend Sparer, trifft aber ansonsten alle gleichermaßen. Jeden, der einkaufen muss, um zu leben. Der Effekt ist: Die Inflation wird ebenfalls als Übel wahrgenommen, aber als unvermeidbar. Sie ist eher Naturkatastrophe als Ausdruck schlechter Wirtschaftspolitik.
Doch auch wenn viele sie schon kommen sehen: So einfach passiert sie nun auch wieder nicht. Drei Dinge müssen dafür gegeben sein: Hohe Staatsverschuldung (haben wir), wirtschaftliches Wachstum (bekommen wir hoffentlich wieder). Und massenhafte Geldvermehrung (die befürchten nun viele). Schließlich habe die EZB ja zig frische Milliarden in den Markt gepumpt, indem sie Anleihen von Wackelstaaten aufkaufte.
Stimmt nicht, widerspricht da die Notenbank selbst: Durch die Käufe sei die Geldmenge gar nicht gestiegen, weil sie an anderer Stelle überschüssige Liquidität gleich wieder abgeschöpft habe. Das Kalkül der Zentralbank würde nicht mehr aufgehen, wenn die Wackelstaaten pleitegehen. Die Anleihen verlören dann an Wert, und die Zentralbank müsste sie abschreiben. Wäre die dann selbst pleite? Kaum.
Nur ein blaues Auge?
Selbst bei Griechenland, heißt es, büßten die Anleihen durch Umschuldung maximal 50 Prozent ihres Wertes ein. Momentan hat die Notenbank marode Anleihen für 17 Milliarden Euro aus dem Verkehr gezogen. Im allerschlimmsten Fall könnten es 850 Milliarden werden. Würden die dazugehörigen Staaten nun alle kippen und die Papiere müssten alle zu 50 Prozent abgeschrieben werden, wären die Notenbanken der anderen Länder dran, Liquidität nachzuschießen. Die deutsche Bundesbank müsste rund ein Viertel des EZB-Verlusts tragen, rund 125 Milliarden Euro. Wie gesagt: im allerschlimmsten Fall.
Im vergangenen Jahr machte die Bundesbank 4 Milliarden Euro Gewinn, der in den Bundeshaushalt floss. Die wären dann schon mal weg. Sie hat Devisen- und Goldreserven, die sie auflösen müsste. Zu aktuellen Marktpreisen würden die etwa die 120 Milliarden Euro ergeben. Dann wäre das Gold weg, die anderen Reserven und die 5 Milliarden Euro Eigenkapital aber nicht. Erst wenn alles aufgebraucht wäre – wenn es also noch schlimmer käme als im schlimmsten Szenario –, müssten die Steuerzahler der Notenbank helfen und so für die Pleitestaaten einstehen. Im derzeitigen Szenario könnten alle noch mit einem blauen Auge davonkommen.
M x v = p x Y: Eine Gleichung für die Inflation
Wenn die Zentralbank immer mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gibt, steigen dann irgendwann zwangsläufig die Preise? Diese Frage steckt hinter der Furcht vor der Inflation, die momentan die Talkshows beherrscht.
Die Antwort darauf liefert die sogenannte Quantitätstheorie, und die ist steinalt, ihre Anfänge reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, schreibt der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing in seiner „Einführung in die Geldtheorie“. Zu den ersten Vertretern zählt er Kopernikus, in Gleichungsform fand die Theorie durch Irving Fisher weite Verbreitung: Geldmenge × Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau × reales Bruttoinlandsprodukt.
In ihrer naiven Form besagt diese Theorie, dass sich das Preisniveau direkt proportional zur Veränderung der Geldmenge verhält, also: Alles, was die EZB an zusätzlichem Geld in den Kreislauf pumpt, spüren wir direkt in steigenden Preisen.
So simpel ist der Zusammenhang, gerade in kürzerer Frist, freilich nicht, wie Milton Friedman mittels empirischer Studien herausgefunden hat. Der Chicagoer Nobelpreisträger hat die Quantitätstheorie weiterentwickelt als elementare Grundlage, auf der seine Denkschule, der Monetarismus, aufbaut.
Friedmans Fazit lautet: Inflation ist der Ausdruck und die zwangsläufige Folge eines Anstiegs der Geldmenge pro Produktionseinheit. Ihm sei kein Beispiel bekannt, gleich aus welchem Land oder welcher Periode, so hat er geschrieben, in dem eine wesentliche Steigerung der Geldmenge nicht langfristig auf die Preise durchgeschlagen hat.
Die Geldmenge ist demnach einer der besten Indikatoren der zukünftigen Preisentwicklung. Daraus folgert Otmar Issing: „Je unabhängiger die Notenbank eines Landes ist, desto niedriger ist über einen längeren Zeitraum hinweg die durchschnittliche Inflationsrate.“
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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