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Geldanlage Was tun mit den Staatsanleihen?

04.12.2010 ·  In der Schuldenkrise geraten selbst Bundesanleihen unter Druck. Höchste Zeit, das Vermögen neu zu verteilen: So können Anleger auf die Euro-Krise reagieren.

Von Inge Kloepfer
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Der Weckruf ist unangenehm, aber überfällig. Zumindest für die deutschen Privatanleger. Viele von ihnen haben ihr Geld nämlich noch immer zu einem viel zu großen Teil in europäischen Staatsanleihen angelegt und geraten jetzt in der Schuldenkrise ins Zweifeln. Die Lage am Rentenmarkt hat sich trotz des europäischen Rettungsschirms und der Hilfszusagen für Irland nicht beruhigt. Selbst die Kurse deutscher Staatsanleihen sinken wieder. Jeder weiß: Die Krise könnte auch eskalieren.

„Es herrscht noch immer eine ungeheure Staatsgläubigkeit bei den Anlegern“, sagt Hans-Jörg Naumer, Chef der Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors. Drei Jahrzehnte Rentenhausse hätten die Anleger in Sicherheit gewiegt und sie dazu verleitet, den Status quo in die Zukunft zu extrapolieren. Das rächt sich jetzt: Zu viele Anleihen, kaum Aktien – deutsche Portfolios sind schon immer viel zu staatslastig gewesen. Strategen wie Naumer haben das über Jahre gepredigt – nicht erst seit Ausbruch der Schuldenkrise in diesem Frühjahr. „Mit der Verunsicherung wird sich das hoffentlich ändern“, sagt er. Viel früher wäre eine Veränderung fällig gewesen, weil eigentlich jeder wissen müsste, dass nicht alle Eier in einen Korb gehören.

Der Paradigmenwechsel im Euro-Raum ist unübersehbar und schmerzhaft. „Man muss sich jetzt erstmals Gedanken darüber machen, dass Staatsanleihe nicht mehr gleich Staatsanleihe ist“, sagt der Kapitalmarktforscher Alexander Kempf, Direktor des Centre for Financial Research (CFR) an der Universität zu Köln.

Das sei vor zehn Jahren noch anders gewesen. Damals investierten Anleger in der sicheren und auch plausiblen Annahme, dass in Euro denominierte Staatsanleihen gar nicht erst ausfallen könnten. Geschönte Statistiken, Schuldenkrisen, Staatspleiten, Rettungsschirme – das alles befand sich jenseits des Horizonts der Investoren. Jetzt aber ist nichts mehr, wie es war. Die Renditen der Anleihen driften auseinander. „Heute werden in europäischen Staatsanleihen eben auch Ausfallrisiken gehandelt“, sagt Kempf dazu. Denn Gläubiger rechneten damit, dass sie im Falle des Falles trotz des Rettungsschirms vielleicht nur noch 90 und nicht mehr 100 Prozent ihres Geldes zurückbekommen.

„Gerade jetzt bloß nichts ändern“

Was bedeutet dieser Paradigmenwechsel für die grundsätzliche Verteilung des eigenen Vermögens auf die verschiedenen Anlageklassen? Mehr Aktien und Rohstoffe, dagegen weniger Staatsanleihen? Sicher, sagt Allianz-Experte Naumer. Wann, wenn nicht jetzt? Er empfiehlt einen Teilrückzug vom Anleihemarkt. Mehr als 40 Prozent Anleihen würde er einem Anleger mittleren Alters nicht empfehlen. Ein Depot gehört eben diversifiziert – und zwar genau für Fälle wie eine solche Schuldenkrise.

Ganz anders fällt die Antwort indes für diejenigen aus, die – vernünftigerweise – schon immer auf verschiedene Anlageklassen gesetzt haben: „Gerade jetzt bloß nichts ändern“, sagt Martin Weber aus Mannheim dezidiert. Schuldenkrise hin oder her – darüber könnten sich Zentralbanken Gedanken machen oder Politiker, aber gerade nicht der Anleger. Weber, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre, geht sogar noch weiter und warnt: „Die Schuldenkrise des Euroraums könnte die Anleger dazu verleiten, etwas zu tun, das grundsätzlich nicht geht: die Zukunft vorherzusagen.“

Mathematik rentiert sich nicht

Wer weiß denn, ob überhaupt und – wenn ja – welcher Staat zahlungsunfähig wird? Diese Wetten auf die Zukunft verführten Anleger immer aufs Neue, die Zusammensetzung ihres Portfolios zu verändern – und dadurch am Ende mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Damit begingen die Anleger gleich den nächsten Kardinalfehler: Sie veränderten die Zusammensetzung ihres wohl diversifizierten Depots zugunsten einer bestimmten Anlageform und setzten zu viel auf eine Karte – genauso, wie es die Staatsgläubigen seit jeher taten. Langfristig ist das allerdings noch nie wirklich erfolgversprechend gewesen.

Was so schlicht klingt, ist wissenschaftlich fundiert. Seit Jahrzehnten suchen die Kapitalmarktforscher nach der besten Zusammensetzung des Portfolios. Doch die vielen mathematisch hoch komplexen Optimierungsmodelle, in denen die Zukunft in verschiedensten Parametern ihren Niederschlag findet, erzielen kaum Mehrwert. „Sie sind einer simplen Gleichgewichtung der verschiedenen Anlageklassen im Portfolio nicht überlegen“, sagt Weber. Wer sich für verschiedene Anlageklassen entscheide und diese zu jeweils gleichen Teilen berücksichtige, fahre häufig besser. Solange das Portefeuille keine besondere Schieflage zugunsten einer bestimmten Anlageform aufweist, kann dem Anleger also nicht wirklich viel passieren. Je nach Risikoneigung sollte er einen Teil seines Vermögens natürlich in Tagesgeld halten. Nur: Bei seiner Aufteilung sollte man dann auch bleiben – vor allem jetzt, in Zeiten der europäischen Schuldenkrise.

Vermögen dritteln

Ökonom Weber selbst macht das seit ein paar Jahren und setzt in seinem Arero-Fonds auf Aktien, Renten und Rohstoffe (siehe Grafik). Verändert hat er die Zusammensetzung seither nicht. Er ist dabei geblieben – unabhängig von Finanzkrise, Kurseinbrüchen oder der jetzt turbulenten Entwicklung am Markt für europäische Staatsanleihen. Man kann seine Anlageklassen so aufteilen, muss das aber nicht. „Individuelle Abweichungen in der Gewichtung der einzelnen Asset-Klassen untereinander haben nur sehr wenig Auswirkungen, sofern die Mischung ausgewogen bleibt“, sagt Weber.

So gewinnen gerade in Zeiten der Euro-Schuldenkrise zwei Regeln neue Aktualität: Erstens eine jüdische. Bereits im vierten Jahrhundert nach Christus empfahl der Rabbi Isaac bar Aha im Talmud, das Vermögen zu jeweils einem Drittel auf Land, Warenhandel und Bargeld aufzuteilen und damit ordentlich zu diversifizieren. Und zweitens eine aus der jüngsten Kapitalmarktforschung, die besagt, dass Wetten auf die Zukunft die Anleger unter dem Strich nicht reicher machen. Aber genau das haben gerade die risikoscheuen Anleger getan und sich zu einseitig festgelegt.

Sie haben – in der trügerischen Hoffnung auf Sicherheit – darauf gewettet, dass so etwas wie Staatspleiten im Euro-Raum niemals passieren können. Da sind die Skeptiker besser gefahren. Sie müssen jetzt nicht handeln.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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