08.02.2010 · Griechenland hat gerade ein großes Problem - und ganz Europa zittert mit: Wenn Griechenland zusammenbricht, sind wieder unsere Banken bedroht. Die einzige Chance der Griechen ist: die Schulden begrenzen, so flott und radikal wie möglich. Aber wie?
Von Nadine Oberhuber und Christian SiedenbiedelGriechenland hat gerade ein ziemlich dickes Problem – und ganz Europa zittert mit: Die Griechen haben ein so großes Haushaltsdefizit aufgehäuft, dass es in diesem Jahr 12,7 Prozent ihrer gesamten Wirtschaftskraft beträgt. Insgesamt schulden sie Gläubigern im In- und Ausland über 300 Milliarden Euro. Damit steht doppelt so viel Geld im Feuer wie bei der Pleitebank Lehman im September 2008.
Sollte der Mittelmeerstaat kollabieren, droht eine Kettenreaktion, die in ganz Südeuropa weitere Staaten ins Wanken bringen könnte. Die einzige Chance der Griechen ist: die Schulden begrenzen, so flott und radikal wie möglich.
Die Frage ist nur, wie? Denn das Land steckt in der Zwickmühle: Entweder es spart eisern nach den Regeln der EU, die ihm seit Mittwoch auf die Finger schaut – und würgt damit die eigene Wirtschaft ab. Oder es spart „sozialverträglich“ und verprellt damit die Finanzmärkte, die dann nicht nur Griechenland, sondern auch alle anderen notleidenden Euro-Staaten nicht mehr mit Geld versorgen.
Welche Alternativen hat das Land?
Die Europäische Union jedenfalls traut den Griechen seit Mittwoch nicht mehr zu, dass sie ihr Problem allein in den Griff kriegen. Sie fordern jetzt alle drei Monate einen Rechenschaftsbericht, wo gespart worden ist. Premier Giorgos Papandreou hat bereits viel vor: Beamtengehälter will er einfrieren, das Rentenalter anheben, Benzin stärker besteuern. Das allein wird aber wenig helfen und bringt noch nicht die Milliarden zusammen, die Griechenland jetzt dringend braucht. Doch schon gegen diese Sparideen laufen die Bürger Sturm. In den Straßen der Hauptstadt Athen entlädt sich regelrecht der Volkszorn.
Die Frage ist: Wie weit kann man den Beamten und Rentnern ihre Einkommen kappen, ohne die Wirtschaft zu gefährden und das Land in den Absturz zu treiben? Andererseits: Was ist die Alternative? Wie sonst soll das Land das Geld einsparen, das es bereits mit vollen Händen ausgegeben hat – vor allem für seine ausufernde Bürokratie? Von 12,7 Prozent Staatsdefizit soll Griechenland in nur zwei Jahren auf maximal 3 Prozent runter, fordert die Europäische Union. Das geht gar nicht ohne tiefe Schnitte. Und selbst mit: in dieser Höhe ist es in den vergangenen 25 Jahren noch keinem Land auch nur ansatzweise gelungen.
Allein im April und Mai braucht das Land 20 Milliarden
Die Märkte wetten schon jetzt kräftig, dass es den Griechen nicht gelingt: Die Zinsen griechischer Staatsanleihen sind auf über 6 Prozent geschossen. Damit fordern Anleger vom griechischen Staat ganze 4 Prozent Risikoaufschlag – gegenüber sicheren Schuldnern wie Deutschland – dafür, dass sie ihm weiterhin Geld leihen. Diese Wetten wiederum machen Griechenland die Refinanzierung noch schwerer. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es die Zinsen nicht mehr bezahlen kann oder die ersten Papiere nicht mehr los wird.
Allein im April und Mai braucht das Land rund 20 Milliarden Euro an frischem Kapital, um auslaufende Anleihen abzulösen. Was passiert, wenn es die Papiere nicht mehr plazieren kann, ist klar: Dann ist es zahlungsunfähig.
Dann kollabieren zuerst die Anleihenkurse, und es drohen hohe Abschreibungen – allen Banken, bei denen sich Griechenland verschuldet hat. Das sind besonders französische, schweizerische und deutsche. Aber nicht die Investmentbanken, die schon wieder viel Geld verdienen, die haben solche Papiere längst aus den Depots geworfen. Es sind Pfandbrief- und Hypothekenbanken, die sich ohnehin noch nicht voll erholt haben. Denen drohte der Kollaps.
Eine Rettung durch die EU würde Tür und Tor für eine Kettenreaktion öffnen
Es sei denn, die EU greift ein. Aber davor warnen viele: Rettet die Union gegen ihre Regeln den ersten Schuldner, öffnet sie Tür und Tor für eine Kettenreaktion. Zahlen würden vor allem die Starken Frankreich und Deutschland. Und leiden würde zuerst die Währung. Dem Euro würde dann wohl keiner mehr recht trauen. Deshalb weisen die Politiker die gemeinsame Rettung noch weit von sich.
Bliebe nur noch eine Rettung: der IWF. Der Internationale Währungsfonds ist auch anderen klammen Ländern wie Ungarn, Lettland und Rumänien jüngst zur Seite gesprungen. Das ist sein Job. „Wir sind dazu da, um zu helfen“, sagt IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Doch bisher weisen Politiker in ganz Europa und Notenbanker den IWF-Eingriff noch ganz weit von sich – von Bundesbankpräsident Axel Weber bis Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie fürchten die Einmischung von außen. Wenn der IWF ein Land rettet, mischt er sich auch in die Geldpolitik ein. Und die macht für Griechenland die Europäische Zentralbank. Länder wie China oder Amerika, die auch zum IWF gehören, dürften auf einmal bei der europäischen Geldpolitik mitreden. Das ist nun die Horrorvorstellung der Politiker Europas.
Zudem gibt es ein formales Problem: Der IWF bekommt das Geld für Rettungsaktionen von den Zentralbanken. Im Euro-Raum aber ist es verboten, das EZB-Geld dafür herzugeben, die Defizite in den Haushalten einzelner Länder auszugleichen. Ist das also auch keine Lösung?
Doch, sagen Ökonomen vom Institut der Deutschen Wirtschaft: Wenn schon ein Staat der Euro-Zone gerettet werden muss, dann am besten vom IWF. Nicht nur, dass der bereits strenge Regeln für solche Fälle entwickelt hat, die den Europäern noch fehlen. Der IWF ist auch weit weg, darum fällt es ihm leichter, strikte Sparprogramme rigoros durchzusetzen. Wenn dagegen Nachbarländer wie Deutschland die Griechen zum Sparen verdonnern würden, nachdem sie ihnen Kredit gäben, zögen sie damit gewiss den Zorn auf sich.
Der IWF hat zumindest damit kein Problem. Er kennt das. Geliebt werden will er ohnehin nicht.
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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