21.11.2011 · Nicolas Sarkozy drängt, doch Angela Merkel gibt nicht nach. Und doch ist es wie bei einer guten Ehe. Sie funktioniert, und keiner weiß, warum.
Von Christiane Hoffmann und Michaela WiegelEin deutsches Wort versteht Nicolas Sarkozy inzwischen ohne Übersetzer: „Nein“. In den vergangenen Wochen hat er es wieder oft gehört aus dem Mund der Bundeskanzlerin. Denn Angela Merkel wehrt sich bisher standhaft gegen seine Forderung, die Europäische Zentralbank direkt in die Euro-Rettung einzubinden.
Es ist ein Muster, das dem Paar an der Spitze Europas wohlvertraut ist: Er drängt, doch sie will nicht. Sie weiß, dass seine Liebesschwüre nur eine Masche sind. „Je t’aime“, flüstert er wie im Lied Serge Gainsbourgs. „Moi non plus“, gibt sie zurück: „Ich dich auch nicht.“
Besonders heftig hatte Sarkozy es am Abend der feierlichen Verabschiedung von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet getrieben, jenem Abend, den er nicht im Kreißsaal bei seiner Frau, sondern mit der Kanzlerin in Frankfurt verbrachte. Eigentlich hatte Sarkozy die Einladung zur Verabschiedung seines Landsmannes ausgeschlagen. Während also in Frankfurt am Nachmittag des 19. Oktober die Herren in dunklen Anzügen, die Damen in eleganter Abendgarderobe im Großen Saal der ehrwürdigen Alten Oper Platz nahmen, begleitete Sarkozy in Paris seine hochschwangere Frau in die Entbindungsklinik La Muette.
Der Präsident trug selbst das dunkle Lederköfferchen, in dem sich feinste Babywäsche vermuten ließ, und reichte seiner Gattin galant den Arm. In Frankfurt lobten derweil Europas Würdenträger die Verdienste des scheidenden EZB-Präsidenten. Eine Rede folgte der anderen, zuletzt sprach Trichet selbst.
Doch dann kam Sarkozy. Die Bundeskanzlerin, die kurz vor ihrem Abflug aus Berlin noch über dessen Blitzauftritt informiert worden war, war wenig erfreut, statt dem Festkonzert mit Claudio Abbado dem französischen Präsidenten zuzuhören. Es wurde eine Zusammenkunft ganz nach Sarkozys Sinn für Dramatik: ein improvisiertes Treffen im linken Seitenflügel der Alten Oper, Europa am Abgrund, das französische Triple A in Gefahr und zu Hause die Frau in den Wehen, kurz: der geeignete Rahmen, um mit radikalen Forderungen aufzutreten.
Die EZB, verlangte Sarkozy, müsse endlich erklären, dass sie unbegrenzt Staatsanleihen in Bedrängnis geratener Staaten kaufe. Die Kanzlerin glaubte ihrem Dolmetscher kaum: Da kam Sarkozy mit einem Vorstoß, den sie schon längst verworfen hatte. Zwischen Trichet und Sarkozy wurde es laut. Irgendwann vibrierte in der Anzugstasche des Präsidenten ein Mobiltelefon: „Chers amis“, wandte er sich an die Runde, „ich bin Vater einer Tochter geworden!“ Die Kanzlerin gratulierte - und blieb unbeeindruckt. Die „Frankfurter Runde“, die soeben ihre Geburtsstunde erlebt hatte, löste sich auf, ohne dass sie dem Drängen Sarkozys nachgegeben hätte.
Eigentlich hätte der Franzose wissen müssen, dass er mit solcher Überrumpelung nicht landen kann. Seit mehr als vier Jahren sind die kühle norddeutsche Protestantin mit dem Ideal der schwäbischen Hausfrau und der sprunghafte, heißblütige Franzose nun schon das unwahrscheinliche Paar an der Spitze Europas.
Was man im mecklenburgischen Pfarrhaus über den fernen Nachbarn Frankreich dachte, darüber ließ sich Angela Merkels Vater Horst Kasner einmal am Rande eines Vortrags aus: In Frankreich sei doch das ganze politische Personal korrupt, man könne dort nichts werden, ohne eine Mätresse zu haben, und im Übrigen werde ständig gestreikt, ein chaotisches Gemeinwesen. Sarkozy dagegen bekundete einmal sein Befremden über deutsche Korrektheit, Ordnungssinn und den Mangel an „savoir vivre“. In Frankfurt, der Stadt des Großkapitals, fühle er sich „terrorisiert“. Sein Trauzeuge Nicolas Bazire sagt: „Als Franzose der Nachkriegsgeneration ist Sarkozy mit dem ständigen Vergleich zu Deutschland groß geworden. Was macht Deutschland anders, was macht es besser? Aber vergleichen bedeutet nicht lieben.“
Schon als sich Sarkozy zum ersten Mal um das höchste Staatsamt bewarb, sprach er davon, das deutsch-französische Gleichgewicht wiederherstellen und den Niedergang Frankreichs aufhalten zu wollen. Es ist bis heute sein Thema geblieben. Im Verhältnis zu Deutschland setzte er von Anfang an auch auf Symbolpolitik und warb demonstrativ um die Gunst der spröden Kanzlerin: Anders als seine Vorgänger, die nach ihrer Wahl die Bundeskanzler zu sich kommen ließen, zog er noch am Tag seiner Amtseinführung im Mai 2007 nach Berlin, um Angela Merkel seine erste Aufwartung zu machen: „Die deutsch-französische Freundschaft ist unser teuerstes Gut!“
Das betont herzliche Verhältnis zu „Anschela“ wollte der neue Präsident prompt als politischen Freibrief nutzen. Kurz vor dem französischen Nationalfeiertag im Juli 2007 lud er sich selbst in die Sitzung der europäischen Finanzminister ein, um zu verkünden, dass Frankreich seine Defizitziele vorerst nicht einzuhalten gedenke. Überhaupt sei die straffe Haushaltsdisziplin ökonomischer Unfug, Europa brauche Wachstum. Die Bundeskanzlerin ließ ihren Finanzminister Steinbrück entgegnen, mit forschen Worten, dass sie davon gar nichts halte. „Wie können Sie in diesem Ton mit dem Präsidenten der Republik sprechen?“, herrschte Sarkozy zurück. Aber Angela Merkel weigerte sich, ihren Finanzminister zurechtzuweisen, wie es der Präsident verlangte.
Langsam festigte sich die Rollenverteilung: „He, Angela, komm mal her! Zwischen uns sind doch Flitterwochen, honeymoon!“, rief Sarkozy ihr im Dezember 2007 bei einem EU-Gipfel in Lissabon zu. Und ihre Antwort: „Nein, nein, wir kooperieren, das ist alles.“ Als sie im Mai 2008 mit dem Aachener Karlspreis geehrt wurde, hielt Sarkozy die Laudatio. Im Krönungssaal des Rathauses sprach er über das Erbe Karls des Großen, die deutsch-französische Freundschaft, die historische Verantwortung. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Sollte er die einmalige Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen? Sarkozy legte das Redemanuskript beiseite und hob zu einer überschwänglichen Liebesbeichte an die „mutige, intelligente Frau“ an. Unglaubwürdig? Peinlich? Ihm egal. „Ich liebe Angela Merkel!“ Herr Merkel - gemeint war Joachim Sauer - möge nicht alles glauben, was in der Presse steht. „Wir sind ein harmonisches Paar!“ In zwölf Monaten habe er „Angela“ zwölfmal getroffen - vielleicht häufiger als ihr Ehemann? „Herr Merkel, ich bin bereit zum Vergleich!“ Sarkozys Berater wanden sich, die derart Besungene wahrte, wie immer, mühelos die Contenance.
Dann kam die Krise. Und für Sarkozy war klar: Nun waren rasches Handeln und eine straffe Führung angesagt. Er forderte ein französisch-deutsches Direktorium, „denn in einer solchen Krise brauchen wir eine überschaubare Exekutive“. Doch die Angebetete wollte nicht. Kein Direktorium, kein Kerneuropa und kein rasches Handeln.
„Action Man“ traf auf „Madame Non“. „Frankreich arbeitet an weiteren Maßnahmen, Deutschland denkt darüber nach“, kommentierte Sarkozy verächtlich. „Wir handeln und denken parallel“- gab Merkel zurück. Um sie zu erweichen, lud er sie ins Allerheiligste, in die Villa Montmorency im vornehmen 16. Arrondissement der Hauptstadt, ins Reich seiner Frau Carla Bruni zum Mittagessen.
In ihrem sonnenlichtdurchfluteten Wohnzimmer steht ein Steinway-Flügel, eine Gitarre lehnt dagegen, moderne Möbel und kostbare Antiquitäten verströmen großbürgerlichen Wohlstand. Aber es wurden keine sinnlichen Chansons mit den frechen Texten gesungen, („Pass auf dich auf, ich bin Italienerin“), die La Bruni in Frankreich berühmt machten. Die Kanzlerin zeigte sich ungerührt von der erlesenen Herzlichkeit ihrer Gastgeberin. Sarkozy erzählte einem Berater, er sei sich vorgekommen wie der junge Jacques Chirac, als dieser vergeblich die „Eiserne Lady“ Thatcher umwarb.
Die Krise schweißt die beiden zusammen, aber sie schenken einander nichts. Wenn sie sagt, sie habe ein schwieriges Parlament, antwortet er, er habe ein schwieriges Volk. Der Wahlkämpfer Sarkozy schwört inzwischen auf das „deutsche Modell“, er denkt in Kategorien der deutschen Stabilitätskultur. Dafür hat die Bundeskanzlerin das Tabu einer europäischen Wirtschaftsregierung gebrochen. „Die Form französisch, der Inhalt deutsch“, heißt es in Berlin. Auch die gemeinsamen Auftritte haben sich verändert. Früher war die Anspannung mit Händen zu greifen. Wenn er sprach, fürchtete sie, von ihm in die Enge getrieben und vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Reglos stand sie da, und wenn er gar nicht zum Punkt kam, konnte es sein, dass sie ungeduldig mit den Fingern auf das Stehpult zu trommeln begann.
Jetzt begleitet sie seine wortreichen Ausführungen und zappelige Gestik bisweilen mit geradezu mütterlicher Ironie. Sie kennt ihn. Sie ziehen an einem Strang. Vor allem, wenn es um die ungezogenen Kinder geht: Auf die Zuverlässigkeit des damaligen italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi angesprochen, antwortete Sarkozy auf einer Pressekonferenz im Oktober mit einem Grinsen, das sich immer mehr in die Breite zog. Er wandte sich zu ihr. Langsam drehte sie ihren Kopf in seine Richtung, wartete einen Moment und erwiderte mit einem mädchenhaften Lächeln, das noch um ihre Mundwinkel spielte, als sie wieder ins Publikum blickte: eine Demonstration der Einigkeit.
Italien tobte. Doch das Paar zog neue Saiten auf. Wie strenge Eltern knöpften sich Vater und Mutter „Merkozy“ vor dem G-20-Gipfel in Cannes den griechischen Ministerpräsidenten vor, der es gewagt hatte, sein Volk zu weiteren harten Sparmaßnahmen befragen zu wollen. Bei der nächtlichen Pressekonferenz ließen die beiden keinen Zweifel daran, dass es für Papandreou ein ungemütliches Abendessen war. Sie hatten ihm nicht nur das Datum, sondern auch die Frage für das Referendum diktiert. Ein Journalist beschrieb in einer Frage das deutsch-französische Paar als „brutales Direktorium“. Sarkozy antwortete sinngemäß: Wer zahlt, bestimmt. Das hätte auch von der Kanzlerin kommen können.
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politisches Projekt?
Jörg Addicks (JADH)
- 21.11.2011, 20:26 Uhr
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eduard kramer (illampu)
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Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 21.11.2011, 18:05 Uhr
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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