21.08.2011 · Vor wenigen Wochen noch schwelgte Deutschland im Glück guter Wirtschaftszahlen. Doch plötzlich brechen die Aktienkurse ein und erste Ökonomen warnen vor der nächsten Rezession. Kommt jetzt der tiefe Fall?
Von Lisa Nienhaus und Winand von PetersdorffAm Donnerstagabend erfasst den Frankfurter Fondsmanager die nackte Panik. Es sind nicht die mauen Konjunkturdaten aus aller Welt, die den alten Hasen erstarren lassen, es ist die kleine Meldung, Finnland habe sich für die Teilnahme am europäischen Rettungsfonds ein Pfand von Griechenland ausbedungen: Geld. Weil dieses nur aus dem Rettungsfonds fließen kann, hat sich das Land de facto aus der europäischen Seilschaft verabschiedet.
Könnte es sein, dass jetzt das ganze Rettungspaket wieder aufgeschnürt werden müsste? Droht die Gefahr, dass Finnland Nachahmer animiert? Und würden die verbliebenen Zahlerländer wie Deutschland und Frankreich nicht langsam selbst an die Grenze ihrer Kraft geraten? Der Finanzprofi ging mit düsteren Gedanken ins Bett. Am Freitag dann kleine Seufzer der Erleichterung. Die Europäische Zentralbank kauft wieder Staatsanleihen, die Märkte beruhigen sich etwas.
Doch für wie lange? Die Infusionen bringen Linderung, allerdings keine Heilung. Und jede kleine miese Nachricht hat inzwischen das Potential, die Börsen zu erschüttern. Angst regiert von New York bis Frankfurt, jegliche Gelassenheit ist verflogen. Die Kursen der Aktien und Anleihen hüpfen fast so nervös auf und nieder wie nach dem Attentat auf das New Yorker World Trade Center vor zehn Jahren. „Diese dramatische Volatilität ist ein Zeichen für extreme Unsicherheit“, sagt der britische Stanford-Professor Nicholas Bloom. Ein anderer Indikator ist die Häufigkeit des Wortes „Unsicherheit“ in Presseberichten: Die ist so hoch wie lange nicht, so Bloom.
Die Unsicherheit hat spürbare Folgen: Bloom hat 16 sogenannte Unsicherheits-Schocks an den Kapitalmärkten untersucht von der Kuba-Krise über die Ermordung John F. Kennedys bis zu den Golfkriegen, der Finanzkrise und jetzt dem Staatsschulden-Drama. „Eines lässt sich mit Sicherheit sagen, die Schocks führen zu schweren kurzfristigen Rezessionen.“ Während die Kapitalmärkte ihr Tief gewöhnlich sechs bis acht Wochen nach dem Schock erreichen, erholen sich die Volkswirtschaften nach neun bis zwölf Monaten.
Der Zusammenhang zwischen Verunsicherung und Rezession ist nahezu trivial: Verunsicherte Menschen sind paralysiert. Sie kaufen erst mal kein neues Auto, keinen Fernseher und keine Schrankwand. Unternehmen, die unsicher über ihre Aussichten sind, stellen Einstellungen zurück und legen sich keine neuen Maschinen zu. Aufträge kann man schnell stornieren, das ist die Erfahrung aus der Finanzkrise, als sich die Bestellungen in der deutschen Industrie im November 2008 fast halbierten.
Vollbeschäftigung am Horizont
Bloom sagt vor diesem Hintergrund für die letzten Monate dieses Jahres einen Einbruch von einem Prozent voraus, sowohl für Europa als auch für die Vereinigten Staaten. Deutschland, so der Ökonom, könne sogar noch stärker betroffen sein, weil die Volkswirtschaft vom Export hochwertiger Wirtschaftsgüter lebt.
Aber kann das sein? Wenn Bloom recht hat, verflüchtigt sich die deutsche Vorstellung, Börsenturbulenzen haben mit der Realwirtschaft nichts zu tun. Mit diesem Gedanken hatte sich Deutschland angefreundet. Und bis jetzt geht es dem Land blendend trotz Euro-Krise: Maschinenbau, Autohersteller und die Chemieindustrie bejubeln ihre Auftragslage. In den Fabriken werden Überstunden gefahren, die einzige Klage gilt vor allem dem Fachkräftemangel. Und Wirtschaftsforscher sahen schon Vollbeschäftigung am Horizont. Selbst als erste Indikatoren nach unten wiesen, wie der Einkaufsmanager-Index und das BIP fürs zweite Quartal, schwelgte das Land noch selig im Glück. Zu Unrecht?
Die Angst ist ablesbar
„Von der Faktenlage spricht wenig dafür, dass es jetzt einen großen Konjunktureinbruch gibt“, sagt Clemens Fuest, Finanzwissenschaftler in Oxford. Zwar weisen die Zahlen auf eine Abschwächung des Wachstums hin, aber keinesfalls auf einen Absturz.
Doch er sieht Gefahren: Vor allem die hohe Verschuldung Amerikas und der Eurozone. „Man dachte, die Staatsverschuldung verschwindet von allein, aber dafür war das Wachstum längst nicht groß genug.“
Gefahren lauern auch in den Banken. Die Liquiditätsprobleme im Finanzsektor könnten zurückkehren, fürchtet Fuest. Waren es 2008 die zahlungsunfähigen Privathaushalte, welche die Banken gefährdeten, so sind es nun die zahlungsunfähigen Staaten, die Finanzinstitute ins Wanken bringen können. „Alle haben Furcht vor einem neuen Lehman-Szenario“, sagt Fuest.
Die Angst ist ablesbar: Der Zins, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen ohne Sicherheiten, im Vergleich zum Zins, den sie mit Sicherheiten verlangen, ist in den vergangenen drei Wochen gestiegen. Die Differenz zwischen beiden kletterte im Laufe der vergangenen Wochen zeitweise auf 0,7 Prozentpunkte. Nach der Lehman-Pleite waren es zwar beinahe ganze zwei Prozentpunkte gewesen, doch danach war die Differenz wieder auf 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte geschrumpft.
Die Staaten als letzte Retter
Außerdem nehmen die Banken wieder mehr Kredite der Europäischen Zentralbank in Anspruch, wo sie sich im Notfall immer Geld besorgen können, falls die anderen Banken ihnen keins mehr geben. Es ist offensichtlich: Die Banken misstrauen einander wieder stärker.
Anders gesagt: „Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine Vertrauenskrise, die sich schnell ausbreitet und zum Double Dip führen könnte, zum zweiten Einbruch der Rezession nach 2008“, sagt Fuest. Allerdings sei sie nicht wahnsinnig groß.
Wenn das jetzt eine Vertrauenskrise ist, gibt es mehrere Gründe, wieso diese schneller vorbei sein könnte als 2008. Den Banken geht es deutlich besser. Sie sind viele üble Papiere los und besser mit Kapital ausgestattet. Und die Politik hat ihnen das Ausfallrisiko bei Staatsanleihen abgenommen. Zudem sind die Notenbanken und die Politik wachsamer als einst.
So weit die guten Nachrichten, nun zu den schlechten: Die Staaten als letzte Retter haben ihr Pulver verschossen. „Sie sind nicht mehr stark genug, ganze Bankensysteme retten zu können. Denn sie haben Wahnsinnsschulden“, warnt Fuest. Den zweiten negativen Hinweis steuert Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank, bei: „Was wir seit 2008 sehen, ist keine gewöhnliche Wirtschaftsabschwächung, die durch Überhitzung entstanden ist, wie wir es aus der Nachkriegszeit kennen. Wir sehen eine Bilanz-Rezession, die durch Überschuldung entstanden ist. Sie ist viel gravierender und langwieriger, eher wie in der Weltwirtschaftskrise.“
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Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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