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Euro in Not Eine Krise mit Ansage

18.05.2010 ·  Den Ökonomen wird vorgeworfen, dass sie viele Krisen, etwa die 2008 ausgebrochene Finanzkrise, nicht vorhergesagt haben. Für die Euro-Krise gilt das nicht.

Von Philip Plickert
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Als Otmar Issing zum Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) ernannt wurde, schrieb ihm sein Freund Milton Friedman einen ironischen Brief: "Herzlichen Glückwunsch zu einem unmöglichen Job." Der Chicagoer Ökonom und Nobelpreisträger, einer der einflussreichsten Geldtheoretiker des zwanzigsten Jahrhunderts, hielt es für unmöglich, eine gemeinsame Währung für ein so heterogenes Wirtschaftsgebiet wie Europa zu schaffen. Doch Issing machte das vermeintlich Unmögliche möglich. Ein Jahrzehnt schlug sich der Euro recht wacker. Die EZB hielt die Inflation niedrig, der Außenwert des Euro stieg gegenüber dem Dollar. Friedmans düstere Prognose "Der Euro hält keine zehn Jahre" schien widerlegt.

Heute aber sieht Issing sein Lebenswerk zusammenbrechen. Wenn die sogenannte "No-bail-out"-Klausel verletzt wird, die besagt, dass kein Land für die Schulden anderer Staaten haftet, "legt das die Axt an den stabilitätspolitischen Rahmen der Währungsunion", hat der heute pensionierte EZB-Chefvolkswirt eindringlich gewarnt. Dann gebe es "kein Halten mehr" für das Schuldenmachen auf Kosten anderer (Die Europäische Währungsunion am Scheideweg). Ist es nun so weit mit dem Griechen-"bail-out" und dem 750-Milliarden-Schutzschirm für alle Pleitekandidaten?

Den Ökonomen wird vorgeworfen, dass sie viele Krisen, etwa die 2008 ausgebrochene Finanzkrise, nicht vorhergesagt haben. Für die Euro-Krise gilt das nicht. Während der neunziger Jahre haben vor allem deutsche, aber auch amerikanische Ökonomen vor gravierenden Konstruktionsfehlern der Währungsunion gewarnt. Im Juni 1992, wenige Monate nach den Maastrichter Beschlüssen, protestierten 60 angesehene Ökonomen, darunter der frühere Wirtschaftsminister Karl Schiller, mit dem Manifest "Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe". Es klingt prophetisch angesichts der aktuellen Spannungen (Professoren haben sehr früh gewarnt).

Kein Trick zu billig

Der erste und wichtigste Kritikpunkt lautete: "Eine funktionsfähige Wirtschafts- und Währungsunion erfordert als Vorbedingung eine dauerhafte - über mehrere Jahre hinweg nachgewiesene - Angleichung der relevanten Wirtschaftsstrukturen der Mitgliedsländer." Das war nicht der Fall. 1998 veröffentlichten 155 deutsche Wirtschaftsprofessoren, darunter Wim Köster, Manfred Neumann, Renate Ohr und Roland Vaubel, den Aufruf "Der Euro kommt zu früh". Die Politik ignorierte diese letzte Warnung. Sie wollte die Währungsunion möglichst schnell und möglichst groß beginnen.

Um die Konvergenzkriterien punktgenau zu erfüllen, war einigen Ländern kein Trick zu billig. Von einer dauerhaften Konvergenz der Euro-Volkswirtschaften konnte keine Rede sein. Im Gegenteil: Seit der Euro-Einführung vergrößerte sich der Abstand in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen (Deutschland, Österreich und Niederlande) und jenen wie Griechenland, Portugal und Spanien, die steigende Defizite aufwiesen, also zu wenig Exportkraft hatten, um ihren Import zu bezahlen.

Vor Einführung des Euro konnten die Drachme, der Escudo und die Pesete abgewertet werden, wenn die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gelitten hatte. So ließen sich die negativen Auswirkungen zu hoher Lohnsteigerungen kaschieren. In der Währungsunion fiel dieses Ventil weg. In den ersten Jahren erlebten sie eine Sonderkonjunktur durch niedrigere (real negative) Zinsen, doch die Konjunkturkrise legte ihre Wettbewerbsschwäche schonungslos offen.

Völlig richtig war daher die frühe Warnung der 60 Ökonomen: "Die ökonomisch schwächeren europäischen Partnerländer werden bei einer gemeinsamen Währung einem verstärkten Konkurrenzdruck ausgesetzt, wodurch sie aufgrund ihrer geringeren Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit wachsende Arbeitslosigkeit erfahren werden. Hohe Transferzahlungen im Sinne eines ,Finanzausgleichs' werden damit notwendig."

Schlechte Erfahrungen, perverse Anreize

Angesichts der schlechten Erfahrungen und perversen Anreize des deutschen Länderfinanzausgleichs, der Milliarden verschlingt, wollte kaum ein Ökonom sich eine solche Umverteilungsmaschine auf EU-Ebene vorstellen. Mit dem großen Rettungsschirm und der Verletzung der "No-bail-out"-Klausel ist der Einstieg in eine europäische Transferunion vollzogen. Zahlmeister werden wieder die Deutschen sein (Die Deutschen und der Euro: In Haftung)

Auch aus den Vereinigten Staaten blickte eine Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler in den neunziger Jahren sehr skeptisch auf das Euro-Projekt. Der MIT-Ökonom Rudiger Dornbusch hat die typischen Aussagen seiner amerikanischen Kollegen über den Euro so zitiert: "It can't happen. It's a bad idea. It won't last." Anfang dieses Jahres, als der Euro noch in ruhiger See schien, hat der Ökonom Lars Jonung von der EU-Kommission unter diesem Titel die vermeintlichen Irrtümer der Euro-Debatte analysiert.

Die amerikanischen Ökonomen waren deshalb so skeptisch, weil sie die Euro-Idee an der Theorie des optimalen Währungsraumes maßen. Was darunter zu verstehen ist, hat der spätere Nobelpreisträger Robert Mundell 1961 in der "American Economic Review" dargelegt: Da in einer Währungsunion keine Wechselkursänderungen möglich sind, müssen Anpassungen anders erfolgen - durch flexible Güterpreise, flexible Arbeitsmärkte und eine hohe Mobilität der Arbeitnehmer. Nur bei ausreichender Elastizität liegt ein optimaler Währungsraum vor.

Was taugt die Theorie des optimalen Währungsraums?

Das heterogene Europa ist offenbar keiner. Zum Beispiel ist die Arbeitnehmermobilität wegen der Sprach- und Kulturgrenzen gering. Obwohl die Arbeitslosenquote in Spanien auf 20 Prozent gestiegen ist (Jugendarbeitslosigkeit über 40 Prozent), ziehen die Iberer eben nicht massenweise nach Holland oder Österreich, wo es trotz Krise nur 5 Prozent Arbeitslosigkeit gibt. Die Anpassung ist schwierig. Weil das Ventil einer Abwertung versperrt ist, müssen die Südländer - vor allem Griechenland, Portugal und Spanien - intern abwerten, also Löhne und Preise senken. Aber führt das nicht in eine zerstörerische Deflationsspirale?

Nach Ansicht von Jonung ist die Theorie des optimalen Währungsraums ungeeignet, um Europas Experiment zu beurteilen. Ein optimaler Währungsraum sei nicht von Anfang an gegeben, sondern entstehe erst, wenn sich die Volkswirtschaften unter einem gemeinsamen Währungsdach angleichen. Wie fraglich diese Hypothese ist, zeigt die aktuelle Krise.

Manifest von 60 Ökonomen: „Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe“, F.A.Z., 11. Juni 1992

Aufruf von 155 Wirtschaftswissenschaftlern: „Der Euro kommt zu früh“, F.A.Z., 9. Februar 1998

Lars Jonung und Eoin Drea: Euro Symposion: It Can't Happen, It's a Bad Idea, It Won't Last: U.S. Economists on the EMU and the Euro, 1989-2002. Econ Journal Watch, Januar 2010

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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