31.12.2011 · Ein Ideenwettbewerb des britischen Lords Simon Wolfson soll in Großbritannien die Frage klären, wie die europäische Währungsunion aufgelöst werden kann. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung macht einen Vorschlag.
Von Patrick BernauEines ist klar: Der Ausstieg muss plötzlich kommen. Würde etwa vorab bekanntwerden, dass die Griechen zur Drachme zurückkehren, würden die Leute ihr Geld von den griechischen Banken abheben und nach Deutschland bringen. Das würde die Banken in beiden Ländern destabilisieren. Deshalb muss alles an einem verlängerten Wochenende passieren, zum Beispiel von Karfreitag bis Ostermontag.
Bislang ist ein Euro-Austritt in den EU-Verträgen nicht vorgesehen. Das lässt sich ändern. Dazu gibt es das sogenannte „vereinfachte Vertragsänderungsverfahren“: Es erlaubt den Regierungschefs, die Regeln im Vertrag zu ändern, ohne dass alle Parlamente in der Eurozone einzeln darüber abstimmen müssen. Zuerst beschließen die Regierungschefs eine Austrittsklausel für die Währungsunion, dann können die betroffenen Länder ihren Austritt tatsächlich erklären.
Ein anderer Weg ist nicht zu empfehlen. Die EU-Verträge sollten nämlich so weit wie möglich eingehalten werden. Sonst wird alles noch teurer. Das zeigt die Erfahrung der deutschen Währungsreform von 1948: Nach Währungsumstellungen ziehen viele Menschen vor Gericht. Und wenn die Richter dann keine rechtmäßige Grundlage für den Euro-Ausstieg sehen, drohen den Staaten zusätzlich zu den anderen Kosten noch Milliarden an Schadensersatzforderungen.
Das bedeutet: Der vereinfachten Vertragsänderung müssen alle EU-Staaten zustimmen. In der Praxis wird ein Ausstieg Deutschlands darum schwierig. Leichter ließe sich eine Zustimmung für den Ausstieg der Peripheriestaaten finden - oder für die komplette Abschaffung des Euro. Griechenland alleine sollte nicht austreten, das wäre zu riskant. Niemand würde mehr glauben, dass die Währungsunion in ihrer neuen Form Bestand hat. In Italien, Portugal und Co. könnte sofort Panik ausbrechen, weil die Menschen dort um ihren Euro fürchten. Deshalb muss gleichzeitig ein neues, glaubwürdiges Währungssystem geschaffen werden- zum Beispiel der „Nord-Euro“.
Nachdem der Euro-Ausstieg angekündigt ist, müssen die EU-Staaaten für kurze Zeit die Kapitalverkehrsfreiheit einschränken. Grenzüberschreitende Zahlungen werden aufgehalten, bis die Konten umgestellt sind und sich an den Währungsmärkten neue Wechselkurse gebildet haben. Das geht schnell.
Das größte praktische Problem ist das Bargeld. Die EU-Bürger werden nämlich versuchen, möglichst viele Euro-Scheine aus den Peripheriestaaten in die starken Länder zu bringen, um sich die stärkere Währung zu sichern. Um das zu verhindern, dürfen nur noch kleine Bargeldbeträge über die Grenze gebracht werden. Das ist unpraktisch für Reisende, aber Reisen werden ohnehin zunächst unattraktiv. Schließlich bilden sich an den Grenzen lange Schlangen, weil die Grenzbeamten jeden Koffer und jeden Menschen sorgfältig nach Geldscheinen durchsuchen müssen.
Die Kontrollen bleiben so lange in Kraft, bis sich deutsches von griechischem Bargeld unterscheiden lässt. Dazu sind neue Scheine nötig.
Diese Scheine könnten aus der Schweiz kommen, wenn die Notenbanken auf die Schweizer Verschwiegenheit vertrauen und dort rechtzeitig Scheine in Auftrag geben. Die Notenbanker könnten aber auch eine sogenannte „Ersatzwährung“ nutzen. Das ist ein kompletter Satz an neuen Banknoten, der für Notfälle eingelagert ist. Die Bundesbank hatte so eine Ersatzwährung während des Kalten Krieges - so hätte sie die Scheine schnell austauschen können, wenn der Ostblock Deutschland mit gefälschten Scheinen überschwemmt hätte. Im Euroraum gibt es so eine Ersatzwährung heute nicht mehr, sagen zumindest die Notenbanken - vielleicht würde aber ein anderes Land, das seine Ersatzwährung noch hat, sie verkaufen. Zur Not bleibt die Lösung, die alten Scheine mit möglichst fälschungssicherer Tinte zu stempeln.
Die Umtauschfrist endet deutlich schneller als bei der Einführung des Euro: schon nach rund drei Wochen. Wer danach noch alte Euro übrighat, muss beim Umtausch nachweisen, woher das Geld stammt. Trotzdem sollte die Frist nicht verlängert dauern - denn dann können die Grenzkontrollen rasch wieder aufgehoben werden.
Neue Scheine braucht auch Deutschland, selbst dann, wenn das Land den Euro behält. Andernfalls würden aber die Griechen ihre Scheine so lange horten, bis die Grenzkontrollen vorbei sind, und sie dann nach Deutschland bringen. Ginge es nur um Griechenland, wäre dies noch verkraftbar - aber nicht, wenn mehrere Länder austreten. Dann hilft nur, auch im Rest-Euroraum neue Euro-Scheine zu verteilen.
Mit den neuen Geldscheinen funktionieren die alten Automaten anfangs nicht. Das ist verschmerzbar, weil große Beträge inzwischen meist mit Karte bezahlt werden. Die EC-Karten umzustellen ist wiederum recht einfach. Schließlich müssen - anders als bei der Euro-Einführung- keine Währungen parallel geführt werden. Nicht mal die Beträge müssen umgerechnet werden, weil jedes Land mit einem Wechselkurs von eins zu eins in seine neue Währung starten kann.
Die organisatorischen Fragen sind also lösbar. Doch das ist das kleinere Problem. Größere Schwierigkeiten rühren daher, dass der Wechselkurs zwischen den neuen Währungen nicht bei eins zu eins bleiben wird. Wenn das Geld zwischen den EU-Staaten frei fließen soll, müssen auch die Kurse der neuen Währungen flexibel sein. Wo sich die Kurse einpendeln, ist schwer vorherzusagen. Klar ist: Einerlei, wer aus dem Euro aussteigt - die deutsche Währung wird nach dem Bruch an Wert gewinnen, die griechische an Wert verlieren.
Das führt zu enormen Umwälzungen. Der Ausstieg wird manchen Leuten satte Gewinne bringen, anderen herbe Verluste. Wie sich die Verluste verteilen, hängt vor allem von einer Entscheidung ab: in welche Währung die vielen zwischenstaatlichen Kredite, Guthaben und Lieferverträge umgerechnet werden. Dafür muss eine Expertengruppe schon vor dem Ausstieg detaillierte Regeln vorbereiten- ausgehend von einer einfachen, klaren Grundregel: Die neue Währung von Verträgen, Krediten und Guthaben richtet sich nach ihrem Gerichtsstand, der üblicherweise in den (Kredit-)Verträgen festgehalten wird.
Da diese Verträge nicht öffentlich sind, lässt sich vor der Umstellung nicht ermitteln, wie sich Gewinne und Verluste verteilen. Tendenzen sind aber schon deutlich. Deutsche Firmen und Banken werden viel Geld verlieren. Denn sie haben ihre Kredite oft in Deutschland aufgenommen, müssen also in starker Währung zurückzahlen. Ein Teil ihres Besitzes - an Staatsanleihen oder Tochtergesellschaften - liegt dagegen in den Peripheriestaaten und wird künftig weniger wert sein.
Es trifft aber nicht nur die deutschen Firmen. Viele Unternehmen in der EU beschaffen sich ihre Kredite zentral über eine eigene Finanzierungstochterfirma, die ihren Sitz häufig in den Niederlanden hat- und die niederländische Währung wird nach der Umstellung tendenziell aufwerten. Auch diese Kredite werden also in starker Währung zurückgezahlt werden müssen.
Das erleichtert die Umstellung für die Kreditgeber, letztlich also für die EU-Bürger, deren Geld in Fonds und Versicherungen liegt und von denen an die Firmen ausgeliehen worden ist. Sie machen relativ wenig Verlust, können sicher sein, dass sie ihr Geld in „harten“ Euro zurückerhalten. Dagegen werden viele Firmen und Banken horrende Verluste hinnehmen müssen, weil ihre Schulden hart bleiben, ihre Guthaben aber häufig in der Peripherie liegt. Einige geraten an den Rand der Existenz.
Also wird für den Euro-Ausstieg noch einmal ein riesiger Rettungsschirm nötig, um die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu retten - je mehr Länder aus dem Euro aussteigen, desto teurer wird es. Für die ganze Eurozone werden die Gesamtkosten in Billionen zu beziffern sein; Genaueres lässt sich nicht sagen. Diese Last wird sich noch lange in den Staatshaushalten niederschlagen, zumindest die Zinsen für die vielen zusätzlichen Staatsschulden.
Starken Staaten - Deutschland zum Beispiel - drohen sogar noch weitere Verluste. Das liegt paradoxerweise daran, dass in den vergangenen Monaten schon viel Geld aus den Peripheriestaaten zu deutschen Banken geflossen ist. Das Geld liegt jetzt als Guthaben bei den Banken. Dieses Guthaben wird im Euroraum (im sogenannten „Target II“-System) zunächst von der Notenbank des entsprechenden Landes finanziert, in Deutschland ist das die Bundesbank. Im Gegenzug bekommt die Bundesbank ein Guthaben bei den anderen Notenbanken. Wenn sich die Eurozone auflöst, verliert dieses Guthaben enorm an Wert - im Moment geht es allein für Deutschland um rund 500 Milliarden Euro. Zwar müsste die Bundesbank das Geld nicht vom Finanzminister überwiesen bekommen, sie könnte ihm aber auch jahrelang keine Gewinne mehr zurückzahlen.
Leichter geht es nicht, das zeigt ein Blick in die Geschichte. Währungsunionen sind in den vergangenen Jahrzehnten nur in sozialistischen Staaten ohne größere Reibungen aufgelöst worden, zum Beispiel beim Ende der Sowjetunion oder der Tschechoslowakei.
In einer Marktwirtschaft wird der Ausstieg zumindest am Anfang viel Angst auslösen. Schon das allein wird die Wirtschaft ins Stocken bringen. Umso wichtiger ist es, dass die Regierungschefs den Ausstieg rhetorisch gut verkaufen und nicht als Bruch der Europäischen Union vermarkten. Kanzlerin Angela Merkel sollte die Schuld am Ende des Euro auf die Finanzmärkte schieben. Dann sollte sie die EU zur „Friedensunion“ erklären, die künftig stärker in internationalen Verhandlungen präsent sein wird und dort nebenbei die Interessen der europäischen Staaten vertritt. Denn das alles hängt nicht an einer Währung.
Was also sagen wir dem Lord? Der Ausstieg wird zwar schwierig und teuer, aber er ist möglich. Ob sich die Prozedur lohnt, hängt davon ab, wie man die Kosten der Euro-Rettung bewertet - also die teure Alimentierung von Staaten und den Unfrieden zwischen den Völkern, der heute schon aufkeimt. Eines ist klar: Die Währungsunion ist nicht alternativlos.
Der Aufruf kommt ausgerechnet aus Großbritannien: Wer hat das beste Konzept zum Ausstieg aus dem Euro? 250.00 Pfund hat der britische Manager und Oberhausabgeordnete Simon Wolfson, Baron von Aspley Guise, ausgelobt. Einsendeschluss ist der 31. Januar 2012; den Preis vergibt eine Jury aus angesehenen Wissenschaftlern.
Dieser Artikel wird nicht eingereicht. Dennoch haben wir ernsthaft versucht, einen gangbaren Weg vorzuschlagen - unbeschadet der Frage, ob der Ausstieg wünschenswert ist. Viele haben uns bei der Recherche geholfen - unter anderen Hans-Peter Burghof (Uni Hohenheim), Kai Carstensen (Ifo-Institut), Andreas Fischer-Appelt (FischerAppelt), Paul de Grauwe (KU Leuven), Sascha Haghani (Roland Berger), Dirk Müller-Tronnier (Ernst & Young), Andreas Pfingsten (Uni Münster), Joachim Scheide (IfW Kiel), Helmut Siekmann (Uni Frankfurt) und Hans-Joachim Voth (Universität Pompeu Fabra Barcelona). Allen, auch den hier nicht Genannten, dankt die Sonntagszeitung.
Kommentar der Realität
Peter von Katow sen. (Katow)
- 02.01.2012, 13:54 Uhr
Herr Gerlach, Ihr Beitrag ist klar und schlüssig,
Rudolf Zeiler (R.Zeiler)
- 02.01.2012, 11:02 Uhr
Weder nötig noch sinnvoll
thomas gerlach (ErnstLudwig)
- 02.01.2012, 06:57 Uhr
Aber gewiß doch: der Euro-Ausstieg kommt!
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 01.01.2012, 23:41 Uhr
An die, die es immer gewusst haben
Closed via SSO (Morrissey)
- 01.01.2012, 22:25 Uhr