Home
http://www.faz.net/-gqu-6m5c3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Schuldenkrise Der späte Sieg des Terrors

18.08.2011 ·  2001 flogen Flugzeuge ins World Trade Center. Der Anschlag hat die Schuldenkrise mit heraufbeschworen. In der Reaktion auf den Terror geschahen fatale wirtschaftliche Fehler. Die Folgen halten die Welt bis heute in Atem.

Von Patrick Bernau
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (24)

Als am 11. September vor zehn Jahren die Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center flogen, da wollte der Terrorist Usama Bin Ladin nicht nur möglichst viele Menschen töten. Er hatte auch ein zweites Ziel. „Unsere Mission ist, Amerika bis zum Bankrott auszubluten“, sagte er in einem später aufgetauchten Video.

Zehn Jahre nach den Anschlägen ist Usama Bin Ladin tot. Und die Welt hält zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Bankrott Amerikas nicht mehr für vollständig ausgeschlossen. Amerika und die ganze westliche Welt stecken in der tiefsten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, und Usama Bin Ladin hat sie mit seinen Anschlägen zum Teil ausgelöst. Für die Schuldenkrise, in der die Welt versinkt und die allerorten Schrecken erzeugt, ist er mit verantwortlich.

Natürlich kann ein Mann allein nicht die ganze Weltwirtschaft in Gefahr bringen. Dazu müssen viele Leute Fehler machen. Auch die Finanzkrise hatte viele Ursachen und Schuldige. Zum Beispiel spekulativ veranlagte Banker, die nicht auf ihre Risiken achteten. Unvorsichtige Regulierer, die nicht ordentlich hinschauten. Und gierige Hauskäufer, die sich immer weiter verschuldeten. Aber einer der wichtigsten Fehler, die Finanzkrise und Schuldenkrise möglich machten, geschah nach dem 11. September 2001.

Eine Woche nach den Anschlägen senkte die Notenbank die Zinsen

Der September 2001 war aus Usama Bin Ladins Sicht kein schlechter Zeitpunkt, um die amerikanische Wirtschaft ins Chaos zu stürzen. Die Vereinigten Staaten waren ohnehin verunsichert. Gerade war die New-Economy-Blase geplatzt, die Aktienkurse waren bereits tief gesunken, die Konjunktur war flau.

Alan Greenspan leitete damals die amerikanische Notenbank, und er reagierte, wie er es zuvor schon häufig getan hatte: Er senkte die Zinsen tief und steuerte so der Rezession entgegen. Das beruhigte die Finanzmärkte, weil es den Banken erlaubte, günstig neues Geld zu leihen, das sie verleihen oder anlegen konnten. So stiegen die Kurse, und die Banken machten Gewinne. Dieses Vorgehen hatte schon einen eigenen Namen bekommen: Für die Banken war es der sogenannte „Greenspan-Put“, benannt nach der „Put-Option“, die es Spekulanten erlaubt, ihre Wertpapiere auch bei einem Kurssturz ohne große Verluste loszuwerden.

Die „Greenspan-Puts“ funktionierten einigermaßen, solange Greenspan die Zinsen nach der Krise immer wieder erhöhte. Dabei ähnelte seine Geldpolitik einer anerkannten Regel der Notenbanken, der sogenannten „Taylor-Regel“, die aufzeigen soll, welche Zinsen theoretisch sinnvoll sind. Oft war Greenspan sogar noch etwas schärfer. Auf diese Weise war die Wirtschaft über die Jahre aufgeblüht. Fachleute lobten seine Politik, und selbst Bob Woodward, der kritische Journalist, der in der Watergate-Affäre Richard Nixon zu Fall gebracht hatte, arbeitete Anfang September 2001 an einer Lobeshymne auf Alan Greenspan in Buchform, die später unter dem Titel „Maestro“ erschien.

Der 11. September allerdings änderte die Lage. Die Anschläge hatten Amerika tief getroffen und extrem verunsichert. „Manchmal schienen die schlechten Nachrichten kein Ende zu nehmen“, so erinnert sich Greenspan selbst einige Jahre später in seinen Memoiren. Eine Woche nach den Anschlägen senkte er die Zinsen außerplanmäßig, zwei weitere Zinssenkungen folgten innerhalb von drei Monaten - bis die Zinsen auf dem niedrigsten Stand in 40 Jahren angekommen waren. Greenspans Maßnahmen wirkten, die Wirtschaft drehte sich schnell. Schon im folgenden Jahr wuchs sie wieder ein bisschen. Doch Greenspan sah hohe Arbeitslosenzahlen und eine verstörte Nation, er traute der Erholung nicht. „Obwohl die Wirtschaft sich 1,6 Prozent Wachstum erkämpfte, war sie deutlich angeschlagen“, glaubte Greenspan. Und während die Taylor-Regel für Notenbanken schon Anfang 2002 zeigte, dass der Leitzins wieder steigen müsste, hielt Greenspan seine Zinsen niedrig.

Greenspan: „Wir nahmen die Gefahr einer Blase in Kauf“

Wenn die Zinsen zu tief sind, merkt die Notenbank das normalerweise innerhalb weniger Jahre. Banken können sich dann günstig Geld leihen, sie verleihen es ihrerseits an Firmen oder kaufen davon Aktien. So kommt das Geld relativ günstig zu den Firmen, die es investieren können, Arbeitsplätze schaffen und so die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Dann steigen die Löhne und Preise - Inflation entsteht. So geschieht es im Normalfall.

Doch dieses Mal kam keine Inflation. Denn auf der anderen Seite der Welt schickte sich China an, zur Industrienation zu werden. Hunderte Millionen Menschen wollten arbeiten, auch zu niedrigen Löhnen, und die chinesische Regierung hielt ihre Währung künstlich billig. „Die Chinesen haben durch ihren Eintritt in die Weltwirtschaft die Preise niedrig gehalten“, sagt Kai Carstensen, der Chef der Konjunkturabteilung im Ifo-Institut. Die billige Konkurrenz aus China machte es den Firmen in den Vereinigten Staaten schwerer, ihre Waren zu verkaufen, zu investieren und neue Leute einzustellen. Also gab es keine Inflation.

Greenspan ahnte schon damals, dass das schiefgehen könnte. „Wir nahmen die Gefahr in Kauf, dass wir mit den Zinssenkungen eine Blase nähren würden, ein inflationärer Boom irgendeiner Art, um den wir uns später kümmern müssten“, schrieb er schon im Jahr 2007, bevor die Finanzkrise richtig losging. Aber er sah sich in der Zwickmühle. Denn er hatte Angst vor einer lang dauernden Wirtschaftskrise, in der die Preise überhaupt nicht mehr steigen, sondern sinken - eine so genannte „Deflation“, aus der man schwer herauskommt. „Deutschland hat die Inflation im kollektiven Gedächtnis, Amerika eher die Deflation aus der Weltwirtschaftskrise“, sagt Stormy-Annika Mildner, Expertin für amerikanische Wirtschaftspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Dazu kam, dass die Arbeitslosigkeit hoch blieb. Und das war ein zusätzliches Problem für Alan Greenspan - zumal er in seiner Position, anders als die Notenbankchefs in Frankfurt, auch die Arbeitslosigkeit bekämpfen musste. „Amerikaner sind besonders erpicht darauf, dass es wenige Arbeitslose gibt“, sagt SWP-Expertin Mildner. „Denn das Arbeitslosengeld wird dort nicht so lange gezahlt wie in Deutschland.“

Umso wichtiger war es für Greenspan und die Amerikaner, die unmittelbare Rezessionsgefahr mit aller Macht zurückzudrängen. Doch die Folgen dieser Politik waren deutlich schlimmer, als Greenspan angenommen hatte. Denn die Banken fanden einen anderen Verwendungszweck für das billige Geld. Sie finanzierten damit Immobilienkredite für arme Leute, so dass sich bald jeder ein Haus kaufen konnte - wenn auch auf Pump. „Der Konsum brachte die Wirtschaft durch die Malaise nach 9/11, und was den Konsum trug, das waren die Häuser“, stellt Greenspan selbst fest.

So stiegen nicht die Preise im Supermarkt, sondern die für Immobilien, und zwar schneller und schneller in den Jahren 2003 und 2004 - so entstand die Hauspreis-Blase, die im Jahr 2007 platzte und die Finanzkrise verursachte, an deren Folgen die Staaten in der Schuldenkrise noch heute laborieren. „Diese Krise ist viel tiefer geworden als alles, was ich mir vorstellen konnte“, sagte Greenspan nach Beginn der Krise im amerikanischen Kongress.

Bernanke denkt nicht daran, die Zinsen zu erhöhen

Jetzt steckt Amerika in einer tieferen Krise als zuvor. Und der heutige Notenbank-Chef, Ben Bernanke, bekämpft die unmittelbare Krise mit ähnlichen Mitteln wie sein Vorgänger vor zehn Jahren. Die Zinsen hat er auf null gesenkt. Zwischenzeitlich schlug die Taylor-Regel sogar niedrigere Zinsen vor, und weil das nicht geht, druckte Bernanke zusätzliches Geld und kaufte davon amerikanische Staatsanleihen.

Die Taylor-Regel zeigt jetzt wieder nach oben, doch Bernanke denkt nicht daran, die Zinsen zu erhöhen. Zu schlimm ist die Krise, zu groß die Arbeitslosigkeit und zu tief sind die Kursstürze an der Börse. Als es vergangene Woche besonders weit nach unten ging, stemmte er sich gegen den Kurssturz mit dem Versprechen, die Zinsen für die nächsten zwei Jahre niedrig zu halten - aus Angst vor der aktuellen Krise.

Wieder nimmt er spätere Gefahren in Kauf. „Solange das viele Geld in der Welt ist, kann es nichts tun, außer eine andere Blase zu produzieren“, fürchtet Gerald O'Driscoll vom liberalen amerikanischen Cato-Institut, selbst ehemaliger Notenbanker.

Eines allerdings ist dieses Mal anders - und das lässt einen Funken Hoffnung sprühen, dass die laxe Geldpolitik dieses Mal nicht direkt in die nächste Finanzkrise führt. Dieses Mal wirkt China nicht als großer Inflationsverhinderer. „Einiges spricht dafür, dass das vorbei ist“, sagt Ifo-Experte Carstensen. Jetzt verstärkt China die Inflation eher noch. Das billige Geld aus Amerika hebt die Rohstoffpreise in die Höhe, sie lösen in China Inflation aus und bringen die Regierung dazu, ihre Währung aufzuwerten. Das macht chinesische Waren teurer und erlaubt so auch dem Westen eher Lohnerhöhungen. Und weil auch die Ladenpreise für chinesische Waren und Rohstoffe steigen, ist die Inflation in Amerika bereits kräftig gestiegen. 3,6 Prozent verzeichneten die Statistiker dort zuletzt - deutlich mehr, als Amerika in den ersten Jahren nach dem 11. September erlebt hatte.

Vielleicht sieht Ben Bernanke dieses Mal die Inflation im Supermarkt, bevor es zur nächsten Krise kommt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

Jüngste Beiträge

Eine deutsche Bank

Von Gerald Braunberger

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt. Mehr 2