17.05.2010 · Politiker sprechen von einem „Krieg“ gegen den Euro - und blasen zum Kampf gegen Spekulanten. Es geht um die „Generalmobilmachung der Staaten“. Doch wen genau meinen Politiker eigentlich, wenn sie von ihrem Gegner sprechen?
Von Patrick Bernau und Nadine OberhuberDie Zeit der Diplomatie ist offensichtlich vorbei. Auch wenn die Politiker bereits seit Wochen nur noch in voller Gremienstärke tagen und schon ebenso lange wissen, dass sie die neue Krise bei den Staatsschulden nur gemeinschaftlich lösen können - mit dem üblichen Politikgeplänkel hat das, was am Ende solcher Sitzungen steht, längst nichts mehr zu tun. Die Politiker befinden sich im „Krieg“ und sagen das auch so.
Es geht um nichts weniger als um die „Generalmobilmachung der Staaten“, die nun den „Generalangriff auf den Euro“ abwehren müssen. Es geht dabei nicht um die Verteidigung eines einzelnen Landes, sondern gleich um den ganzen Euro-Raum. Für den formieren sich die Politiker aller europäischen Länder zur Wagenburg. Nur geht es diesmal nicht um Landmasse, sondern um Bankmasse und damit um viel mehr: um das Vermögen aller Bürger und um die Wirtschaftskraft des ganzen Kontinents.
Die Lage ist ernst, und deshalb gewinnen auch die Drohgebärden an Schärfe: Die Angreifer würden bald zur Strecke gebracht, notfalls durch eine Neuregelung der Finanzmärkte. So wolle man die Spekulanten ausschalten, die zum Angriff auf den Euro geblasen hätten. Aber wer sind sie überhaupt, die Spekulanten?
Eine gegnerische Gruppe war recht schnell ausgemacht: die Hedge-Fonds. Nachdem sich die Chefs der Branchenriesen im Februar in New York zu einem Abendessen im erlauchten Kreis getroffen hatten und dabei diskutiert haben sollen, wie sie am besten gegen den Euro wetten und daran Geld verdienen könnten, war für die europäischen Staatschefs klar: Die haben sich verbündet. Es war eine Verschwörung der Euro-Gegner.
Nun kursiert auf dem Devisenmarkt weltweit eine Summe von 3500 Milliarden Dollar; allein 1000 Milliarden Dollar beträgt die Summe, die jeden Tag zwischen Euro und Dollar hin und her gehandelt wird. Dass die betreffenden Hedge-Fonds-Chefs alle zusammen aber insgesamt höchstens eine kleinere zweistellige Milliardensumme an Kapital bewegen, entging der Aufmerksamkeit da wohl im Eifer des Gefechts.
Hedge-Fonds setzen den Trend
Oder besser: Es ficht die EU-Politiker nicht wirklich an. Ihre Argumentation lautet nämlich im Gegenzug: Die Hedge-Fonds treiben mit ihren Milliarden trotzdem die Märkte, denn sie erkennen die Defizite der Märkte als Erste und spekulieren dann mit ihren paar Milliarden ihren Niedergang regelrecht herbei. Denn sie setzen einen Trend, dem viele andere Anleger folgen.
Die Hedge-Fonds sind wichtige Akteure in diesem fatalen Spiel um Wohlstand und ihre Macht zudem fast völlig unreguliert. Und, ja: Die Konstruktion des Euro hat Schwächen, die man spekulativ ausnutzen kann, wenn man ein Devisenhändler, Anleihenhändler oder ein großer Fondsmanager mit Computerhandelssystem ist. Außerdem herrscht Einigkeit darüber, dass aufkommende Panik an den Märkten neue Fakten schafft. Sie erhöht die Zinsen, treibt angeschlagene Investoren noch mehr in die Verschuldung und kann letztlich zum Kollaps führen. Alles unbestritten.
Die entscheidende Frage ist nur: An welcher Stelle sollte die Politik sinnvoll zurückschlagen, und welche Angreifer soll sie bekämpfen? Aber das nützt am Ende auch wenig, wenn sie nicht zuerst bei der Konstruktion der Währung und beim Stabilitätspakt endlich eine Verteidigungslinie einzieht.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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