27.08.2011 · Wulff rechnet in Lindau mit den Euro-Rettern ab, junge Ökonomen diskutieren mit den Göttern der Disziplin. Es gibt hohe Theorie und heiße Tänze.
Von Philip PlickertMit einem solchen Donnerwetter hatte am Bodensee niemand gerechnet. Bundespräsident Christian Wulff steht am Pult der Lindauer Inselhalle, vor ihm 17 Wirtschaftsnobelpreisträger, rund 370 junge Ökonomen aus aller Welt und hinten im Saal die internationale Presse. Wulff lächelt in den abgedunkelten Saal, viele erwarten eine präsidial-langweilige Eröffnungsrede. Doch dann kommt das Donnerwetter. Wulff nutzt seine Lindauer Rede für eine Generalabrechnung mit dem Irrungen und Wirrungen in der Finanz-, Schulden- und Euro-Krise. „Wir haben weder die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Wir sehen tatsächlich weiter eine Entwicklung, die an ein Domino-Spiel erinnert: Erst haben Banken andere Banken gerettet, dann haben Staaten Banken gerettet, dann rettet eine Staatengemeinschaft einzelne Staaten. Wer rettet aber am Ende die Retter?“, fragt Wulff.
Im Saal ist es ganz still. Wulff feuert nun eine Breitseite gegen die Europäische Zentralbank (EZB) ab. Deren Staatsanleihekäufe rüffelt er als „rechtlich bedenklich“ und „weit über ihr Mandat hinaus“. Und viele Regierungen hätten den Ernst der Lage noch nicht erkannt: Erst „im allerletzten Moment“ zeigten sie Bereitschaft, Besitzstände und Privilegien aufzugeben und Reformen einzuleiten. Weil sie lange die desolaten Finanzen schleifen ließen, sind die Staaten nun unter Druck. Die Politik ließe sich „am Nasenring“ von Banken, Ratingagenturen und Medien „durch die Manage führen“, rügt Wulff.
Wenig verdeckt kritisiert er, dass die Parlamente kaum noch beteiligt sind an den Entscheidungen. Und generell missfällt ihm, dass auf die geplatzte Kreditblase mit immer neuen Schulden reagiert wird. Das verschiebe nur die Lasten auf kommende Generationen. Zuletzt zitiert er Thomas Jefferson: „Wir haben die Wahl zwischen Sparsamkeit und Freiheit, oder Überfluss und Knechtschaft.“
Eine „Monokultur“ – wie in der Landwirtschaft
Die Rede hat die Ökonomen beinahe gelähmt, erst langsam regen sich Hände zum Beifall. In Lindau geht es diesmal, im vierten Jahr der Finanz- und Schuldenkrise, um Grundsätzliches: Was wäre eine nachhaltige Ökonomik? Was ist die Verantwortung der Ökonomen für die jüngste Krise? Hat ihre Wissenschaft insgesamt geholfen oder versagt? Roger B. Myerson (Nobel-Gedächtnispreis 2007) nimmt die Ökonomenzunft in Schutz. „Die Welt ist heute ein viel besser Ort, weil die Makroökonomik so viel gelernt hat seit 1929“, sagt er. Joseph Stiglitz (Preisträger 2001) ist anderer Ansicht. Die derzeit gängigen Makromodelle seien weitgehend dafür verantwortlich, dass es überhaupt zur Krise kam. Sie hätten die Politik in die falsche Richtung geführt. Daniel McFadden (Preisträger 2000), der Ökonom und gleichzeitig Landwirt ist, zieht sich eine Farmer-Schirmkappe auf und beklagt eine „Monokultur“ – wie in der Landwirtschaft mache die Monokultur auch die Finanzwelt anfällig für Krisen.
Das vierte Lindauer Treffen der Ökonomen hat so viele Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises wie noch nie angezogen. Auch die Gruppe der Nachwuchswissenschaftler ist so groß und vielfältig wie noch nie. Ein Drittel sind Deutsche, der Rest stammt aus 65 Ländern der Erde. Chinesische Kamerateams umschwirren die Ökonomen.
Vor der Inselhalle hat eine Gruppe Attac-Aktivisten an einer Mauer beschriftete Transparente aufgehängt. „Finanzmärkte entwaffnen!“ steht da, „Versenkt neo-liberale Wirtschaftstheorien!“. Unter den knapp 400 Gästen der Tagung erregt das kaum Aufmerksamkeit oder Widerspruch. Hätte nur Alfred Nobel in Lindau anwesend sein dürfen, der 1901 die Preise für Chemie, Physik, Medizin, Literatur und Frieden stiftete. „Ich hasse Ökonomen“, bekannte Nobel. Er konnte aber nicht verhindern, dass 1968 die Schwedische Reichsbank erstmals einen Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften stiftete.
Ein Weltgeld
Von den 17 Preisträgern, die zum diesjährigen Lindauer Treffen gereist sind, stammen elf aus den Vereinigten Staaten, zwei aus Kanada und je einer aus Großbritannien, Zypern, Israel und Deutschland (Reinhard Selten). Ihr Durchschnittsalter liegt oberhalb von 70 Jahren. Die Amerikaner zeichnen sich meist durch eine anschaulich knappe und treffende Sprache aus. Auf die Euro-Krise angesprochen, meinte Stiglitz: Es sei ja schon vor Gründung der Währungsunion klar gewesen, dass die Eurozone kein „optimaler Währungsraum“ sei. „Kann der Euro funktionieren? Und was wären die Kosten ihn auseinander zu brechen? Es ist schwierig, ein Rührei wieder zu entrühren“, sagt Stiglitz dazu. Das Auflösen einer Währungsbindung bringe heftige Erschütterungen. „Es gibt aber ein Leben nach dem Aufbrechen, nehmen sie das Beispiel Argentinien, die gingen in eine schwere Rezession, hatten danach aber hohe Wachstumsraten.“ Dennoch will er die Auflösung nicht empfehlen. Deutschland müsse so oder so viel zahlen: Entweder gebe es Kredite, oder der Export erleide Verluste. „Deutschland wird in jedem Fall viel Geld verlieren“, prophezeit Stiglitz. Später erzählt er Journalisten, dass er Deutschland rate, seinen fiskalischen Spielraum für mehr Konjunkturstimulierung zu nutzen, also im Klartext, mehr Schulden zu machen, damit es mehr Importe aus Südeuropa kaufe und dort die Wirtschaft ankurbele.
Robert Mundell (Preisträger 1999), den manche den theoretischen „Vater des Euro“ nennen, obwohl der Euroraum nicht seiner Theorie eines „optimalen Währungsraums“ entspricht, wirbt einmal mehr für fixe Wechselkurse zwischen Dollar, Euro, Yen und Yuan – also letztlich ein Weltgeld. Stark schwankende Devisenkurse macht Mundell für die meisten großen Wirtschaftskrisen verantwortlich. Der Kanadier mit den wässrig-blauen Augen zeichnet die Welt als Karte mit lauter bunten Kugeln, die Währungsblöcke symbolisieren. Immer größere Kugeln schwirren wie Planeten durch die Bilder, bis sie zuletzt über stabile Wechselkurse miteinander verkettet werden. Als globalen Anker für alle Wechselkurse schlägt er Gold vor, letztlich ist es eine Rückkehr zum Bretton-Woods-System. Dringend fordert Mundell, wenigstens den Dollar-Euro-Wechselkurs zu stabilisieren. „Der Euro ist zu stark“, warnt er. Andererseits sagt er, dass es in den kommenden Monaten erst einmal um das Überleben des Euro gehen werde.
Die Euro-Krise ist bei weitem nicht das einzige oder gar beherrschende Thema der Tagung. In ihren Vorträgen spannen die preisgekrönten Ökonomen einen weiten Bogen. Es geht um Arbeitslosigkeit, Demographie, Rente und Gesundheit, Landwirtschaft und Lebensstandard in China, Geld, Inflation und Finanzmärkte, Makro- und Mikroökonomik. Eine eigene Diskussionsrunde dreht sich um die Frage, ob die Annahme des rational handelnden „Homo oeconomicus“ überhaupt zutrifft. Die Verhaltensökonomik hat durch Experimente viele Löcher in dieses Modell geschossen. Menschen handeln zuweilen widersprüchlich und intuitiv, nicht immer kühl kalkulierend.
Luftige theoretische Höhen
Einen Vortrag der besonderen Art hält John Nash (Preisträger 1994), der geniale Spieltheoretiker, der jahrzehntelang wegen der Schizophrenie nicht lehren konnte. In seinem grauen Anzug steht Nash auf der Bühne und liest mit brüchiger Stimme einen Text über „Optimales Geld und die Motivation zu Sparen“. Optimales Geld müsse absolut stabil sein. Inflationsziel: null Prozent, lautet Nashs Ausgangsthese. Das sehen manche ganz anders. In Amerika haben sich tonangebende neokeynesianische Ökonomen hervorgewagt, die für höhere Inflationsraten plädieren, damit die Geldpolitik mehr Spielraum hat, um mit real negativen Leitzinsen die Wirtschaft in Krisen anzukurbeln. Auch Peter Diamond (Preisträger 2010), dessen Berufung in den Vorstand der Notenbank Fed politisch umstritten ist, liebäugelt mit dieser Idee. Das EZB-Ziel von 2 Prozent Inflation erscheint ihm jedenfalls willkürlich gewählt. „Sie haben einfach eine kleine runde Zahl gewählt, aber warum 2 Prozent, warum nicht 3 oder 4 Prozent?“
Während manche Vorträge einfach und beinahe trivial erscheinen, hangelt sich israelische Spieltheoretiker Robert Aumann (Preisträger 2005) in luftige theoretische Höhen. Aumann lobt erst John Nash, den „Gott der Game Theory“, um dann die Idee des Nash-Gleichgewichts radikal in Frage zu stellen. Es geht um die Frage der Rationalität der Spieler und des gegenseitigen Wissens vom Wissen der anderen über die Spielstrategien. Nur dann existieren Nash-Gleichgewichte. Aumanns Matrizen werden immer größer und größer, immer mehr Auszahlungswerte, Wahrscheinlichkeiten und Spielstrategien gilt es zu bedenken. Aumann, ein kleiner Mann mit einem weißen Bart und einer schräg sitzenden Kippa, blickt in viele verständnislose Gesichter im Saal und sagt lachend: „Oh, ich habe wohl die meisten meiner Zuhörer verloren - wie immer. Im Lauf meiner Vorträgen können es immer weniger Leute verstehen. Und am Ende verstehe ich es selbst nicht mehr.“
Dass die Ökonomen selbst keine kühlen Denk- und Rechenmaschinen ohne Gefühle sind, zeigt sich am Abend in der Inselhalle. Nach dem gemeinsamen Essen beginnen die ersten Paare zu tanzen. Mitten in der Menge sieht man plötzlich Aumann, mit seinem schlohweißen Bart, die Hände wild in der Luft schwenkend, eine junge hübsche Tänzerin vor ihm. Andere Nobelpreisträger schwingen eher klassisch das Tanzbein. Nach einer Weile formiert sich eine Polonaise, der Herdentrieb bricht sich Bahn. Wer hätte das gedacht: Der Ökonomen-Kongress tanzt. Am Rande sitzt Edmund Phelps (Preisträger 2006) und schaut belustigt zu. Der Professor von der Columbia University war dieses Jahr in Bayreuth zu den Festspielen. Als Andenken hat er ein T-Shirt gekauft. Nun öffnet er sein Sakko und zeigt das Wagner-Zitat: „Wahn, Wahn! Überall Wahn!“
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- 27.08.2011, 14:44 Uhr
--- John Nash: "Optimales Geld müsse absolut stabil sein." ---
Konrad Fit (Einstein-1)
- 27.08.2011, 14:17 Uhr
„Deutschland wird in jedem Fall viel Geld verlieren“. --> Gähn. Ist widerlegt.
Horst Müller (KonzeptionistzuVerlassen)
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