Home
http://www.faz.net/-gqu-6m2f0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Büros durchsucht Italien geht gegen Ratingagenturen vor

05.08.2011 ·  Die italienische Justiz hat die Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's im Visier: Bereits am Mittwoch durchsuchten Staatsanwälte in Mailand Büroräume der beiden Agenturen und beschlagnahmten Akten.

Von Tobias Piller, Rom
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (18)

Der Risikozuschlag für italienische Staatstitel hat am Freitag einen neuen Höchststand erreicht. Dagegen erholten sich die Kurse an der italienischen Börse in Mailand, wo am Donnerstag Panikstimmung geherrscht hatte und der Börsenhandel für eine Stunde völlig zusammenbrach. Die Risikozuschläge für zehnjährige italienische Staatstitel gegenüber den Zinsen für entsprechende deutsche Bundesanleihen überschritten erstmals seit dem Start der Währungsunion die Schwelle von 4 Prozentpunkten.

Unterdessen wollen italienische Staatsanwälte in der süditalienischen Kleinstadt Trani untersuchen, ob die Ratingagenturen „Moody's“ und „Standard & Poor's“ mit ihren Bewertungen und Veröffentlichungen die wirtschaftliche Stellung Italiens geschwächt und entscheidend zu den Turbulenzen um die italienischen Staatstitel beigetragen haben. Beide Agenturen hatten vor einigen Wochen zwar ihre Bewertung für die Kreditwürdigkeit italienischer Staatstitel bestätigt, aber zugleich hinzugefügt, dass die Zukunftsaussichten für die Wertung nun nicht mehr als stabil, sondern als „negativ“ bewertet werden müssten. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurden nun die Mailänder Büroräume der beiden Agenturen von der Polizei durchsucht und alle mit dem Länderbericht zusammenhängenden Dokumente beschlagnahmt. Die beiden Agenturen waren bereits wegen ihrer Urteile über Italien und wegen der Kommunikation während des Handels auf den Finanzmärkten von der italienischen Börsenaufsicht vorgeladen worden.

Während in Italien die Diskussion über Wege aus der Vertrauenskrise nicht vorwärtskommt, veröffentlichte das Statistikamt Daten, die als eher positiv kommentiert wurden: Das reale Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2011 betrug 0,8 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr und 0,3 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2011. Diese Daten seien das Ergebnis von zunehmender Wertschöpfung bei Industrie und Dienstleistungen, zugleich einer Abnahme in der Landwirtschaft. Mit Blick auf das gesamte Jahr 2011 habe sich Italien damit bisher eine Wachstumsrate von 0,7 Prozent erarbeitet. Für die Industrieproduktion der ersten sechs Monate 2011 ergab sich im Schnitt eine Steigerung um 2 Prozent gegenüber 2010.

In der Währungsunion gibt es Diskussionen darüber, wie Italien zu mehr Reformen und einer größeren Geschwindigkeit an Veränderungen gedrängt werden könnte. Diese Frage war auch Thema der Telefonkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero. Auffallend war dabei, dass Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi nicht in die Krisendiskussion einbezogen worden ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7