Home
http://www.faz.net/-gqu-72oad
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann „Woher kommt das Geld, mit dem alle spekulieren?“

 ·  Bei Reinhold Beckmann diskutieren Deutschlands populärste Wirtschaftserklärer über die Ursache der Schuldenkrise. Und merken gar nicht, wie einig sie sich sind. Wo also liegt denn das Problem?

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (61)

Wo vier Ökonomen sitzen, da gibt es oft fünf Meinungen. Der Donnerstagabend war ein besonderer. Denn da saßen die drei populärsten Krisenerklärer Deutschlands in der Talkshow zusammen, sie waren sich über die Ursache der Eurokrise völlig einig - und fanden das so selbstverständlich, dass sie es nicht mal merkten.

„Regieren die Banken die Politik?“ - so hieß die Frage bei Reinhold Beckmann eigentlich. Aber nachdem die EZB angekündigt hatte, Staatsanleihen krisengeplagter Euro-Staaten zu kaufen, blieb für diese Frage nur noch die übliche Aufzählung übrig, wie viele der aktuellen Krisenmanager einmal bei Goldman Sachs gearbeitet haben. Der Rest der Zeit blieb für die - spannendere - Frage, wo die Krise herkommt.

Ist die Gier Schuld? Fehlen Regeln?

Sind die Banker noch zu gierig? Brauchen sie eine neue Einstellung, wie Susanne Schmidt fand, Buchautorin und Kanzlertochter, die vor 20 Jahren in einer Bank gearbeitet hat? „Ihr Selbstverständnis hat sich überhaupt nicht verändert“, schimpfte sie. „Die Banken müssten sich einschränken, aber sie sehen die Krise nur als eine konjunkturelle Delle. Wenn die vorbei ist, wollen sie weitermachen wie vorher.“

Oder sind die Banken noch nicht eng genug an die Leine genommen? Das fand der Buchautor und Börsenhändler Dirk Müller - aber nicht nur er, sondern auch die Beckmann-Redaktion, die in einem Einspieler alle populären Vorschläge der vergangenen drei Jahre noch mal zusammenstellte: zum Beispiel die Finanztransaktionssteuer und ein Verbot des automatischen Handels von Computern in Millisekunden - aus den meisten war nichts geworden.

Auch Ratingagenturen seien immer noch mächtiger als die Politik, hieß es im Einspieler - dabei blieb unerwähnt, dass die Ratingagenturen ihre Macht von den Politikern nur geliehen bekommen, weil die Abgeordneten die Ratings im Gesetz verankern und die Regierungen sich überhaupt erst durch übermäßige Schulden den Kreditgebern und Ratingagenturen ausliefern. Da half es auch nicht, dass Bankenverbands-Geschäftsführer Michael Kemmer pflichtgemäß auf wichtige Detail-Regulierungen wie höhere Eigenkapitalquoten hinwies, die demnächst Zehntausende von neuen Gesetzesseiten ausmachen werden.

Politik oder Märkte - wer drückt aufs Tempo?

Von all dem war der FDP-Abgeordnete und Eurorettungs-Gegner Frank Schäffler wenig überzeugt. Völlig egal ist es für ihn, ob Aktien schneller oder langsamer hin- und hergeschoben werden. Er wollte vor allem mehr Zeit, ordentlich über die Gesetzentwürfe nachzudenken.

Doch die Zeit wird er nicht bekommen. Die landläufige Begründung dafür formulierte Dirk Müller. Der sieht die übertriebenen Märkte am Werk und die schnellen Computerhändler: „Wir können unser Tempo – das Tempo der Menschen und der Politik  – doch nicht diesen Maschinen überlassen“, fand er. „Die Banken zwingen die Politik, mit Tempo 240 durch die Innenstadt zu fahren.“

Dabei ist noch lange nicht sicher, dass Politiker wirklich immer innerhalb von Stunden oder Tagen reagieren müssen. Die Welt geht nicht unter, wenn Aktienkurse mal sinken oder die Zinsen auf Staatsanleihen steigen - Staaten halten mehr aus, als man gemeinhin denkt. Den Regierungen allerdings verschafft Zeitdruck Handlungsspielraum, weil sie den Druck an ihre Parlamente weitergeben können - und die Abgeordneten machen das Spiel aus Angst mit.

Alle sind sich einig: Es gibt zu viel Geld

Wo also liegt das Problem? Sind die Banker zu gierig, die Banken nicht an der Leine oder die Politiker zu sehr unter Zeitdruck? All das sind nur Symptome eines grundsätzlichen Problems, das sowohl Schmidt und Müller als auch Schäffler ansprachen - aber eben mit gehörigem Abstand. Ihnen scheint der Grund so selbstverständlich zu sein, dass sie einander nicht mal zustimmten: Es ist die Menge an Geld, die die Notenbank zugelassen hat. „Woher kommt denn das Geld, mit dem alle spekulieren?“, fragte der FDP-Abgeordnete Schäffler.

Dirk Müller beschrieb ausführlich, dass das Geld zwar derzeit keine Inflation an der Ladenkasse auslöst, weil die Wirtschaft nicht anspringt und die Firmen ihre Preise nicht erhöhen können - aber dass es die Preise von Aktien, Immobilien und anderen Wertgegenständen in die Höhe treibt. Die nächste Blase könne in deutschen Staatsanleihen platzen.

Und auch Susanne Schmidt stimmte zu: „Das billige Geld ist wie eine Droge. Die Süchtigen betteln nach mehr.“ Die Notenbanken probierten, die Dosis langsam herunterzuführen – „aber vielleicht sind sie dabei so langsam, dass sie nicht fertig werden.“

Es war der Abend, an dem die EZB angekündigt hat, mit neuem Geld Staatsanleihen zu kaufen - und an dem ihr längst nicht alle Experten glauben, dass sie dieses Geld wieder einsammeln kann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

Jüngste Beiträge