Herr Diekmann, erleben wir 2011 das Ende des Euro?
Vielleicht zunächst einmal zu 2010: Das war ein merkwürdiges Jahr, in dem Deutschland einen beachtlichen Wirtschaftsaufschwung erlebt hat, mit dem wohl so nur unser Chefvolkswirt Michael Heise gerechnet hat. Die Kapitalmärkte waren gleichzeitig sehr, sehr unruhig. Das zeigt, dass das, was wir als Wirtschaftsrealität wahrnehmen, nicht immer draußen in der Welt widergespiegelt wird. Für 2011 bin ich optimistisch. Der EU-Gipfel hat einen großen Fortschritt für den Euro gebracht, die Einigkeit der Regierungschefs war sehr wichtig, und unsere Bundeskanzlerin hat sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und einen Erfolg für Deutschland erzielt. Jetzt geht es an die Detailarbeit.
Der politische Durchbruch, von dem Sie sprechen, ändert nichts an der verheerenden Schuldensituation der EU-Länder.
Ja, aber es war sehr wichtig, dass wir nicht in die Weihnachts- und Neujahrspause gehen und den Kapitalmarkt im Unklaren über den Euro lassen. Es ist Unsicherheit genommen worden.
Aber der Rettungsschirm wird weiter aufgespannt. Da wächst doch die Gefahr, dass die Euro-Zone von einer Stabilitäts- zu einer Schuldengemeinschaft wird?
Ich halte das für übertrieben. Natürlich gibt es hoch verschuldete Länder. Aber sie haben nun das eindeutige Signal erhalten, dass ein Transfer nicht ohne Gegenleistung zu haben ist. Das Vetorecht für Deutschland und die Tatsache, dass sämtliche Maßnahmen immer ultima ratio sind, sollte den deutschen Steuerzahler einigermaßen beruhigen.
Ist es nicht beunruhigend, dass die Schuldenstaaten in den nächsten zwei Jahren 1 Billion Euro benötigen werden?
Lassen Sie mich einige volkswirtschaftliche Fakten entgegenhalten: Es gibt im Euro-Raum Produktivitätsfortschritte, die Leistungsbilanzungleichgewichte nehmen ab, bis auf den Kandidaten Griechenland stabilisieren sich die Arbeitsmärkte allmählich, und wenn jetzt beim Thema Lohn die richtigen Maßnahmen getroffen werden, wird das alles zu höherer Wettbewerbsfähigkeit führen.
Italien wird 2011 Anleihen in Höhe von 100 Milliarden Euro auflegen, um Schulden zu finanzieren. Wird die Allianz nächstes Jahr Staatsanleihen zeichnen?
Ja, das werden wir tun. Wir sind heute schon stark in Staatsanleihen investiert, auch in den Peripheriestaaten, in denen unsere Tochtergesellschaften Geschäfte machen. Das ist auch richtig, weil die Zinserwartung in diesen Ländern dem dortigen Zinsniveau entspricht: Die Allianz kann einem griechischen Lebensversicherten ja schlecht erklären, dass sie die Garantie aus deutschen Bundesanleihen bedient. Wichtig ist außerdem die Botschaft an die Regierungen, dass sie stabile, langfristige Investoren haben, diese aber die Gelder auch schnell abziehen können, wenn die Haushaltsmaßnahmen nicht konsequent umgesetzt werden.
Bisher hat nur die Europäische Zentralbank die Anleihen der angeschlagenen Staaten gekauft. Jetzt muss sie ihr Eigenkapital verdoppeln...
...das war, ehrlich gesagt, nur ein politisches Signal. Wir reden bei der EZB über eine Aufstockung des Grundkapitals um 5 Milliarden Euro. Das ist in Relation nicht viel.
Die Aktionäre werden nicht begeistert sein, wenn sie hören, dass die Allianz Anleihen von überschuldeten Staaten kauft.
Wir sind transparent und geben jedes Quartal Auskunft darüber, was wir tun. Die Allianz hält Staatsanleihen von Portugal, Irland und Griechenland im Wert von unter 4 Milliarden Euro, das sind weniger als 1 Prozent unserer gesamten Kapitalanlagen. Das unterscheidet sich schon sehr von dem, worüber wir jetzt sprechen, nämlich den Kernmärkten Europas, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Als Lebensversicherer gehen wir immer langfristige Verpflichtungen ein, das ist Teil unseres Geschäfts.
Nehmen wir das Beispiel Irland: Retten die Steuerzahler nicht nur irische Banken, sondern auch deutsche Spareinlagen und Lebensversicherungen?
Irland hatte einen Bauboom, und die Banken sind dort stark ins Obligo gegangen. Heute sehen Sie in Irland viele Bauruinen, das kriegt der deutsche Steuerzahler nicht mit. Jedem, der indirekt in Irland investiert ist, kommt der Rettungsschirm zugute, keine Frage.
Also auch der Allianz?
Ja, eindeutig, wobei unser Engagement dort sehr klein ist. Ich bin für Irland und auch für unsere Beteiligungen dort optimistisch. Übrigens tragen wir als Allianz auch zur Stabilität des Systems bei.
Vielleicht kommt auf die Allianz als Gläubiger ein Schuldenverzicht zu. Wäre das nicht gerecht?
Ich bin bei der Frage der privaten Beteiligungen total offen. Jeder, der investiert, trägt ein inhärentes Risiko, dass sich das Investment hinterher nicht auszahlt. Dass der Steuerzahler am Ende immer alle Risiken trägt, wie die aktuelle Diskussion suggeriert, stimmt nicht. Richtig ist allerdings, dass der Staat in der Bankenkrise sehr schnell einspringen musste, weil der Markt nicht funktioniert hat.
Damals wie heute wurde billiges Geld auf den Markt geworfen. Finanzieren wir die nächste Blase?
Auf die Gefahr habe ich immer hingewiesen. Die heute immer noch künstlich niedrig gehaltenen Zinsen sind aus meiner Sicht falsch. Der Ausstieg aus der Droge „billiges Geld“ darf nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.
Die Allianz ist mit 1,4 Billionen Euro Assets under Management einer der größten Vermögensverwalter der Welt. Spekuliert sie gegen den Euro?
Es gibt bei uns zwei unterschiedliche Vermögensstöcke. Für unsere Versicherung trifft das auf keinen Fall zu; für unsere Vermögensverwaltung gilt, dass sie Marktteilnehmer ist. Wir haben hier von unseren Kunden den Auftrag, bestmöglich zu investieren. Wenn wir also aus Staaten mit zweifelhafter Bonität deinvestieren, dann ist das nichts anderes als Marktverhalten. Das muss nicht jedem gefallen, aber der Markt wiederum hat den Auftrag, regulierend zu wirken. Nur verbinden viele mit Investments immer gleich Heuschrecken und sehen nicht, dass sie im Grunde selber spekulieren. Wer sind eigentlich die „Spekulanten“? Der Privatanleger, der sein Geld für die Altersvorsorge anlegt, will eine sichere und langfristige Rendite. Das ist ein Auftrag an seinen Vermögensverwalter, das Geld vernünftig anzulegen. Damit sind auch die Privatanleger „Spekulanten“. Ich muss mir auch gefallen lassen, dass unsere Investoren Gelder abziehen, wenn die Allianz im Markt Fehler macht.
Als Sie die Dresdner Bank verkauft haben, gab es Applaus von den Investoren. Aktuell wird die Allianz-Aktie von vielen zum Anlagefavoriten 2011 erkoren, weil der Konzern gut verdient, moderat verschuldet und von der europäischen Schuldenkrise kaum betroffen ist. Können Sie sich entspannt zurücklehnen?
Wir fangen das Jahr 2011 entspannt an. Unser Risikoprofil hat sich in der Tat vor allem durch den Verkauf der Dresdner Bank enorm verbessert. Wir haben noch nie solch hohe Wachstumsraten in der Lebensversicherung gesehen. Und wir haben sehr hohe Mittelzuflüsse in der Vermögensverwaltung. Das ist ein enormer Vertrauensbeweis.
Die Allianz ist wieder das, was sie vor der Dresdner Bank immer schon war. Reicht Ihnen das? Wo ist die Handschrift des Vorstandsvorsitzenden?
Bei diesen nervösen Märkten ist ein ruhiges Profil wichtig. Das dürfen wir nicht durch gewagte unternehmerische Übernahmen in Frage stellen. Es gibt noch große Unsicherheiten durch Solvency II. Darauf achten Investoren sehr genau. Meine Linie ist daher klar: Im total unruhigen Fahrwasser berechenbar und transparent Kurs halten. Die letzten acht Jahre haben wir aber nicht nur genutzt, die Risiken herunterzufahren. Wir haben die Allianz aus einem Verbund von Ländergesellschaften in eine neue Corporate Governance geführt und uns stärker am Kunden orientiert. Heute sind wir führend mit unserer internationalen Industrieversicherung, mit der Kreditversicherung und im Assistancegeschäft. Die Allianz kann sich mit ihren visionären Zukäufen aus den neunziger Jahren heute sehen lassen.
Und die visionäre Übernahme in 2011?
Wäre sehr unwahrscheinlich.
Die Munich Re hat mit Warren Buffett einen Ankeraktionär, die Allianz dagegen 100 Prozent Streubesitz. Haben Sie Angst vor unfreundlichen Investoren?
Vor so einem Szenario habe ich noch nie Angst gehabt. Jeden Tag findet da draußen ein Austausch von Investoren statt, und jedes Jahr wird die Allianz ungefähr zweimal gekauft und verkauft. Bei uns hat noch nie einer angerufen und mitgeteilt, 3 bis 4 Prozent zu halten und künftig Einfluss auf unsere Geschäftspolitik nehmen zu wollen.
Der Konzern ist selbst Investor. Warum halten Sie noch 12 Prozent an Heidelberger Druck?
Abgerechnet wird am Ende. Wir sind bei Heidelberger Druck ein langfristig handelnder Investor, und verabschieden uns nicht, wenn es der Branche schlecht geht. Im Gegenteil, wir haben die Kapitalerhöhung mitgetragen, weil wir ein langfristig orientierter Investor sind.
Dieser Logik folgend, könnte die Allianz ihre Linde-Aktien jetzt verkaufen. Dem Konzern geht es prächtig.
Es freut mich ausgesprochen, wie sich Linde entwickelt.
Und Ihre MLP-Beteiligung?
Dient dem Zweck, dass MLP unabhängig bleibt, denn das ist das Geschäftsmodell des Finanzdienstleisters.
Ihre größte Aufgabe im nächsten Jahr scheint die Allianz Deutschland AG zu sein: Fünf Jahre nach dem Umbau läuft das Geschäft immer noch nicht rund.
In der Lebensversicherung haben wir derzeit Neugeschäftsanteile, die weit über unserem Marktanteil liegen. In der Krankenversicherung haben wir Nachholbedarf auf der Tarifseite. Sie beziehen sich auf das Sachgeschäft. Die Allianz ist der größte Sachversicherer der Welt und will natürlich auch auf dem Heimatmarkt stark sein. Das bedeutet Wachstum…
…aber Sie verlieren Marktanteile.
Nein, wir verlieren im deutschen Sachgeschäft keine Marktanteile. Wir haben einige Geschäftsbereiche global aufgestellt und daher aus der deutschen Bilanz genommen. Trotzdem werden diese Geschäftsfelder, wie Industriegeschäft, Kreditversicherung oder Assistancegeschäft von Kunden in Deutschland weiter stark nachgefragt. Dass wir aber in der Autoversicherung Marktanteile verlieren, ist deutlich zu sehen. Es muss unser Anspruch sein, unsere Position zu festigen, auch wenn wir nicht jeden Preiskampf mitmachen wollen.
Der Vertrieb über die gut 10 000 Allianz-Vertreter ist der teuerste der Branche.
Ich glaube, Sie sagen das als Provokation. Ich würde dem provokativ antworten: Er ist der Beste der Branche. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich sagen, dass wir die Verluste in der Autoversicherung gegenüber den Billiganbietern deutlich reduziert haben.
Weil Sie den eigenen Vertriebskanal Internet geschwächt und damit ihre klassischen Allianzvertreter gestärkt haben.
Das nicht. Wir bieten im Internet gestaffelte Tarife an und überlassen es dem Kunden, ob er beim Vertreter abschließt oder online. 60 Prozent der Kunden gehen, nachdem sie sich im Internet informiert haben, wieder zum Vertreter. Bei der Autoversicherung ist der Abschluss im Internet leicht. Es gibt aber viele Versicherungen, etwa Altersvorsorge oder Krankenversicherungen, die so komplex geworden sind und so persönlich zugeschnitten sein müssen, dass am Vertreter kein Weg vorbeigeht. Eine Welt, die wir uns vereinfacht alle so als „Amazon 2.0“ vorstellen, entspricht nicht der Realität.
Oh Gott
Esteban Colberto (Estefano.Colberto)
- 22.12.2010, 00:39 Uhr
Nachtrag
Heinz Rehbein (rehbein2)
- 22.12.2010, 01:10 Uhr
Erstaunlich, diese Ankündigung?
Angela Ansbacher (freeangela)
- 22.12.2010, 09:36 Uhr
Kramladen
Closed via SSO (hansprag)
- 22.12.2010, 09:37 Uhr
Zinswende?
Michael Radloff (melursus)
- 22.12.2010, 09:54 Uhr