Unscheinbar sieht sie aus, die Zentrale der Anglo Irish Bank in Dublin: Ein ältliches fünfstöckiges Bürogebäude mit braun getönten Scheiben und ein paar kargen Pflanzkübeln aus Beton vor der Tür. Doch Sean Fitz Patrick, der langjährige Chef der Alptraumbank, hat von hier aus mit halsbrecherischen Immobilienkrediten fast im Alleingang den irischen Staat in die Knie gezwungen und damit maßgeblich zur jüngsten Krise der Europäischen Währungsunion beigetragen. Anglo Irish ist das schwarze Loch des maroden irischen Finanzsektors und in Irland zum Symbol des Größenwahns der Banken geworden. Deren Bilanzlöcher sind inzwischen so groß, dass sie das kleine Land aus eigener Kraft nicht mehr stopfen kann und die Hilfe der anderen Euro-Länder braucht.
Für das 85 Milliarden Euro schwere Nothilfepaket werden die 4,5 Millionen Iren voraussichtlich noch jahrzehntelang zu zahlen haben. Zumindest der unrühmliche Name soll nun aber ganz schnell verschwinden: Anfang 2011 werden bei Anglo Irish die Firmenschilder abgeschraubt, kündigte der irische Notenbankchef Patrick Honohan diese Woche an. Die verbliebenen Kundeneinlagen von geschätzten 15 Milliarden Euro sollen auf andere irische Institute übertragen werden. Bis Ende Januar wollen die Iren in Abstimmung mit der EU-Kommission in Brüssel einen Plan für die Abwicklung von Anglo Irish ausarbeiten.
Der todgeweihte Immobilienfinanzierer ist zwar der mit Abstand größte Notfall im irischen Bankensektor, aber bei weitem nicht der einzige. Schon bislang war die irische Regierung davon ausgegangen, dass die Bankenrettung das Land rund 50 Milliarden Euro kosten wird. Nun sind als Teil des Notkredits von EU und Internationalem Währungsfonds weitere 35 Milliarden Euro für die Banken reserviert. Es ist binnen zwei Jahren der vierte Anlauf zur Stabilisierung des irischen Finanzsektors. Die Gesamtkosten des Rettungseinsatzes für die Geldhäuser könnten damit bis zu 85 Milliarden Euro erreichen – mehr als die Hälfte des irischen Bruttoinlandsprodukts. Anglo Irish kostet den Staat bis zu 34 Milliarden Euro.
Ob die irischen Banken endlich aus dem Schneider sind?
Die viel größere Allied Irish Banks (AIB) braucht bis Ende Februar ebenfalls noch mal 5,3 Milliarden Euro. Ähnlich wie Anglo Irish wird die Regierung bei der anstehenden Kapitalerhöhung wohl auch die AIB nahezu vollständig übernehmen müssen. Sie soll aber fortgeführt werden. Der Marktführer Bank of Ireland braucht derweil 2,2 Milliarden Euro frisches Kapital. Auch bei diesem Finanzkonzern wird der Staat dadurch voraussichtlich Mehrheitseigner.
Ob die irischen Banken damit endlich aus dem Schneider sind, ist keineswegs klar. Neben den kurzfristigen Kapitalspritzen ist im Rahmen des Notkredits für Irland ein riesiger Puffer von weiteren 25 Milliarden Euro als „Notfall-Fonds“ für die Banken vorgesehen. Um die Geldhäuser zu stabilisieren, müssen zwei brisante Probleme entschärft werden: die Liquiditätsversorgung und die dürftige Eigenkapitalausstattung. Das gefährlichere Problem war in den vergangenen Wochen die Liquidität. Die Banken waren fast vollständig von der Not-Refinanzierung über die Europäische Zentralbank (EZB) abhängig, weil sie am Interbankenmarkt kaum noch Kredit bekamen.
Den irischen Banken steht deshalb ein gewaltiges Verkaufsprogramm bevor, denn wenn die Bank of Ireland und die AIB drastisch verkleinert werden, schrumpft auch ihr Liquiditätsbedarf. „Die irischen Banken werden über die kommenden Jahre Aktiva von 80 bis 120 Milliarden Euro abbauen“, sagte ein Beteiligter dieser Zeitung. Am Mittwoch wurde außerdem bekannt, dass die staatliche Auffanggesellschaft („Bad Bank“) Nama den Banken noch mehr faule Immobilienkredite abnehmen soll als die bisher vorgesehenen 80 Milliarden Euro.
Volkswirte bleiben skeptisch
Im Gegenzug habe die zunehmend kritische EZB zugesichert, für eine Übergangszeit, wenn nötig, die Refinanzierung der Banken weiter sicherzustellen, heißt es in Dublin. Auf der Verkaufsliste dürften vor allem Auslandsaktivitäten stehen. Die Bank of Ireland etwa hat in Großbritannien knapp 17 Milliarden Euro an Immobiliendarlehen vergeben – rund 14 Prozent ihres gesamten Kreditbuchs.
Als ein Hauptgrund für die jüngsten Refinanzierungsschwierigkeiten der irischen Banken galten zudem die Spekulationen über eine geplante Beteiligung ihrer vorrangigen Anleihegläubiger an den Sanierungskosten („Haircut“). Davor sind die anderen Euro-Länder zwar zurückgeschreckt, um die Refinanzierung nicht noch mehr zu gefährden. Volkswirte bleiben allerdings skeptisch: „Die Befürchtungen könnten durchaus wieder aufflammen“, warnt Elga Bartsch von Morgan Stanley.
Für viele Beobachter ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die eigentlich besonders gut abgesicherten vorrangigen Anleihegläubiger der Banken von den Regierungen zur Kasse gebeten werden. Es wird für die Politiker zunehmend schwerer, ihren Wählern zu erklären, warum die europäischen Steuerzahler immer noch mehr Milliarden für die Banken berappen sollen, die Anleihegläubiger aber weitgehend geschont werden. Am Mittwoch kündigte der irische Finanzminister Brian Lenihan schon weitere „Haircuts“ für nachrangige Bankenanleihen an.
Es gebe keine Hinweise auf neue Bilanzlöcher
Das zweite gravierende Problem der irischen Banken ist ihre magere Kapitalausstattung. Und auch hier wird es trotz der neuen Milliardenhilfen kurzfristig keine Klarheit geben: Durch die jetzt angekündigten weiteren Finanzspritzen steigt zwar die Kernkapitalquote der AIB auf 14 Prozent und die der Bank of Ireland auf 12,5 Prozent. Doch für März 2011 hat die Notenbank schon wieder einen „Stresstest“ angekündigt, indem sie die Bilanzen der Banken durchleuchten will, obwohl ein solcher Test erst im Sommer durchgeführt wurde und dessen Ergebnisse bereits heute Makulatur sind.
Sollten die Prüfer noch mehr Abschreibungsbedarf entdecken oder müssen bei der geplanten Bankenschrumpfung Aktiva mit Verlusten verkauft werden, kann die Kernkapitalquote rasch unter die von der Notenbank neu gesetzte kritische Schwelle von 10,5 Prozent sinken. Dann müsste der Notfallfonds von 25 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket angezapft werden. Zentralbankchef Honohan versucht die Befürchtungen zu zerstreuen. Es gebe keine Hinweise auf neue Bilanzlöcher, versicherte er diese Woche. Er wäre „sehr enttäuscht“, wenn sich ein weiterer hoher Abschreibungsbedarf zeigen sollte, sagt der Notenbanker. Enttäuschungen hat es in der irischen Bankenkrise allerdings schon viele gegeben.
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