Home
http://www.faz.net/-gqe-790w3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Europas Schuldenkrise Nur die Krisenländer sparen - Frankreich macht nicht mit

Nur in Eurostaaten, die durch Hilfsprogramme dazu gezwungen sind, wird erheblich gespart. In anderen Ländern kann von strengem Sparen kaum die Rede sein. Eine Analyse.

© REUTERS Vergrößern Frankreich muss mehr tun, um seine Finanzen in den Griff zu bekommen.

Für den französischen Finanzminister Pierre Moscovici gilt die normative Kraft des Faktischen. Seitdem klar ist, dass die Europäische Kommission Spanien und Frankreich mehr Zeit zur Senkung ihres Staatsdefizits gibt, lobt er die politische „Kurskorrektur“ im Euroraum, die er schon immer gefordert hatte und die - anders als die bisher scheinbar allgemein praktizierte „Austerität“ - angeblich das Wachstum im Euroraum ankurbeln werde. Unabhängig von der Frage, ob seine vulgärkeynesianische These stimmt, unterschlägt Moscovici, dass sein Land anders als diverse südliche Eurostaaten in den vergangenen Jahren gar nicht erst versucht hat, seine Staatsausgaben zurückzufahren.

Werner Mussler Folgen:  

Während „Programmländer“ wie Griechenland, Portugal und Irland, aber auch Spanien und Italien erhebliche Anstrengungen unternommen haben, ihr Staatsdefizit zurückzufahren, hat sich in Frankreich wenig getan. Dass die Kommission Spanien und Frankreich zur selben Zeit gleich weit entgegenkommt, ist insofern unverständlich.

Ohnehin ist die Behauptung bestreitbar, dass die vergangenen Jahre generell von „Austerität“ geprägt gewesen seien. Dass „Sparen“ zumindest mittelfristig die Erzielung von Haushaltsüberschüssen bedeuten müsste, galt in der Währungsunion noch nie. Etliche Staaten hätten nach dem Maastricht-Kriterium für die Schuldenquote (60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) den Euro erst gar nicht einführen dürfen, und schon 1999 betrug die Staatsschuld im Durchschnitt des Euroraums 71,6 Prozent des BIP.

Schuldenländer müssen auch Überschüsse erzielen

2012 lag sie nach den jüngsten Eurostat-Berechnungen schon bei 90,6 Prozent, und nach der Frühjahrsprognose der Kommission wird sie bis 2014 auf 96,0 Prozent steigen (Grafik). In absoluten Zahlen wird die Staatsschuld demnach 2014 fast 9,5 Billionen Euro betragen - und sich damit seit dem Beginn der Währungsunion mehr als verdoppelt haben.

In der aus der Finanzkrise erwachsenen Euro-Krise ist die Staatsverschuldung aus mehreren Gründen besonders stark gewachsen. Der Konjunktureinbruch nach der Lehman-Pleite 2008 ließ die Staatseinnahmen schrumpfen, die folgenden staatlichen Ausgabenprogramme rissen zusätzliche Löcher in die Staatshaushalte. Viele Staaten mussten außerdem hohe Milliardenbeträge zur Rettung ihrer Banken aufwenden. Freilich ist die Staatsverschuldung schon vor der Krise stetig gestiegen. Denn fast immer haben die Staaten mehr ausgegeben als eingenommen und die Differenz durch Schuldenmachen finanziert.

Infografik / Entwicklung von Schulden und Konjunktur im Euroraum © F.A.Z. Vergrößern Entwicklung von Schulden und Konjunktur im Euroraum

Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte der drohende Staatsbankrott mehrerer Eurostaaten die Erkenntnis wachsen lassen, dass es so nicht weitergehen kann - dass die Staaten also nicht nur weniger Schulden machen müssen als bisher, sondern auch Überschüsse erzielen müssen. Denn nur so kommt ein Land von seinem hohen Schuldenstand auch wieder herunter. Eine Zeitlang schien sich auch die Erkenntnis durchzusetzen, dass hohe Schulden dem Wachstum schaden. Unabhängig von der aktuellen Kontroverse um die Rogoff-Reinhart-Studie ist es unter Ökonomen kaum strittig, dass eine Schuldenquote von fast 100 Prozent des BIP nicht wachstumsfördernd, sondern -hemmend ist.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenkrise Athen verspielt Sympathien in Europa

In Deutschland stößt das Verhalten der neuen griechischen Regierung auf Unverständnis. Was aber denken die anderen Europäer? Ein Überblick der Auslandskorrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mehr

24.02.2015, 08:53 Uhr | Wirtschaft
Ukraine-Gipfel Merkel: Einigung ist Hoffnungsschimmer

Nach dem Ukraine-Krisengipfel in Minsk hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit Frankreichs Präsident Francois Hollande optimistisch gezeigt: Die Einigung sei ein Hoffnungsschimmer. Dennoch betonte sie, dass die Krise noch nicht ausgestanden sei. Mehr

12.02.2015, 15:11 Uhr | Politik
Verhandlungen mit Athen Wolfgang Schäuble, der erschöpfte Europäer

Der deutsche Finanzminister hat sich in Brüssel gegen die Griechen durchgesetzt. Warum wirkt er dann so mürrisch und müde? Offenbar traut er inzwischen seinem eigenen Erfolg nicht mehr. Mehr Von Werner Mussler

22.02.2015, 08:32 Uhr | Wirtschaft
Griechenland Wer zahlt die Schulden der Griechen?

Feiern ohne die Rechnung zu bezahlen? Für Deutsche kommt das nicht in Frage. Wer Schulden macht, muss sie auch zurückzahlen. Oder? Wie denken die Deutschen: Sollte die EU die Griechen unterstützen oder zum Sparen zwingen? Mehr

25.02.2015, 09:23 Uhr | Wirtschaft
Hilfsprogramm für Griechenland Schuldenstreit entschärft, aber nicht beendet

Die Eurogruppe hat sich mit Griechenland auf eine Verlängerung des Hilfsprogramms um vier Monate geeinigt. Bis Montag muss Athen allerdings eine Liste mit konkreten Reformvorhaben vorlegen. Mehr Von Werner Mussler, Brüssel

20.02.2015, 22:56 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.05.2013, 10:29 Uhr

Der Mietendeckel

Von Michael Psotta

Die Mietpreisbremse kommt. Helfen wird sie wenig, aber immerhin kostet sie nichts. Mehr 1


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Was binnen einer Minute im Internet passiert

4 Millionen Suchanfragen bei Google, 277.000 Tweets, 100.000 Freundschaftsanfragen bei Facebook: Hätten Sie gewusst, was binnen einer Minute im Internet passiert? Unsere Grafik des Tages zeigt es. Mehr 7