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Europäische Union Sprache ist Macht

15.06.2004 ·  Kein deutscher Politiker käme auf die Idee, Englisch als Lingua franca der EU in Frage zu stellen. Aber ein wenig mehr Bedeutung sollte Deutsch nach der Ost-Erweiterung bekommen. Es gibt sogar ökonomische Argumente.

Von Werner Mussler
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An skurrilen Veranstaltungen mangelt es im Brüsseler Umfeld der vielen EU-Einrichtungen nicht. So hat sich kürzlich auch niemand gewundert, als die EU-Vertretung Baden-Württembergs zu einem "Tandem-Sprachkurs" lud. Teilnehmer waren Christoph Palmer, Minister im Stuttgarter Staatsministerium und zugleich "Sprachenbeauftragter der deutschen Länder", sowie der neue slowakische EU-Kommissar Jan Figel. Das Politikertandem unterzog sich einem Schnellkurs in der jeweils anderen Sprache. Figel lernte, "guten Tag, Herr Minister" zu sagen, und der Schwabe Palmer konnte zeigen, daß er durchaus über rudimentäre Kenntnisse des Slowakischen verfügt.

Der deutsche Landespolitiker wollte mit der Veranstaltung freilich nicht nur durch seine Fertigkeiten im Erlernen von Fremdsprachen beeindrucken. Für Palmer, der auch Vorsitzender des Bundesratsausschusses für EU-Fragen ist, geht es um handfeste politische Interessen. Die deutschen Länder versuchen derzeit zusammen mit dem Bund, das Gewicht des Deutschen als EU-Amtssprache zu erhöhen. Bei der Veröffentlichung von Rechtstexten und einer Reihe offizieller Dokumente der EU-Institutionen sind alle 19 Amtssprachen gleichgestellt. Als "Arbeitssprachen" haben zum Beispiel in der Europäischen Kommission Englisch, Deutsch und Französisch einen gleichberechtigten Status. Im Alltagsgeschäft spielt jedoch neben dem dominierenden Englischen nur noch Französisch eine größere Rolle. So wurden im Jahr 2002 im Original 57 Prozent der EU-Dokumente in Englisch verfaßt, 25 Prozent in Französisch und nur 5 Prozent in Deutsch.

Als Muttersprache den Spitzenplatz

Dabei nimmt Deutsch als Muttersprache in der EU den Spitzenplatz ein. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission sprechen es 88 Millionen Menschen als erste Sprache; Englisch ist demnach für etwa 58 Millionen EU-Bürger die Muttersprache, Französisch und Italienisch für jeweils rund 55 Millionen.

Die Zahlen lassen zwar keinen deutschen Politiker auf die Idee kommen, der englischen Sprache ihre Rolle als Lingua franca der EU streitig zu machen. Aber ein wenig mehr Bedeutung sollte Deutsch ihrer Meinung nach schon bekommen. "Sprache ist Macht" - diese Devise stand offensichtlich hinter einem Beschluß des Bundesrates, die deutsche Sprache müsse in der EU künftig gleichberechtigt mit Englisch und Französisch benutzt werden.

Mittelstand benachteiligt

Die Länder begründen dies nicht zuletzt mit ökonomischen Argumenten. So seien kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland dadurch benachteiligt, daß die jährlich 240000 EU-weiten Ausschreibungen fast ausschließlich in Englisch und Französisch veröffentlicht werden. Die Mittelständler müßten sich die Texte erst gegen Bezahlung übersetzen lassen, um an den Verfahren teilnehmen zu können. Dafür, daß ausgerechnet sie sich besonders für die deutsche Sprache ins Zeug legt, hat die baden-württembergische Vertretung eine originelle Begründung: "Es heißt zwar: ,Wir können alles außer Hochdeutsch.' Aber es war der schwäbische Dichter Friedrich Schiller, dessen ,Ode an die Freude' in Beethovens Vertonung zur Europahymne erklärt wurde." Trotz alledem gelten die Deutschen in der Pflege ihrer Landessprache auf dem europäischen Parkett als zurückhaltend - anders als andere Länder. Besonders offensiv treten die Franzosen auf, die ohnehin nicht nachvollziehen wollen, daß ihre Sprache mit den beiden Norderweiterungen in den Jahren 1973 und 1995 - und erst recht mit der jüngsten Ost-Erweiterung der EU - an Bedeutung verloren hat. Aber auch Italiener und Spanier betrieben eine aktivere Sprachenpolitik als die Deutschen, erläutert Margarete Hauschild, Leiterin des Goethe-Instituts in Brüssel.

Mit der Ost-Erweiterung könnten sich indes die Sprachgewichte verschieben. Deutsch ist in den Beitrittsländern nach Englisch und Russisch die meistgesprochene Sprache; immerhin 17 Prozent der dortigen Einwohner können sich, wie eine Eurobarometer-Umfrage ergeben hat, ausreichend in Deutsch unterhalten. In den alten EU-Staaten sprechen nur zehn Prozent der Einwohner Deutsch, gegenüber 19 Prozent, die Französisch beherrschen.

Frankreich lockt mit Schlössern

Daß die deutschen Sprachbotschafter gerade jetzt gezielt auf die neuen Kommissare aus den Beitrittsstaaten zugehen, um sie für die deutsche Sprache zu gewinnen, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Die Neuen in der Brüsseler Behörde sind noch in der Einarbeitungsphase. Sie dürfen zwar schon am vergrößerten Tisch der Kommissare Platz nehmen, haben aber noch nicht viel zu sagen. Das wird sich im Herbst ändern, wenn sich die neue Kommission konstituiert. Anders als viele noch amtierende "Alt-Kommissare" werden voraussichtlich alle ihre Kollegen aus den Beitrittsstaaten auch der neuen Kommission angehören - und das Sprachenregime zumindest informell beeinflussen. Damit sie alle Deutsch lernen können, hat ihnen das Brüsseler Goethe-Institut einen maßgeschneiderten Individual-Sprachkurs angeboten. Darauf eingegangen ist bisher noch keiner. Mit den Aktivitäten der französischen Konkurrenz kann Deutschland denn auch nicht mithalten. Frankreichs Regierung lockt die Kommissare und die hochrangigen EU-Beamten aus den Beitrittsstaaten für diesen Sommer zu einem kostenlosen Sprachkurs in ein Schloß in der Provence. Und niedriger eingestufte Beamte können kostenlose Kurse in Brüssel oder anderswo belegen. Diese Möglichkeit nutzten in den vergangenen sechs Monaten fast 1000 Diplomaten, Übersetzer, Juristen und andere EU-Bedienstete.

Schlösser sind für Deutsch-Sprachkurse bislang nicht vorgesehen. Das Auswärtige Amt fördert aber Kurse für Beamte aus den Beitrittsstaaten, die entweder in ihren Heimatländern arbeiten oder schon in EU-Institutionen tätig sind. Sie sollen indes nicht nur Sprachkenntnisse vermittelt bekommen, sondern auch Landeskunde. Das scheint ihnen auch wichtiger zu sein. Ministerialbeamte aus Mittel- und Osteuropa, die dieser Tage im Brüsseler Goethe-Institut Deutsch büffeln, verbrachten davor eine Woche in Berlin: "Was wir da alles über Deutschland lernen konnten, war beeindruckend. Und über Deutschland in der EU lernen wir hier in Brüssel auch sehr viel", berichtet Jószef Meruk, der im ungarischen Landwirtschaftsministerium arbeitet. Sein perfektes Deutsch wirft freilich die Frage auf, warum er überhaupt noch einen Sprachkurs besuchen muß. "Sie haben schon recht. Wir sprechen schon alle gut Deutsch." Die Sprache Goethes und Schillers werde aber gerade deshalb in der EU an Bedeutung gewinnen: "Die Deutschen sollten sich da keine Sorgen machen. Das kommt von selbst."

"Deutsch wird an Bedeutung gewinnen, weil es von vielen Beamten in den neuen Mitgliedstaaten gesprochen wird. Die Deutschen sollten sich keine Sorgen machen. Das kommt von selbst."

Jószef Meruk, Beamter im ungarischen Landwirtschaftsministerium

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2004, Nr. 136 / Seite 23
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Jahrgang 1966, Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

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