Die jüngste Schrumpfkur hat Commerzbank-Chef Martin Blessing am vergangenen Donnerstag verkündet. Der 48-Jährige will nicht nur die Gehälter seiner Vorstände einfrieren und einen Teil der Banker-Boni statt in Cash nur noch in Aktien auszahlen. Die Commerzbank soll vor allem eines werden: kleiner. Noch mal um Staatsgeld zu bitten, das hat Blessing abgelehnt („Ich geh da nicht noch mal hin“). Das ist der Preis.
Die Commerzbank schrumpft fortlaufend: Seit 2008 ist die Bilanzsumme der Bank von knapp 1,1 Billionen auf 700 Milliarden Euro gesunken. „Dieser Rückgang in nur drei Jahren entspricht der Bilanzsumme einer mittelgroßen Bank wie der DZ Bank, dem Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken“, sagt ein Bankmanager.
Die Politiker sind es leid, andauernd Banken zu retten
Die Commerzbank ist kein Einzelfall: Überall in Europa schrumpfen gerade Banken. Für eine Branche, in der lange Zeit alles immer nur größer, bombastischer und globaler werden musste, ist das ein Paradigmenwechsel. In den nächsten drei Jahren dürften allein die Banken im Euroraum ihre Bilanzen um bis zu 4,5 Billionen Euro verkleinern, schreiben Analysten der Schweizer Großbank UBS in einer Studie. Und der Nachrichtendienst Bloomberg hat zusammengerechnet, bereits jetzt seien von Europas Banken Beteiligungsverkäufe in Höhe von 950 Milliarden Euro annonciert.
Die neue Liebe am Schrumpfen ist eine Folge der Finanzkrise: Der wichtigste Grund sind strengere Vorgaben von Politik und Bankenaufsicht. Die Politiker sind es leid, dass andauernd Banken gerettet werden müssen. Sie verlangen deshalb, dass Banken künftig einen größeren Sicherheitspuffer aufbauen müssen. Die Banken können wählen: Entweder besorgen sie sich mehr Eigenkapital. Also Geld, mit dem die Eigentümer notfalls für Ausfälle haften. Oder sie müssen auf Geschäft verzichten.
Weil es aber gegenwärtig schwierig bis unmöglich für die Banken ist, an neues Eigenkapital zu kommen, wählen sie den Schrumpfpfad. Abschreckendes Beispiel ist die italienische Bank Unicredit: Sie versucht bis kommenden Freitag, Anleger für eine Kapitalerhöhung zu gewinnen. Dafür muss sie aber erhebliche Zugeständnisse beim Preis der neuen Aktien machen.
Die Folgen berühren nicht nur Europa
Schwächere Banken fürchten deshalb nicht ohne Grund, mit einer Kapitalerhöhung womöglich ganz zu scheitern. „Das ist der Grund, warum viele Banken im Augenblick lieber schrumpfen“, sagt Hans-Peter Burghof, Banken-Professor an der Universität Hohenheim.
Das ist gewollt - aber nur zum Teil. Offenkundig gibt es so etwas wie ein „erwünschtes Schrumpfen“ - und ein „unerwünschtes“.
Viele Geschäfte der Banken sind Politikern schließlich suspekt. Müssen Banken hochriskante Wetten eingehen? Müssen sie immer neue Finanzinstrumente erfinden, die mit der sogenannten Realwirtschaft nichts mehr zu tun haben? So manches spekulative Geschäft sähen Politiker gern „weggeschrumpft“. Auf der anderen Seite will keiner, dass Banken den Unternehmen Kredite kürzen - und die Wirtschaft in eine Rezession stürzt.
In der Vergangenheit waren die Bilanzen der Banken Europas aufgebläht, meinen viele Ökonomen. Und zwar nicht nur durch europäische Staatsanleihen, die fälschlicherweise als risikolos behandelt wurden. Sondern auch durch diverse Dollargeschäfte in Amerika, wie der Princeton-Ökonom Hyun Song Shin unlängst in einem aufsehenerregenden Beitrag feststellte. Wenn Europas Banken jetzt schrumpfen, berührten die Folgen deshalb nicht nur Europa - sondern auch die Vereinigten Staaten.
„Wir sollten die Kreditklemme nicht herbeireden“
Die spannende Frage jetzt: Wie viel „erwünschtes“ und wie viel „unerwünschtes“ Schrumpfen findet derzeit bei den Banken statt?
Industrie und Mittelstand jedenfalls jammern längst über eine „Kreditklemme“. Sie befürchten, noch schwieriger an Kredite zu kommen, wenn die Banken ihre Bilanzsummen verkleinern. Unterstützung bekamen sie gerade von Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Er regte an, Banken unter Umständen sogar zwangsweise Staatsgeld aufzunötigen: um zu verhindern, dass die Banken weiter schrumpfen - und dabei Unternehmen den Kredithahn zudrehen.
Die Banken selbst versichern, sie wollten weiterhin Kredite vergeben. „Die Commerzbank ist weiterhin sehr interessiert, Kredite an Mittelständler zu vergeben, denn das ist unser Kerngeschäft“, betont Markus Beumer, Vorstandsmitglied der Commerzbank. Auch aus den Zahlen der Deutschen Bundesbank lässt sich bislang nicht ablesen, dass es eine echte Kreditklemme gibt. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: „Wir sollten die Kreditklemme nicht herbeireden.“
Ohnehin muss eine schrumpfende Bilanz nicht bedeuten, dass die Bank keine Kredite mehr vergibt. Es gibt andere Wege. Oft verkaufen sie lieber kleine Beteiligungen, lassen Anleihen und Schuldverschreibungen auslaufen oder verkaufen Kreditportfolios, sagt Dirk Müller-Tronnier, Bankenexperte beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young. Für die Wirtschaft insgesamt kann die Wirkung trotzdem ähnlich sein, wie wenn die Bank weniger Kredit vergibt.
Die Experten der Bank konstruieren Wertpapiere
Das Beispiel der Commerzbank zeigt ein Sammelsurium unterschiedlicher Maßnahmen. Die Bank hat - klamm und heimlich - von Oktober bis Dezember sogenannte „risikogewichtete Aktiva“ (das sind etwa Kredite, Anleihen, Forderungen) im Wert von mehr als 17 Milliarden Euro abgebaut. Ungefähr genau so viel will sie im ersten Halbjahr dieses Jahres schrumpfen.
In dem Programm finden sich die unterschiedlichsten Posten. Einiges davon könnte man unter „erwünschtes Schrumpfen“ rechnen - anderes unter „unerwünschtes“.
So hat die Bank kleinere Firmenbeteiligungen verkauft - und sogar ein Hochhaus: den sogenannten „Silberturm“ in Frankfurt, die frühere Zentrale der Dresdner Bank. Außerdem hat die Bank sich von Wertpapieren getrennt, die aus der Zeit vor der Finanzkrise stammten - sogenannte „Giftpapiere“. Das könnte man als „erwünschtes Schrumpfen“ bezeichnen.
Allerdings verbrieft die Bank auch Kredite im großen Stil. Sie macht das in Form sogenannter synthetischer Verbriefungen: Große Mengen von Krediten an Unternehmen, aber auch an private Bauherren aus dem Bestand der Bank werden gebündelt. Daraus konstruieren die Experten der Bank Wertpapiere, die sie an institutionelle Investoren weiterreichen - Pensionsfonds und Versicherungen etwa.
Nicht im Sinne der Politiker und Aufseher
Die Kredite bleiben formal bei der Bank. Der Kreditnehmer merkt das nicht mal. Aber ein Teil des Risikos wird weitergereicht.
Solche Wertpapiere sind offenbar beliebt, weil Versicherungen und Fonds die Anlagemöglichkeiten ausgehen, seit viele Staatsanleihen unsicher geworden sind. Und die Banken mögen diese Wertpapiere, weil sie für Kredite, deren Risiko sie weitergeben, kein Eigenkapital brauchen. Im Sinne der Politiker und Aufseher aber ist eine Verschiebung von Risiken von (regulierten) Banken an (nicht regulierte) Investoren wohl eher nicht.
Der Münchener Ökonom Hans-Werner Sinn meint, die Politiker seien selbst schuld, wenn das Schrumpfen der Banken jetzt nach hinten losgehe. Man hätte den Banken nicht selbst überlassen sollen, ob sie mehr Eigenkapital aufnehmen oder schrumpfen wollen. Man hätte sagen sollen: Das Eigenkapital muss steigen, in Bezug auf die Bilanzsumme zu einem Stichtag vor der Einführung des Gesetzes. „Die Banken hätten sich dann tatsächlich mehr Eigenkapital besorgen müssen - ohne die Bilanzsumme zu kürzen.“
Phantasieland
Joachim Schroeder (Pequod)
- 22.01.2012, 19:27 Uhr
Unerwünschtes Schrumpfen
Rudolf Feil (Ruffel007)
- 22.01.2012, 17:38 Uhr
Kreditkontraktion .. aber gleichzeitig mehr Geld auf Staatsseite - die Folge
Alex Merck (AlexM3)
- 22.01.2012, 15:37 Uhr
Es gibt auch viel mehr das muss getan werden
Gerard Ryan (Irishexiled)
- 22.01.2012, 09:30 Uhr
Hier passiert einfach das Gegenteil von Giralgeldschöpfung
Bettina Centura (bettercentury.blogspot)
- 22.01.2012, 03:00 Uhr