Die jüngsten Nachrichten zu Griechenland vermitteln den Eindruck, da drücke jemand die „Repeat“-Taste. Griechenland soll womöglich zwei Jahre Aufschub bekommen. Um über diese Zeit zu kommen, brauchen die Griechen 20 bis 30 Milliarden Euro mehr Geld. Mehr Zeit und mehr Geld - alles schon mal gehört.
Die Lösung für das Land, oft verkündet, hat sich stets als Illusion erwiesen. Der Schuldenberg bleibt. 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen heute die Schulden der Griechen. Selbst wenn sie über Nacht ihre Wirtschaftskraft verdoppeln würden, blieben immer noch 90 Prozent. Das ist genau die Grenze der Verschuldung, von der an es für Staaten in der Geschichte immer gefährlich wurde - also immer noch zu viel.
Die Idee übt eine große Faszination aus
Und Griechenland ist nur das Land mit den größten Problemen in der Welt der Schulden. In den Industriestaaten ist der Schuldenstand so hoch wie zum letzten Mal während des Zweiten Weltkriegs (siehe Grafik). Portugal, Spanien, Italien sind höchstverschuldet. Aber auch die Vereinigten Staaten haben die 90-Prozent-Grenze längst überschritten, Japan liegt sogar über 200 Prozent. Und Deutschland rückt gefährlich nahe an die 90 Prozent heran.
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Es ist nicht überraschend, dass in einer solchen Situation eine so simple wie radikale Idee auftaucht. Wieso erlassen sich nicht alle gegenseitig die Schulden und fangen neu an?
Die Idee übt eine große Faszination aus - vielleicht auch weil sie so simpel ist, dass sie ein Erstklässler begreifen kann. Ihre Fürsprecher findet sie im Milieu der Globalisierungskritiker und Occupy-Demonstranten. Der Anthropologe David Graeber verleiht der Idee eine Stimme. In seinem Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ schreibt er: „Es scheint mir, dass es längst Zeit ist für ein biblisches Jubelfest“ - also für ein Fest, bei dem alle Schulden erlassen werden. Nichts sei wichtiger, als „reinen Tisch zu machen für alle... und neu zu beginnen“.
Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent keine Seltenheit
Auch Organisationen wie die britische „Jubilee Debt Campaign“, die sich einst für den Schuldenerlass zugunsten afrikanischer Staaten eingesetzt hat, schwenken um. Sie fordern ein Jubeljahr des Schuldenerlasses: zuerst für Griechenland, später für die ganze Welt.
Frustration über die verfahrene Lage in Europas Schuldenstaaten befeuert solche Ideen. Und die Kenntnis der Wirtschaftsgeschichte. Denn weder Schuldenerlasse noch einseitige Schuldenstreichungen sind etwas Neues. Zu diesem Mittel haben Menschen, Unternehmen und Staaten seit Jahrtausenden immer wieder gegriffen. Häufig mit positiven Wirkungen, zumindest für den Schuldner.
„Ein Schuldenerlass für Staaten hat sich in der Vergangenheit durchweg positiv ausgewirkt auf den Schuldner“, sagt Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics. „Es gab danach regelmäßig einen stürmischen Wiederaufschwung.“ Das hat man mehrere Male in Argentinien gesehen, aber auch in Russland im Jahr 1998 und in Deutschland in den 50er Jahren. Wachstumsraten von fünf bis acht Prozent waren da keine Seltenheit.
Das große Jubeljahr hätte ungünstige langfristige Folgen
Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach einem solchen Befreiungsschlag wächst, vor allem in Ländern wie Griechenland, die wirtschaftlich darniederliegen. Ein Schuldenerlass für alle, das klingt zudem gerecht. Denn dabei würden nicht nur die Länder belohnt, die in der Vergangenheit vollkommen über die Stränge geschlagen haben wie Griechenland, sondern auch solidere wie Deutschland.
