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Veröffentlicht: 20.04.2017, 20:38 Uhr

Zukunft der Europäischen Union Warum kleine Staaten einfach besser sind

Mehr Zentralisierung und noch mehr Vergemeinschaftung in der EU sind nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Sind eigenständige kleine Staaten ökonomisch vorteilhafter? Ein Gastbeitrag.

von Philipp Bagus
© dpa In der Hanse haben kleine Staaten über Jahrhunderte erfolgreich zusammengearbeitet - die Altstadt von Lübeck mit dem Holstentor im Vordergrund.

Jean-Claude Juncker behauptete vor kurzem, Europa ginge mit „militärischer Kleinstaaterei“ unter. Die Europäische Union steht nach dem Brexit-Entscheid am Scheideweg. Soll es mehr Zentralisierung geben, oder liegt die Zukunft im Wettbewerb kleiner Staaten? Der Harvard-Ökonom Alberto Alesina argumentiert in seiner Theorie über die optimale Staatengröße, dass ein großer Staat sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringe. Er nennt fünf Hauptvorteile von Größe. Erstens sänken mit der Anzahl der Steuerzahler auch die Kosten pro Kopf vieler öffentlicher Güter.

Zweitens verfügten größere Staaten über größere Märkte, wodurch Produktivitätsvorteile entstünden. Drittens könnten größere Staaten ihre Bürger besser schützen. Viertens würden große Länder ihren Regionen eine „Versicherung“ bieten. Käme es in Katalonien zu einer Naturkatastrophe, so würde es vom übrigen Spanien mehr Hilfen bekommen, als es als unabhängiger Staat aufbringen könnte. Fünftens könnten externe Effekte in großen Staaten besser internalisiert werden.

Die Hanse als Vorbild

Aber größer ist nach Alesina nicht automatisch besser. Schließlich stiegen die Kosten für Verwaltung und Überfüllung mit der Staatsgröße. Noch wichtiger sei eine wachsende Unzufriedenheit mit der Politik. Je kleiner die Staaten, desto homogener sind tendenziell die Präferenzen der Bevölkerung. Ein Kleinstaat kann den Präferenzen besser gerecht werden, womit es weniger Konfliktpotential in der Bevölkerung gibt im Vergleich zu heterogeneren Großstaaten. Nach Alesina ist die Frage der optimalen Staatsgröße daher eine Abwägung. Eine weitere Zentralisierung in der EU wäre nicht automatisch besser. Zunächst müsste festgestellt werden, ob die Vorteile die Nachteile überwögen.

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Obwohl Alesina zuzustimmen ist, dass groß nicht automatisch besser ist, muss man seiner Argumentation noch einiges hinzufügen. Die angeführten Vorteile von Großstaaten überzeugen uns nicht, und viele Nachteile von Großstaaten werden unterschlagen. Öffentliche Güter können nicht nur innerhalb eines Staates, sondern auch in einer Kooperation unabhängiger Staaten bereitgestellt werden. Nichts hindert ein unabhängiges Friesland und die Niederlande daran, eine durchgängige Deichlinie zum Schutz der Küste zu bauen. Auch Verteidigungsbündnisse sind möglich, wie die Hanse über Jahrhunderte erfolgreich vormachte. Es spricht einiges dafür, dass die kooperative Bereitstellung von öffentlichen Gütern der optimalen Menge dieser Güter näher kommt als die monopolistische Bereitstellung im Großstaat.

Zwei Argumente entkräftet

Zudem ist die Größe eines Marktes nicht an Staatsgrenzen gebunden. Freihandel vergrößert den Markt und ermöglicht Produktivitätsgewinne. Nun sind aber gerade Kleinstaaten dem Freihandel gewogener als Großstaaten. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sich die Vereinigten Staaten abschotten und eine Mauer zum Nachbarstaat bauen, als dass Liechtenstein dies täte. Die Kosten der Autarkie sind für Liechtenstein viel größer. Während die Vereinigten Staaten viele Güter im eigenen Land herstellen können, ist Freihandel für Kleinstaaten überlebenswichtig. Sie sind auf ungehinderte Importe angewiesen, daher sind sie friedlicher. Sie können sich keinen Krieg leisten. Großstaaten können es eher wagen, aggressiv zu sein und Weltpolitik zu betreiben. Sie verfügen über die notwendigen Ressourcen und können kriegsbedingte Handelsstörungen überstehen.

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